„Staatsbürgerschaft“ als primäres Signum politischer Zugehörigkeit

Prof. Dieter Gosewinkel (Berlin) spricht am 6. Oktober in der Reihe Europäische Verfassungswissenschaften der FernUniversität. Die Vortragsveranstaltung ist öffentlich.


Vortrag „Kämpfe um Zugehörigkeit in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts“

In seinem Vortrag „Staatsbürgerschaft. Kämpfe um Zugehörigkeit in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts“ am Montag, 6. Oktober, vertritt Prof. Dr. Dieter Gosewinkel (Freie Universität Berlin) die These, dass das primäre Signum politischer Zugehörigkeit in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts die „Staatsbürgerschaft” ist. Die öffentliche Veranstaltung in der Reihe Europäische Verfassungswissenschaften findet unter dem Dach des Hagener Forschungsdialogs der FernUniversität in Hagen statt. Veranstaltet wird sie vom Dimitris-Tsatsos-Institut für Europäische Verfassungswissenschaften. Beginn ist um 18 Uhr im AVZ-Gebäude, Universitätsstr. 21, 58097 Hagen, 1. OG, Raum B118 (Kleiner Senatssaal).

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Die Zugehörigkeit eines Menschen zu einer politisch verfassten Gemeinschaft entscheidet über seine Lebenschancen, vielfach auch Überlebenschancen. Der Beitrag vertritt die These: Das primäre Signum politischer Zugehörigkeit in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist die „Staatsbürgerschaft”. Das heißt, die rechtliche und soziologische Kategorie der Staatsbürgerschaft ist diejenige, die in der Fülle der Abstufungen politischer Zugehörigkeit maßgeblich für die Begründung und Verteilung der Lebenschancen von Individuen ist. Die herausragende Bedeutung der Staatsbürgerschaft unterscheidet das 20. Jahrhundert signifikant von vorangehenden historischen Phasen und anderen Formen politischer Zugehörigkeit. Diese These wird anhand mehrerer Kategorien überprüft, die politische Zugehörigkeit im 20. Jahrhundert konstituierten: die Zugehörigkeit zur Religion, zu politischen Parteien, zu Nation und Staat, schließlich zu einer Klasse. Die dominante Stellung der Staatsbürgerschaft erwuchs aus der Politisierung der rechtlichen Institution. Mit der Demokratisierung politischer Herrschaft, erweiterten politischen Teilhaberechten, dem Ausbau sozialer Rechte und der zunehmenden Abschließung der Staaten gegeneinander wuchs die Bedeutung der Staatsbürgerschaft für den Einzelnen, indem sie in zunehmendem Maße Religion, politische Parteien, Nation und Klasse als Kategorien der Zugehörigkeit überlagerte und verdrängte. Auch die gegenwärtigen Prozesse der Transnationalisierung und Globalisierung bewirken nur eine graduelle, nicht eine essentielle Veränderung dieser Vorrangstellung der Staatsbürgerschaft, denn die Notwendigkeit, politische Zugehörigkeit zu stiften und abzugrenzen, bleibt eine primäre Funktion des Staates, auch wenn er seinen Charakter als Nationalstaat zunehmend verliert.

Gerd Dapprich | 16.09.2014