Die Sprache der Mathematik

Wie er Zahlen und Gleichungen aus dem Kopf bekommt und welche Lieblingsplätze er außerhalb der FernUni hat, erzählt Prof. Delio Mugnolo im Interview. Er leitet seit Juli das Lehrgebiet Analysis.


Audio-Podcast: Fünf Fragen an... Prof. Dr. Delio Mugnolo

Prof. Delio Mugnolo leitet seit Juli das Lehrgebiet Analysis an der FernUniversität in Hagen. Er ist von Ulm in die Region Hagen umgezogen und ist seitdem häufig im Ruhrgebiet unterwegs. Im Interview erzählt er, welche Lieblingsplätze er bereits gefunden hat und wie er den Kopf frei von Zahlen und Gleichungen bekommt.

Transkript des Interviews

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Liebe Hörerinnen und Hörer,

in unserer Folge „Fünf Fragen an…“ stellen wir Ihnen heute Prof. Dr. Delio Mugnolo vor. Mein Name ist Anja Wetter.

Professor Mugnolo leitet seit 1. Juli 2014 das Lehrgebiet Analysis an der Fakultät für Mathematik und Informatik der FernUniversität. Sein Metier sind Quantengraphen und Differentialgleichungen.

FernUniversität: Herr Mugnolo, Sie sind vor kurzem aus Ulm in die Region Hagen gezogen. Haben Sie schon Lieblingsplätze – außerhalb der FernUni – gefunden?

Prof. Mugnolo: Als ich nach Hagen gezogen bin, hatte ich eine sehr veraltete Wahrnehmung von Hagen und vom Ruhrpott, muss ich sagen. Ich habe entdeckt, dass diese Region durchaus grün sein kann und insbesondere mit dem Blick aus meinem Büro kann ich den Tag immer sehr gut anfangen. Ich mag außerdem sehr viele Ecken von Wuppertal, ich mag das Kreuzviertel und einige Friedhöfe von Dortmund. Ich mag die Museen in Essen. Vor allem aber hat mich Hagen selber sehr überrascht. Diese Stadt kann leider selbst nicht mehr viel vorweisen. Sie wagt aber durch das Internet und über Bücher eine Selbstreflexion über ihre Gegenwart und über ihre recht reiche Vergangenheit, die ich sehr interessant finde.

FernUniversität: Na, dann ist ja prima, dass Sie aufgrund Ihrer Profession nach Hagen kommen konnten. Wenn Sie nicht die Möglichkeit gehabt hätten, Mathematik zu studieren, welcher Beruf wäre dann für Sie in Frage gekommen?

Prof. Mugnolo: Mit 18 wollte ich unbedingt Maschinenbau studieren. Ich kann heute nicht mehr sagen, was mich damals daran interessierte. Zum Glücke habe ich mich in der letzten Minute umentschieden. Na ja, vor einigen Jahren habe ich die Schönheit der Physik für mich entdeckt. Es fasziniert mich zu sehen, wie die Physiker und Physikerinnen – wie soll ich sagen – mit Gleichungen jonglieren in einer Weise, die uns Mathematikern, Mathematikerinnen strengstens verboten ist und wie sie wahre Resultate erreichen.

FernUniversität: Was kann Sie denn eher entspannen: zehn Kilometer um eine Talsperre zu laufen oder ein gutes Buch auf dem Nachttisch? Was lockt sie eher?

Prof. Mugnolo: Also ich laufe sehr gern, meistens so acht bis zehn Kilometer jeden Tag. Aber auf keinen Fall, um abzuschalten. Im Gegenteil, ich laufe ohne Musik, ohne Kopfhörer. Wenn ich laufe dann eher, um Sätze zu beweisen. Also ich fokussiere mich dadurch auf Mathematik, weil es praktisch die einzige Möglichkeit für mich ist, fern von Internet und Mails zu sein. Nein, wenn ich mich entspannen will, dann definitiv mit einem Buch und vielleicht mit Käse und Rotwein.

FernUniversität: Sie haben den Kopf voller Mathematik, machen offensichtlich ganz viel mit sich selbst aus, beweisen sich Sätze. Wie bringen Sie denn anderen die Mathematik nahe, wie begeistern Sie andere für Ihr Fach?

Prof. Mugnolo: Die Popularisierung der Mathematik und allgemein Naturwissenschaften ist eine wichtige, ist eine schwere Aufgabe und wir werden während des Studiums nicht dazu trainiert auch nicht in der Graduiertenpahse als Doktoranden ode Post-Docs. Das ist schade, glaube ich. Viele bemängeln, dass in der europäischen Kultur – vielleicht mit Ausnahme von Frankreich - die Mathematik keine große Rolle spielt. Ich glaube aber auch, dass wir Schuld daran mittragen. Wir sollten definitiv mehr dafür tun, dass die Mathematik und die weiteren Naturwissenschaften mehr ins Zentrum der populären Kultur rücken.

FernUniversität: Ist das denn nicht relativ einfach. Ich meine, unser Alltag ist voller Mathematik. Wir surfen im Internet, hören auf die Wettervorhersage, entscheiden, ob wir einen Regenschirmt mitnehmen oder nicht. Wir hören im Vorfeld Staumeldungen. Gibt es da nicht viele Anknüpfungspunkte?

Prof. Mugnolo: Ja, das stimmt. Aber ich muss sagen, dass die Mathematik in den letzten Jahrhunderten sehr viel sektorieller geworden ist. Es gibt weniger Sätze, die so einfach und allgemeinverständlich wären. Ich muss sagen, ich habe meinen Bereich gefunden, seitdem ich seit einigen Jahren die mathematische oder analytische Theorie der Netzwerke erforsche. Ich empfinde Netzwerke als ein großartiges Paradigma. Sie sind sehr flexibel, oder dieses Paradigma ist sehr anschaulich, sehr beschreibbar. Dennoch bietet sich dieses Paradigma und dieser Bereich an, tiefere Erkenntnisse zu gewinnen. Durch Netzwerke kann man auch Mathematik an andere Menschen kommunizieren zum Bespiel. Ich interessiere mich auch für Wechselwirkungen zwischen dieser Theorie und theoretischer Physik und Informatik. Das sind zwei Gebiete, in denen die Beschreibung durch Netzwerke besonders erfolgreich gewesen ist – und zwar oft in sehr komplexen und oft unerwarteten Weisen. Es gibt diese Sage von Galileo Galilei, wo er sagt, dass das Universum in der mathematischen Sprache geschrieben wird. Das ist jetzt ein Standardzitat für Mathematiker, Mathematikerinnen. Wir sind sehr stolz darauf. Aber es gibt natürlich ein Stück Überraschung dabei, wieso von allen Sprachen sich die Natur tatsächlich die Sprache der Mathematik ausgesucht hat. Ein Stück Überraschung habe ich auch jeden Tag, wenn ich merke, dass in der Weise, wie ein Bild verarbeitet wird oder wie sich Elektronen bewegen auf einem Gitter von Atomen, letztlich die Beschreibung eine mathematische ist.

FernUniversität: Das klingt nach viel Spaß, vielen Dank für dieses Gespräch.

Prof. Mugnolo: Danke, Ihnen auch.

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Anja Wetter | 27.10.2014