Warum der „Große Krieg“ begann

Die deutsche Politik hat den Ausbruch des Krieges entscheidend vorangetrieben - zu Zeiten einer ohnehin angespannten machtpolitischen Lage im Europa von 1914.


Erster Weltkrieg – Ursachen, Auslösung, Schuld

Männer in Uniformen aus der Kaiserzeit sitzen und stehen um einen großen Tisch: Kaiser Wilhelm II. (vor dem Kartentisch) im Kreise seiner Generäle und Admiräle.
Kaiser Wilhelm II. (vor dem Kartentisch) im Kreise seiner Generäle und Admiräle. (Bildquelle: bpk / Geheimes Staatsarchiv, SPK / Bildstelle GStA PK)

„Damit ist jeder Kriegsgrund entfallen.“ Das notierte Wilhelm II., Deutscher Kaiser und König von Preußen, am Vorabend des Ersten Weltkrieges an den Rand einer diplomatischen Note Serbiens. Vier Jahre später ging der Erste Weltkrieg mit mehr als zehn Millionen Toten als bis dahin schrecklichster in die Geschichte ein. Der Kriegsausbruch ist nun 100 Jahre her, doch wie kam es dazu?

„Über wenig wurde und wird in der Geschichtswissenschaft so intensiv geforscht und gestritten“, sagt Wolfgang Kruse, außerplanmäßiger Professor am Lehrgebiet Neuere Deutsche und Europäische Geschichte der FernUniversität in Hagen und ein gefragter Experte. Das hat auch etwas mit der Kriegsschuld-Frage zu tun. Für Prof. Kruse erklären sich Kriegsursachen aus langfristigen Entwicklungen, die konkrete Kriegsauslösung aus kurzfristigen Entscheidungen – vor allem während der Julikrise. Und hier lasse sich die Frage nach der Kriegsschuld auch nicht ausklammern. Für den Hagener Historiker steht fest: „Die deutsche Politik hat während der Julikrise entscheidend zur Kriegsauslösung beigetragen.“

Daran ändere sich auch durch die aktuellen Publikationen von Christopher Clark und Herfried Münkler wenig, deren öffentliche Resonanz Kruse eher geschichtspolitisch als wissenschaftlich begründet sieht. Von einer deutschen Alleinschuld am Ersten Weltkrieg habe selbst der in seinen Positionen nun oft bis zur Unkenntlichkeit verzeichnete Historiker Fritz Fischer nicht gesprochen. Und die Ergebnisse jahrzehntelanger Forschung im Gefolge der sogenannten „Fischer-Kontroverse“ seien für die Beurteilung des kriegstreiberischen Charakters der deutschen Politik weiterhin gültig. Auch wenn Clark das Bewusstsein für die machtpolitischen Orientierungen in Serbien, Russland und Frankreich zweifellos geschärft habe.

Pulverfass Balkan

Am Anfang der Entwicklungen zum Kriegs-Ausbruch standen Machtverschiebungen auf dem Balkan: „Angesichts der Schwäche des Osmanischen Reiches war im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ein Machtvakuum auf dem Balkan entstanden“, ordnet Prof. Kruse ein. Das wollten mehrere europäische Nationen ausfüllen. Russland war nach der Ideologie des „Panslawismus“ die Schutzmacht der slawischen Völker. Außerdem interessierte sich der Zar für einen Mittelmeerzugang über den Balkan. Serbische Nationalisten träumten von einem Großserbischen Reich mit den Staaten des Süd-Balkans. Österreich-Ungarn wollte expandieren. Aber: „Nachdem man 1908 selbst Bosnien-Herzegowina annektiert hatte, fühlte sich die Donaumonarchie durch die Machtbestrebungen des in den Balkankriegen 1912/13 erstarkten Serbiens nun in seinen Ambitionen auf dem Balkan bedroht“, erklärt Kruse.

Nach dem Attentat von Sarajevo am 18. Juni 1914 war Wien „mehrheitlich entschlossen, die Gelegenheit zu nutzen und Serbien kriegerisch in die Schranken zu weisen“, sagt Prof. Kruse. Dass dieses Vorgehen nicht zwingend war und die angespannte politische Lage auch mit Russland verschärfte, davon ist der Historiker überzeugt: „Das Attentat hätte anders beantwortet werden können, nicht nur kriegerisch. Zum Beispiel hätte man in Serbien darauf drängen können, den Vorfall zu untersuchen und die Verantwortlichen vor Gericht zu stellen.“

„Deutschland ging bewusst das Risiko eines Kontinentalkrieges gegen Russland und Frankreich ein.“

apl. Prof. Dr. Wolfgang Kruse

Krisenhafte Zeit

Doch es kam anders. Eine Begründung: „Imperialismus“ – ein auf Konkurrenz ausgelegtes Staatensystem, in dem die Beteiligten um Macht, Einfluss und Vorrang in der Welt wetteiferten. So wie die großen europäischen Nationen seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts.

Eine weitere Begründung: „soziale, kulturelle und politische Krisen in vielen europäischen Gesellschaften.“ Zum Beispiel soziale Unruhen im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn: „Die nach Selbstständigkeit strebenden Nationalitäten unter dem Dach der Doppelmonarchie zu halten, wurde immer schwieriger“, sagt Wolfgang Kruse.

In dieser krisenhaften Zeit rechneten viele europäische Regierungen mit einem baldigen Krieg, auch Deutschland. Das macht nicht zuletzt der 1905 entwickelte „Schlieffen-Plan“ deutlich. Dieser sah die schnelle militärische Entscheidung vor, durch Mobilmachung zur direkten Kriegseröffnung – erst gegen Frankreich, danach gegen Russland.

Trotz der allgemein angespannten Lage, auch hier lassen sich Fragen nach Verantwortung und Verschärfung nicht beiseiteschieben. Denn: „Es ist ein großer Unterschied, ob man mit Krieg rechnet, oder ihn aktiv vorantreibt und auslöst“ – so wie Deutschland und Österreich-Ungarn in der Julikrise.

Chronologie der Ereignisse: Julikrise 1914 bis Kriegsausbruch

28.06.

Attentat von Sarajevo

06.07.

Blanko-Vollmacht Deutschlands an Österreich-Ungarn

23.07.

Wiener Ultimatum an Serbien

25.07.

Wien erklärt die serbische Erfüllung der Forderungen für unzureichend

28.07.

Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien

30.07.

Mobilmachung Russlands

31.07.

Mobilmachung Österreich-Ungarns und deutsches Ultimatum an Russland

01.08.

Deutsche Mobilmachung und Kriegserklärung an Russland

03.08.

Deutsche Kriegserklärung an Frankreich und Einmarsch deutscher Truppen in Belgien

04.08.

Kriegserklärung Großbritanniens an Deutschland

Aktive Verschärfungen durch Deutschland

In Deutschland gab es jedenfalls nicht wenige Militärs, die auf baldigen Krieg drängten, etwa um einem befürchteten russischen Angriff zuvorzukommen. Helmuth von Moltke zum Beispiel. Der Generalstabschef hoffte schon im Mai 1914 auf die „baldige Herbeiführung eines Krieges“. Und dieses Drängen galt nicht nur der deutschen Führung. Die deutschen Militärs drängten auch Wien zum entschlossenen Handeln gegen Serbien – obwohl ein Eingreifen Russlands zugunsten Serbiens wahrscheinlich war.

Vielleicht habe man auf russische Untätigkeit gehofft, um Moskaus Schwäche und die eigene Stärke zu demonstrieren. Fest steht: „Einen Krieg mit Russland hat die deutsche Führung billigend in Kauf genommen“, sagt Wolfgang Kruse.

Aufgrund eines drohenden Krieges mit Russland versicherte sich Wien nach dem Attentat der deutschen Bündnistreue – für eine Unterwerfung Serbiens. Hintergrund: Berlin und Wien standen seit 1879 im „Zweibund“ zusammen. In der von Historikern sogenannten „Blanko-Vollmacht“ machte Wilhelm II. deutlich: Deutschland werde „treu an der Seite Österreich-Ungarns“ stehen.

Die Zerschlagungsbestrebungen gegen Serbien, aber auch die deutsche Blanko-Vollmacht waren aktive Verschärfungen der Julikrise: „Klar ist, dass Deutschland mit seiner aktiven Unterstützung bewusst das Risiko eines Kontinentalkrieges gegen Russland und das verbündete Frankreich einging“, stellt Kruse fest. Denn Paris, Moskau und indirekt auch London waren im Entende-Bündnis vereint. Zudem sah der deutsche Schlieffen-Plan explizit den Angriff auf Frankreich vor.

Weltkrieg

Bestärkt durch die deutsche Bündnistreue stellte Wien Serbien ein schroffes Ultimatum und erklärte trotz eines weitgehenden Entgegenkommens am 28. Juli den Krieg. Daraufhin verfügte Moskau am 30. Juli die allgemeinen Mobilmachung. Dies bestärkte die fatalistische Furcht der deutschen Militärs vor einer zu späten Kriegseröffnung gegen Russland. Deutschland machte nun umgehend mobil und arbeitete aktiv auf den Kriegsbeginn hin. Mehrere britische Bemühungen um Schlichtung lehnte Deutschland direkt ab oder ging nicht darauf ein.

Am 31. Juli 1914 forderte Deutschland von Russland, seine Mobilmachung einzustellen. Auf die umgehende Zurückweisung erfolgte die deutsche Kriegserklärung am 1. August, bereits am nächsten Tag marschierten deutsche Truppen in Belgien ein.

Veranstaltungshinweis

Prof. Kruse spricht am 1. Oktober, 18 Uhr, im Kulturhaus Lüdenscheid über „Mythen des Kriegsbeginns“. Weitere Informationen im Veranstaltungskalender der FernUniversität. Der Vortrag findet im Rahmen des Hagener Forschungsdialogs statt.

Am 3. August erklärte Deutschland nach einem weiteren kurzfristigen Ultimatum Frankreich den Krieg und griff es durch Belgien hindurch an. Als Garantiemacht Belgiens erklärte nun England Berlin und Wien den Krieg.

Spätestens nachdem die USA 1917 ebenfalls eingriffen, war aus einer lokalen Auseinandersetzung um den Balkan ein Krieg geworden, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte.

Der deutsche Kaiser hätte in seiner Randnotiz noch ergänzen sollen: „Damit ist jeder Kriegsgrund entfallen – eigentlich.“

Matthias Fejes | 09.09.2014