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Aktuelles - September 2014

Tragische Verkettung löste den Krieg aus

Das Attentat von Sarajevo

Sechs Personen sitzen in einer schwarzen Limousine. Ein historischer Moment: Erzherzog Franz Ferdinand und Ehefrau Herzogin Sophie fahren zum Rathaus-Empfang. (Bildquelle: Stiftung Preußischer Kulturbesitz)
Historischer Moment: Erzherzog Franz Ferdinand und Ehefrau Herzogin Sophie fahren zum Rathaus-Empfang. (Bildquelle: bpk / Stiftung Preußischer Kulturbesitz)

Die am Ersten Weltkrieg beteiligten Länder sind nicht einfach in den Krieg „hineingeschlittert“. Das ist inzwischen Stand der Forschung. „Tatsächlich muss man davon ausgehen, dass Deutschland und Österreich-Ungarn spätestens nach der Ermordung Franz Ferdinands in Sarajevo auf einen Krieg der Donaumonarchie gegen Serbien drängten und damit auch den Weg in den großen Krieg eröffneten“, sagt Wolfgang Kruse. Er ist außerplanmäßiger Professor am Lehrgebiet Neuere Deutsche und Europäische Geschichte der FernUniversität in Hagen und Experte zur Geschichte des Ersten Weltkrieges.

Während die Frage nach den Kriegsursachen und der Kriegsschuld aus aktuellem Anlass Konjunktur haben, findet sich kaum Konkretes über das Attentat von Sarajevo. Dabei ist es nicht nur der Kriegsanlass, sondern auch so absurd in seinem Ablauf, dass der Tod des Thronfolgers letztlich eine Verkettung tragischer Umstände war.

Gefahr unterschätzt

28. Juni 1914, 10.15 Uhr: An der West-Grenze von Sarajevo fährt gerade eine Wagenkolonne los. Im zweiten der sechs schwarzen Limousinen sitzt Franz Ferdinand, Erzherzog und Erbe des österreichisch-ungarischen Throns. Neben ihm sitzt seine Frau Sophie. In einer Stunde wird der Thronfolger tot sein – und Europa für immer ein anderes.

Kurz nach zehn Uhr rollt die Kolonne am Garnisonsspital vorbei. Die Wagen fahren jetzt parallel zum Appel-Kai zum feierlichen Empfang im Rathaus. Schaulustige säumen die Promenade. Franz Ferdinand und Sophie winken – in diesem Moment sicher auch zu Muhamed Mehmedbasic, einem von sechs Attentätern. „Die Attentäter gehörten zu einer großserbisch-nationalistischen Bewegung, die Bosnien und Herzegowina von der österreichisch-ungarischen Annexion befreien wollten“, erklärt apl. Prof. Dr. Wolfgang Kurse. Wien wusste von den Attentatsplanungen. Aber: „Offenbar wurde die Gefahr völlig unterschätzt“, meint Wolfgang Kruse.

Fünf Attentäter versagen

Die Staatskarossen sind jetzt an der Cumurija-Brücke und werden langsamer: „Ich möchte mir alles genauer ansehen“, sagt Franz Ferdinand seinem Fahrer. Weiter vorn bahnt sich Mehmedbasic einen Weg durch die jubelnde Menge. Der erste Wagen fährt jetzt an ihm vorbei, der Attentäter greift in seine Tasche, zieht eine Handgranate und zielt – dann fährt der Wagen Franz Ferdinands an ihm vorbei.

Später wird Mehmedbasic der Polizei sagen, er habe „Angst bekommen“, nachdem ihn jemand von hinten berührt hatte. Doch auch Cvetko Popovic, Vaso Cubrivolic und Trifko Grabez bleiben tatenlos. Als „Gentleman“ haben ihn Skrupel „wegen der Herzogin“ überkommen, sagt Cubrivolic später. Auch Popovic überkamen Zweifel. Grabez zögerte, weil zu viele Menschen um ihn waren.


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Keine kaltblütigen Killer

Es waren keine kaltblütigen Killer: „Es waren vor allem Studenten und Abiturienten, die sich für ein Großserbisches Reich einsetzen wollten“, erklärt Wolfgang Kruse. Der fünfte Attentäter ist Nedeljko Cabrinovic und als Franz Ferdinand gegen halb elf fast am Rathaus ist, wirft er seine Sprengladung und trifft – allerdings nicht sein Ziel. Die Bombe detonierte vor einem anderen Wagen. Zwei Insassen wurden schwer verletzt. Nedeljko Cabrinovic schluckt anschließend Zyankali und stürzt sich in die Miljacka. Doch auch hier hat er Pech: Das Gift wirkt nicht und die Strömung treibt ihn zurück ans Ufer, direkt in die Arme der Polizei.

Nach dem Attentatsversuch möchte Franz Ferdinand zurück ins Hotel. Nur einige versehrte Truppen will er noch im Garnisonsspital besuchen. Um den Thronfolger zu schützen, vereinbaren die Behörden eine alternative Route. Geplant wird die Rückfahrt wieder über den übersichtlichen Appel-Kai, nicht durch die verwinkelte Altstadt. Das erfährt Franz Ferdinands Fahrer aber nicht: „Ein fataler Fehler!“, so Wolfgang Kruse. Kurz nach halb elf fährt die Kolonne zurück. Aber eigentlich besteht keine Gefahr mehr. Nach den missglückten Attentatsversuchen und der Festnahme Cabrinovics hatten sich die Verschwörer verstreut. Student Gavrilo Princip, der sechste Attentäter, wollte sich vor der Heimkehr nur noch kurz stärken.

Verkettung fataler Umständen

Gerade kommt Princip aus einem Geschäft an der Kreuzung Franz-Joseph-Straße/Lateiner-Brücke, als eine schwarze Limousine mit offenem Verdeck an ihm vorbei rollt.

Franz Ferdinands Fahrer war inzwischen über die neue Route informiert und wollte gerade wenden. Entschlossen zieht Princip seine Pistole und feuert: Die erste Kugel trifft Herzogin Sophie in den Unterleib. Die zweite trifft den Hals des Thronfolgers. Dann rast die Kolonne zum wenige hundert Meter entfernten Gouverneurspalast.

10.55 Uhr: Regimentsarzt Carl Wolfgang kann nach mehreren Wiederbelebungsversuchen nur noch den Tod des Thronfolgers feststellen. Herzogin Sophie starb noch im Wagen. Der Attentäter wird um 11.15 Uhr festgenommen. Da hatte auch er einen missglückten Selbsttötungsversuch hinter sich: Er erbrach das Zyankali wieder.

Trotz Planung im Voraus und sechs Attentäter vor Ort – der Thronfolger stirbt durch die tragische Verkettung zweier Umstände: das fatale Versäumnis, Franz Ferdinands Fahrer die geänderte Route mitzuteilen und Gavrilo Princips Hunger.

Transkript: Audio-Einordnung apl. Prof. Dr. Wolfgang Kruse

Der Attentäter von Sarajevo, Gavrilo Princip, ist eine durchaus umstrittene historische Figur. Für die österreichisch-ungarische Justiz, und auch für die Öffentlichkeit, war er schlicht ein Mörder, der nur wegen seines jugendlichen Alters der Todesstrafe entging und bis zu seinem frühen Tode im Jahre 1918 in strengster Isolationshaft gehalten wurde. In Serbien dagegen, aber auch bei vielen anderen unterdrückten Nationalitäten der Habsburger Monarchie, galt er als ein Freiheitskämpfer, der vielfach durch Denkmäler, Erinnerungstafeln oder Straßenbenennungen posthume Ehrung erhalten hat. Für die Geschichtswissenschaft stellt sich vor allem die Frage, ob Princip und seine Mitverschwörer Schuld am Ersten Weltkrieg waren. Zweifellos hätte dieser Krieg im Sommer 1914 nicht begonnen, wenn es nicht zu dem Attentat auf den Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie gekommen wäre. Andererseits aber, musste dieses Attentat keineswegs zwangsläufig zur Auslösung eines Weltkrieges führen. Dafür waren im Wesentlichen andere Faktoren verantwortlich. Sowohl in den langfristigen Strukturentwicklungen von Imperialismus, Nationalismus, Militarismus und Block-Konfrontation als auch in den kurzfristigen Entscheidungen während der sogenannten Julikrise – nicht allein, aber doch vor allem durch die politische Führung in Deutschland und in Österreich-Ungarn. Ob es ohne das Attentat im Zeitalter des Imperialismus letztlich trotzdem zu einem großen Krieg gekommen wäre, darüber kann man nur spekulieren. Unwahrscheinlich war dies angesichts der vielfältigen Konflikt- und Krisenherde zweifellos nicht. Gavrilo Princip aber wollte nicht die Welt in Brand setzen und auch nicht das Zeitalter des totalen Krieges heraufbeschwören. Ihm ging es mit seiner Tat vielmehr darum, die Herrschaft der Habsburger auf dem Balkan zu brechen und einem geeinten Jugoslawien unter serbischer Führung den Weg zu bereiten. Dass er damit die Lunte an ein Pulverfass gelegt hat, das stand jenseits seiner Erwägungen und weitgehend auch jenseits seiner Verantwortung.

Matthias Fejes | 09.09.2014

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Dieser Artikel gehört zu einem dreiteiligen Forschungs-Dossier. Lesen Sie auch:

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