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Aktuelles - September 2014

Leichtfertige Verabschiedung von rationalen Standards

Prof. Dr. Hubertus Busche über die Abkehr vom „Gerechten Krieg“

Prof. Dr. Hubertus Busche
Prof. Dr. Hubertus Busche leitet das Lehrgebiet Philosophie I an der FernUniversität in Hagen. Foto: Veit Mette

Kann ein Krieg gerecht sein? Seit der Antike wird das Konzept des „Gerechten Krieges“ diskutiert. Anlässlich des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren erklärt Prof. Dr. Hubertus Busche, Leiter des Lehrgebiets Philosophie I an der FernUniversität in Hagen, wie die Befürworter des Ersten Weltkrieges die über Jahrhunderte entwickelten Kriterien des „Gerechten Kriegs“ preisgaben.

Wie wurde der Erste Weltkrieg in der Philosophie gerechtfertigt?

Es war nicht die Tradition des „Gerechten Krieges“, aus der sich die Kriegsbegeisterung gespeist hat. Im Gegenteil. Die Kriegsbefürworter gaben vielmehr die rationalen Standards der Beurteilung von Kriegen preis. Leider muss man sagen, dass die Befürworter des Ersten Weltkrieges unter den Intellektuellen in Europa die Mehrheit hatten. Das gilt nicht nur für die Philosophie, sondern auch für die Literatur und für die Kunst. Die Intellektuellen waren im Unterschied zur allgemeinen Bevölkerung gleichsam infiziert von Kriegseuphorie. Das heißt aber nicht, dass es in der Philosophie nicht Gegenstimmen gab, etwa die von Ernst Bloch, Georg Lukács, Gustav Landauer oder Hans Driesch. Aber in der Mehrzahl waren diejenigen, die den Krieg befürworteten. Sie verabschiedeten sich leichtfertig von der traditionellen philosophischen über Jahrhunderte entwickelten Lehre vom Gerechten Krieg. Diese wird oft missverstanden als eine Befürwortungsideologie des Krieges. Das war sie gerade nicht.

Was war sie dann?

Die Lehre vom Gerechten Krieg wollte dem Krieg rationale Fesseln anlegen, um Anzahl und Ausmaß militärischer Gewalt zu minimieren. Deshalb entwickelte sie Kriterien, die alle zugleich erfüllt sein mussten, damit ein Krieg gerade noch als gerechtfertigt gelten konnte. Erstens musste überhaupt ein gerechter Kriegsgrund (iusta causa) vorliegen; das war entweder die Verteidigung, die Wiedererlangung entwendeter Staatsgüter oder bei schlimmen Menschheitsverbrechen eine Bestrafung. Zweitens durfte ein Krieg nur das letzte Mittel (ultima ratio) nach dem Scheitern aller Diplomatie sein. Und drittens musste der Krieg eine verhältnismäßige Reaktion auf noch größere Übel sein, also die proportionalitas innerhalb militärischer Gewalt gewährleisten. Von diesen drei Gründen verabschiedeten sich diejenigen, die den Ersten Weltkrieg begrüßten.

Welche Namen und Argumente sind mit der Abkehr von den Kriterien verbunden?

Repräsentative Beispiele für die Verabschiedung von den Rationalitätsstandards des „Gerechten Kriegs“ sind Rudolf Eucken, Max Scheler, Georg Simmel und Martin Buber. Sie versuchten dem Krieg einen höheren Sinn zu verleihen. Obwohl alle vier jeweils auch spezifische Argumente vorbrachten, ist ihnen doch gemeinsam eine Art Pädagogisierung des Krieges. Sie priesen den Krieg als Mittel zur „sittlichen Stärkung“ oder „Veredlung“ des Geistes. Denn teils mache er dem Einzelnen wieder bewusst, was die wahren, natürlichen Zwecke des Menschen sind, die von den künstlichen Bedürfnissen der modernen Gesellschaft überwuchert worden seien. Teils überwinde der Einzelne im Kampf für das Vaterland seinen natürlichen oder bourgeoisen Egoismus, indem er sich zum Glied eines Ganzen macht. Derartige Argumente genügten den Bellizisten zur Rechtfertigung des „Großen Krieges“.

Sie haben jüngst den Sammelband „Die Humanitäre Intervention in der ethischen Beurteilung“ herausgegeben. Sind die humanitären Interventionen der heutigen Zeit gerechte Kriege?

Es ist eine schwierige Frage, ob und wann man militärische Gewalt anwenden darf, um den Menschen, die unter militärischer Gewalt schrecklichen Ausmaßes leiden, zu helfen. Am schönsten wäre natürlich der Pazifismus, doch dieser wird oft unfreiwillig zum Komplizen der Barbarei. In jedem Falle muss eine humanitäre Intervention sich an sehr strenge Kriterien halten, damit sie nicht als Deckmantel für den Hunger nach Macht oder Energiequellen missbraucht wird und die Gewalt nicht noch potenziert. In diesem Zusammenhang sehr zu begrüßen ist die Konzeption der Schutzverantwortung oder „Responsibility to Protect“ (R2P), die 2005 auf dem Weltgipfel der UN fast von allen Mitgliedstaaten anerkannt wurde. Sie gebietet denjenigen, die intervenieren, zum Beispiel dafür zu sorgen, dass die Intervention möglichst kurz ist, Menschenleben schont und dass nachher wieder aufgebaut wird. Es handelt sich also gewissermaßen um eine Fortsetzung der Kriteriologie des „Gerechten Krieges“ mit anderen Denkmitteln.

Carolin Annemüller | 09.09.2014

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Dieser Artikel gehört zu einem dreiteiligen Forschungs-Dossier. Lesen Sie auch:

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