Wenn Schüler nur nicht gleich Lehrer würden

Die FernUniversität hat jetzt eine Fachtagung zum Verhältnis von Goethe und Schopenhauer in Weimar mitorganisiert und mitfinanziert.


Tagung „Schopenhauer und Goethe" in Weimar greift Forschungsdesiderat auf

Podiumsdiskussion mit Jens Lemanski und Daniel Schubbe
Podiumsdiskussion mit Hagener Beteiligung (v.l.): Jens Lemanski, Helmut Schanze, Daniel Schubbe, Theda Rehbock, Sascha Dümig.
Goethe
Goethe ist von Schopenhauer durchaus beeindruckt, bringt ihm aber nicht die erhoffte Wertschätzung entgegen. Foto:istock
Schopenhauer
Schopenhauer ringt um Goethes Anerkennung. Foto: istock

Das Verhältnis von Goethe und Schopenhauer wurde in neuerer Zeit selten systematisch erforscht. Diesem Desiderat hat sich die Tagung „Schopenhauer und Goethe“ angenommen, die jetzt im Goethe-Nationalmuseum in Weimar stattfand.

Dänisch-deutsche Kooperation

Die Organisatoren – Prof. Dr. Søren R. Fauth von der Universität Aarhus und Dr. Daniel Schubbe von der FernUniversität – legten bei der Konzeption der Tagung Wert darauf, zusammen mit renommierten Fachkolleginnen und -kollegen sowie dem wissenschaftlichen Nachwuchs ein möglichst breites Panorama möglicher Anknüpfungspunkte zwischen Schopenhauer und Goethe zu zeichnen. Thematisch ging es somit nicht nur um die Farbenlehre, sondern auch um Probleme der Erkenntnistheorie, Sprachphilosophie, Naturphilosophie, Evolutionstheorie und Ästhetik. Durch die Einbeziehung der Schopenhauer-Gesellschaft und der Goethe-Gesellschaft in Weimar erhoffen sich die Organisatoren zudem eine weitere Kooperation der beiden Gesellschaften auf diesem Feld. Finanziell wurde die Tagung des Hagener Forschungsdialogs durch den Dänischen Forschungsrat für Kommunikation und Kultur sowie die FernUniversität ermöglicht.

Tagungsband geplant

Mit Dr. Jens Lemanski trug auch ein Mitarbeiter des Instituts für Philosophie der FernUniversität auf der Tagung vor. Lemanski widmete seine Ausführungen Fragen der Evolutionstheorie mit Blick auf Goethe und Schopenhauer. Er stellte dazu in einer wohl erstmaligen Ausführlichkeit den Forschungsstand vor und verdeutlichte die Vielfalt von Problemen und Fragestellungen, die Goethe und Schopenhauer in die Geschichte der Evolutionstheorie einzureihen erlauben. Insgesamt zeigte sich in den Vorträgen und Gesprächen, dass dem Thema bislang zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde. „Durch die Gegenüberstellung gewinnen die beiden Denker eine zusätzliche Kontur, die auch dazu beiträgt, unsere eigene wissenschaftliche Situation besser zu verstehen“, so Schubbe. Die Tagung machte nicht nur sichtbar, dass das Thema wissenschaftlich sehr fruchtbar ist, sondern auch auf breites Interesse stößt. Mit 95 Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden die Erwartungen der Organisatoren weit übertroffen. Sie planen daher, einen systematisch erweiterten Tagungsband herauszugeben.

Begeisterung schlug in Ernüchterung um

Schopenhauer begegnete Goethe vermutlich erstmals 1807 in Weimar im Rahmen der Teegesellschaften seiner Mutter Johanna Schopenhauer, bei denen Goethe regelmäßig Gast war. Die persönlichen wissenschaftlichen Gespräche zwischen Goethe und Schopenhauer setzten aber erst 1813 ein. Dabei stand zunächst Goethes Farbenlehre auf dem Programm, aber auch allgemeinere Fragen der Philosophie und Naturwissenschaft. Die anfängliche Begeisterung schlug schnell in Ernüchterung um: Schopenhauers eigensinnige Fortführung der Farbenlehre missfiel Goethe. Das gegenseitige (Selbst-)Missverständnis spricht sich deutlich in einem Epigramm Goethes aus, das wohl Schopenhauer zugesprochen war und dieser in seiner Farbenlehre auch selbst zitierte: „Trüge gern noch länger des Lehrers Bürden, / Wenn Schüler nur nicht gleich Lehrer würden.“

Carolin Annemüller | 01.10.2014