Vom „Kontrolleur“ über den Wolken zur Promotion

Sein Studium hat Henrik Lührs wissenschaftliches Arbeiten gelehrt. Das hilft ihm bei seinen Lehrbüchern für Piloten. Als Wissenschaftler profitiert er von seinen verlegerischen Erfahrungen.


Henrik Lührs ist Pilotenausbilder, Autor, Verleger, Historiker und Promovend an der FernUniversität

Steil nach oben: So, wie es sich für einen Piloten gehört, entwickelte sich Henrik Lührs „Start Up“, einen Verlag, bisher. Der „Treibstoff“ enthält nicht zuletzt einen kräftigen Schuss (wissenschaftliches) Know-how und persönliche Kompetenzen, die der Meerbuscher bereits im Bachelor-Studium an der FernUniversität in Hagen erwerben konnte. Der 35-Jährige ist Verkehrspilot und Lehrer für Flugtheorie, Buchautor, Gründer und Geschäftsführer eines Verlages, Bachelor- und Masterabsolvent sowie wissenschaftliche Hilfskraft im Lehrgebiet Neuer Europäische und Außereuropäische Geschichte. Und alles hat mit allem zu tun.

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Henrick Lührs hat für seine Tätigkeiten als Autor und als Verleger viel an der FernUniversität gelernt.

Kürzlich konnte Henrik Lührs – nach 14 Büchern für die Pilotenausbildung – ein Kinder- und Jugendsachbuch über die Welt des Fliegens veröffentlichen. Er erhebt nicht den Anspruch, damit ein wissenschaftliches Werk verfasst zu haben. Dass ihm jedoch seine Kompetenzen beim wissenschaftlichen Arbeiten auch hierbei geholfen haben, steht für ihn außer Frage.

Wie man wissenschaftlich arbeitet und schreibt, hatte Lührs an der FernUniversität bereits im Bachelorstudium Kulturwissenschaften zwischen 2004 und 2007 gelernt. 2007 bis 2013 absolvierte er den Masterstudiengang Europäische Moderne mit Schwerpunkt Geschichte und war bereits als wissenschaftliche Hilfskraft im Lehrgebiet tätig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Außereuropäischen Geschichte seit dem 19. Jahrhundert: Kolonialismus, Dekolonisation und die Rückwirkungen der Europäischen Expansion. Seit Anfang 2014 arbeitet der Historiker an der FernUniversität an seiner Promotion.

Wie kommt ein Verkehrspilot zu einem kulturwissenschaftlichen Studium und dann zu einem historischen Promotionsvorhaben? Wie viele Jungen wollte Lührs schon als Kind und Jugendlicher Pilot werden. Die Pilotenrealität stimmte mit seinen Vorstellungen jedoch nicht überein: „Ich konnte keine eigenen Ideen einbringen, das geht in diesem Beruf gar nicht. Wie ein Kontrolleur arbeitet man nur lange Checklisten ab und achtet im Wesentlichen darauf, dass bestimmte Arbeitsabläufe eingehalten werden, die andere entwickelt haben.“ Trotzdem war die 2001 abgeschlossene Ausbildung nicht vergebens, als Theorieausbilder in den Fächern Navigation, Meteorologe und Flugplanung „kann ich Piloten etwas vermitteln – und Spaß macht diese Arbeit auch“.

„Was also jetzt?“ fragte er sich dann. Da er ja als Ausbilder tätig war, kam nur ein Fernstudium infrage. Auf seiner Wunschliste stand Luft- und Raumfahrttechnik ganz oben. Das gab es nicht im Fernstudium. Doch er interessierte sich schon immer für Geschichte und Gesellschaft. Und schrieb sich in Hagen ein.

Bereits während seines Bachelorstudiums war Lührs 2007 Mitbegründer eines Verlages, dessen Geschäftsführer er ist. Für seine Tätigkeit als Ausbilder schrieb er eigene Skripte, aus denen Lehrbücher für Piloten entstanden: „Ich habe ja bereits im Bachelorstudium gelernt, wie man Hausarbeiten verfasst. Das konnte ich auf die Arbeit an meinen eigenen Lehrbüchern übertragen, obwohl es ein ganz anderes Fachgebiet ist.“

Seine erste Frage ist: „Was will ich vermitteln?“ An ihr richtete er seine Gliederung aus. Lührs: „Das strukturierte Vorgehen entsprechend den wissenschaftlichen Standards hat wunderbar geklappt.“ 14 Lehrbücher, jeweils zwischen 100 und 250 Seiten lang, hat er bisher selbst verfasst. Die meisten Piloten, die in den letzten Jahren ausgebildet wurden, dürften mit seinen Werken gelernt haben: „Es gibt nur wenige Verlage, die auf diesem Gebiet aktiv sind, und nur zwei Buchreihen – eine davon ist von uns. In bestimmten Bereichen sind wir Marktführer.“

Andererseits profitiert auch für seinen wissenschaftlichen Veröffentlichungen: „Ich bereite sie leserfreundlicher auf und weiß, wie man Grafiken optimal platziert. Ohne meine Verlagserfahrung würde mir das fehlen.“ Auch Artikel über geschichtliche Themen für Nicht-Wissenschaftlerinnen und Nichtwissenschaftler verfasst der Historiker so: mit hohem Anspruch und mit Unterhaltungswert, professionell recherchiert und ansprechend aufbereitet.

Luftfahrt spielt Rolle bei Dissertation

Auch wenn bei seinem Promotionsvorhaben die Luftfahrt nicht im Vordergrund steht, spielt sie (natürlich) eine Rolle. Es geht dabei um die Dekolonisation Ostafrikas und um die Frage, wie ehemalige Kolonien von der vorhandenen Verkehrsinfrastruktur profitieren konnten, nicht zuletzt von der im Luftverkehr. Auch hier passen die Kenntnisse des Luftverkehrs zu den Anforderungen der Wissenschaft: „Durch meine Teilzeittätigkeit an der FernUni fehlt mir die Zeit für eine Spezialisierung. Dafür kann ich Wissen aus einem Bereich einbringen, in dem ich mit ganz gut auskenne.“

Sachbuch für junge Leserinnen und Leser

Sein neuestes Buch „Luftfahrt – Spannendes Wissen rund um die Welt des Fliegens“ ist anders als die vorherigen. Es wendet sich an ein breiteres und jüngeres Publikum: „Es hat mich sehr gereizt, ein Kinderbuch zu schreiben, damit kann ich ebenfalls etwas vermitteln.“ Als Grundschullehrerin konnte Lührs‘ Ehefrau Katja die Inhalte für Kinder und Jugendliche verständlich aufbereiten.

Natürlich spielt die historische Entwicklung der Fliegerei in einem Kapitel eine wichtige Rolle. Henrik Lührs: „Es ist kein wissenschaftliches Werk, sondern ein Kinder- und Jugendsachbuch, für das ich gut die Vorarbeit leisten konnte.“

Gerd Dapprich | 23.07.2014