Das linguistische Messer

Zarte Ironie, plumpe Beleidigung oder sarkastischer Spott – Dr. Steffen Herrmann aus dem Institut für Philosophie der FernUniversität erklärt, warum Worte verletzen können.


Forschungsprojekt zeigt: Sprachliche Gewalt zielt auf Herabsetzung ab

Ein Mann steht am Rednerpult: Warum Worte wie Waffen wirken, erklärt Dr. Steffen Herrmann aus dem Institut für Philosophie an der FernUniversität.
Warum Worte wie Waffen wirken, erklärt Dr. Steffen Herrmann aus dem Institut für Philosophie an der FernUniversität.

Ein Sprichwort sagt „Worte sind wie Schall und Rauch“. Sie haben etwas Flüchtiges, sind nicht zu greifen und vergehen. Somit scheinen sie auch keinen Schaden anrichten zu können. Oder doch? Sprechen wir nicht davon, dass uns Worte „verletzen“, „treffen“ und „etwas antun“? Eine Aussage, so sagen wir schließlich, kann wie „ein Schlag ins Gesicht“ sein. Dr. Steffen Herrmann von der FernUniversität in Hagen positioniert sich eindeutig: „Mit Sprache können wir Gewalt nicht nur beschreiben, ankündigen oder androhen, sondern auch selbst Gewalt zufügen.“ Worauf sich dieses Schädigungspotenzial gründet und unter welchen Bedingungen es sich entfaltet, hat der Wissenschaftler aus dem Institut für Philosophie in seinem Forschungsprojekt „Warum Worte verletzen. Zur Performanz sprachlicher Gewalt“ untersucht. Seine Erkenntnisse hat er jetzt in einem Vortrag beim forum philosophicum an der FernUniversität vorgestellt.

Im Gegensatz zu physischer Gewalt wie etwa Folter zielt sprachliche Gewalt nicht auf körperliche Verletzung, sondern auf die soziale Existenz des Menschen. Denn, so die zugrunde gelegte Annahme, der Mensch ist von der Sprache abhängig. Er ist darauf angewiesen, angeredet und angerufen zu werden. Damit verbindet sich in der Regel seine Anerkennung in der Gesellschaft. Sprache knüpft das soziale Band zwischen Individuen. Droht es zu zerreißen, bedroht es die Einzelne und den Einzelnen. „Das verleiht uns eine Verletzungsoffenheit“, sagt Herrmann – und erinnert an den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel.


Sprechen verändert die Welt

Hinzukommt, so der FernUni-Wissenschaftler weiter, dass Sprache dem Menschen eine Stellung in der Gemeinschaft verleiht. Der Philosoph John Longshaw Austin hat in der Sprechakttheorie beschrieben, dass das Sprechen Weltzustände faktisch verändern kann. Befehle, Namensgebungen, Eide, Versprechen sind sprachliche Handlungen. Eine Zusage für eine Stelle auszusprechen, macht die Zusage von dem Moment an gültig. Ebenso wird eine mündlich formulierte Kündigung wirksam. Wörter können so weitreichende soziale Konsequenz haben.

Nun kennt der Volksmund Menschen, die „ein dickes Fell“ haben, die nicht mit Samthandschuhen angefasst werden müssen. Greift die Beleidigung nur, wenn die Angesprochenen darauf reagieren? „Der Vollzug sprachlicher Gewalt ist nicht abhängig von individueller Aufnahme, sondern ist im Kontext zu sehen“, fasst Steffen Herrmann zusammen. „Sprachliche Gewalt hat ihre eigene Wirkungsweise. Sie trifft, weil wir als menschliche Wesen auf symbolische Anerkennung angewiesen sind.“

Diskriminierung grenzt aus

Worte werden zu Waffen, indem sie die Rolle eines Menschen in Frage stellen. Durch Spott oder Beleidigungen – etwa in Schimpfnamen – wird ein Mensch herabgesetzt und geschwächt. „Durch Diskriminierung verweigere ich jemandem die Teilhabe an der Gemeinschaft. Das ist eine Bewegung der Ausgrenzung“, sagt Herrmann. „Es findet eine soziale Ortsverschiebung statt.“ Wie sehr die Einzelne oder der Einzelne getroffen ist, hänge unter anderem „von der Autorität des Beleidigenden ab“. Das habe schon der französische Sozialphilosoph Pierre Bourdieu so gesehen. „Es ist beispielsweise entscheidend, ob ich jemanden als Individuum missachte oder im Namen einer gesellschaftlich legitimierten Instanz“, sagt Herrmann. Ein Urteil im Namen des Gesetzes entfaltet eine starke Wirkung. „Dahinter steht die komplette Macht der Institution.“

Die erkennt an, dass Gewalt durch Sprache ausgeübt werden kann: Mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug etwa wird bestraft, wer ethnische Gruppen beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet, also Volksverhetzung begeht.

Anja Wetter | 06.10.2014