Großes Kino in der FernUniversität

Etwas ganz Besonderes hatte sich das Organisationsteam der Tagung zum „Fernweh“ einfallen lassen: „Die andere Heimat“ wurde gezeigt und Regisseur Edgar Reitz plauderte aus dem Nähkästchen.


Fachtagung „‚Fort von hier, nur fort von hier!‘ Fernweh von 1830 bis zur Gegenwart“

Großes Kino in der FernUniversität: Vier Stunden Filmschauen, mit „Film-Eis“ in der Pause, danach Gespräche bei einem Glas Wein. Es waren nicht wenige Zuschauerinnen und Zuschauer, die sich für das erst jüngst mit dem deutschen Filmpreis prämierte Filmjuwel interessierten, das das Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft zum Auftakt der Tagung „‚Fort von hier, nur fort von hier!‘ Fernweh von 1830 bis zur Gegenwart“ zeigte: „Die andere Heimat. Chronik einer Sehnsucht“ stieß nicht nur bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Konferenz auf großes Interesse, sondern auch bei Mitarbeitenden der FernUniversität wie bei Film- und Literarturfreunden aus Hagen und Umgebung. Ebenso fanden Schülerinnen und Schüler den Weg zum FernUni-Campus.

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Zu Begeinn der Fachtagung wurde der Film "Heimat" von Edgar Reitz öffentlich in der FernUniversität aufgeführt.

Viele der Zuschauerinnen und Zuschauer sah man am zweiten Abend wieder, als der „Kultregisseur“ Edgar Reitz an gleicher Stelle über seine Arbeit sprach, darüber, was ihn beim Drehen seiner „Heimat“-Filme antrieb. Eine wichtige Rolle bei seinen Filmen spielt nicht zuletzt das, was nicht gezeigt wird, was einstudiert und vielleicht gedreht wurde, dann aber der Schere zum Opfer fiel. Diese Geschichten im Hintergrund haben die Schauspielerinnen und Schauspieler jedoch verinnerlicht und können sie so indirekt in ihre Rolle einbringen, was den Filmen von Reitz ihre Dichte und ihre Nähe gibt.

Reitz’ Gesprächspartner auf dem Podium war Prof. Dr. Thomas Koebner, der sich als renommierter Publizist und Filmwissenschaftler seit Jahren intensiv mit Reitz‘ Werken auseinandergesetzt. Moderiert wurde das Gespräch von dem Wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Malte Kleinwort, der zusammen mit Dr. Irmtraud Hnilica, Matthias Plumpe und Patrick Ramponi die Tagung organisiert hatte.

Was bei der Planung von Filmaufführung und Podiumsgespräch niemand hatte ahnen können: „Die andere Heimat“ wurde unmittelbar vor der Veranstaltung in der FernUniversität in die Vorauswahl für den 27. Europäischen Filmpreis aufgenommen (Verleihung am 13. Dezember in Riga).

Die Tagung

Die kulturwissenschaftliche Tagung mit rund 50 Teilnehmenden befasste sich mit dem schwer greifbaren Alltagsbegriff „Fernweh“. Aus der Alltagssprache ist er nicht wegzudenken, vor allem die Tourismusbranche hat ihn für sich entdeckt.

„Fernweh“ ist ein seltsam schillerndes, kaum in andere Sprachen übersetzbares Wort. Charakteristisch ist eine erhebliche semantische Unschärfe: So scheint zwar jeder eine Vorstellung zu haben, was „Fernweh“ sein könnte, doch systematisch und historisch aufgearbeitet wurde der Begriff bislang nur in Ansätzen: Jeder kennt Fernweh, kann sich darunter etwas vorstellen. Aber was es genau ist, weiß niemand.

Wer „Fernweh“ verspürt, den überkommt ein unstillbares Verlangen nach Ferne; zugleich manifestiert sich in dieser Sehnsucht nach dem Anderswo ein Unbehagen an der Gegenwart, am Hier und Jetzt. „Fernweh“ ist in diesem Sinne eine schwierig zu greifende, emotional aufgeladene Diskursfigur, die Raum und Zeit auf komplexe Weise miteinander koppelt. Angesichts des Massentourismus bleibt jedoch mehr denn je unklar, was die Menschen im Innersten zum Reisen antreibt. „Fernweh“ bleibt ein unbestimmtes und vorbegriffliches Gefühl. Seine lexikalische und begriffsgeschichtliche Genese, seine kulturgeschichtliche Diskursivierung liegt bisher im Verborgenen.

Die Organisatoren der Veranstaltung gingen davon aus, dass die motivgeschichtliche Genese des „Fernwehs“ in der Zeit Goethes und der Romantik begann und dass es heute – wo die Welt zum „Dorf“ geworden ist – sogar noch zugenommen hat. Vor diesem Hintergrund sollte die Tagung einen Beitrag zur Klärung der Frage leisten, inwiefern Reisen, Reiselust und Fernweh zusammengehören.

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Regisseur Edgar Reitz (li.) diskutierte mit Prof. Dr. Thomas Koebner (re.), Moderator war Dr. Malte Kleinwort.

Info-Kasten

Zu den Abstracts der Vorträge gelangt man über http://www.fernuni-hagen.de/literatur/tagung.fernweh.shtml.

Das Podiumsgespräch aufgezeichnet: http://www.fernuni-hagen.de/videostreaming/ksw/literatur/.

Link zu allen gestreamten Vorträgen der Tagung: http://www.fernuni-hagen.de/videostreaming/literatur/201410/.

Ausführliche Informationen zu dem Film sind unter http://www.die-andere-heimat.de/impressum-kontaklt.html zu finden.

Das Podiumsgespräch

Apropos Dorf: Edgar Reitz stammt selbst „vom Dorf“, aus Morbach. Viele seiner Filme spielen also in seiner eigenen Heimatregion, dem Hunsrück. Nachdem Reitz von 1982 bis 2004 seinen 30-teiligen Spielfilmzyklus, die Trilogie „ Heimat“ beendet hatte, kam im Oktober 2013 „Die andere Heimat“ in die Kinos – ein von der Kritik hochgelobtes Werk. Darin thematisierte Reitz die Epoche des Vormärz, in der viele Hunsrück-Bewohner nach Mitte des 19. Jahrhunderts nach Brasilien auswanderten. Denn: „Etwas Besseres als den Tod findet man überall…“ Vor diesem Hintergrund entfaltete Reitz die Chronik einer Sehnsucht. Das fiktive Dorf „Schabbach” ist Schauplatz und Universum zugleich, hier erkennen zwei Brüder, dass nur ihre Träume sie retten können.

Deutlich wurde im Podiumsgespräch mit Prof. Thomas Koebner, dass für Reitz Fernweh, Heimat und Sehnsucht untrennbar miteinander verbunden sind. Und mit der Erinnerung: „Wenn wir uns erinnern, greifen wir auf Bruchstücke von Erinnerung zurück und setzen unser Leben neu zusammen. Die Erinnerung rettet Fragmente der Vergangenheit in die Gegenwart und setzt eine neue Biografie zusammen.“ Daraus ergibt sich die Fiktion der Kontinuität.

Ein anderes Thema von Reitz sind die Bindungskräfte, die eine Gesellschaft, auch eine Dorfgemeinschaft, hervorbringt – unglaublich tiefgehende in den Hunsrück-Dörfern, aus denen seine Eltern stammten. Woher nahmen dann die Emigranten die große Kraft zu gehen? „Heute ist Weggehen nicht endgültig, man hat das Rückkehr-Ticket in der Tasche!“ Damals jedoch gab es kein Zurück. Reitz bekannte, dass er immer daran gezweifelt hatte, dass nur die unerträglichen sozialen Verhältnisse, Behördenwillkür und Hunger Gründe für die Menschen waren, ihre Heimat zu verlassen.

Was also war es dann?

In seinem Film stellt Reitz Träume der Menschen vor. Auch den, die Heimat zu verlassen.

Positive Bilanz

Rückblickend konnten Patrick Ramponi und Matthias Plumpe für das Organisationsteam eine überaus positive Bilanz ziehen: „Der Begriff „Fernweh“ ist zwar auch weiterhin begriffsgeschichtlich schwer zu fassen, jedoch konnte seine kulturelle Bandbreite und nachhaltige Wirkweise ausführlich dargestellt werden. Wie breit auch die Medien gefächert sind, in denen ‚Fernweh‘ eine wichtige Rolle spielt, zeigten nicht zuletzt die Beispiele aus Film, Fernsehen und Kolonialpostkarte“, so Ramponi.

In literaturhistorischer Hinsicht konnte der „Rote Faden“ des Begriffs, der ursprünglich mit dem bürgerlichen Realismus und dem nachromantischen Reisediskurs eng verbunden war, über die Zeit der großen Auswanderungswellen Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwartsliteratur hinein verfolgt werden. Hierdurch wurde seine Abnabelung von der Romantik deutlich. „Durch die Tagung konnte ‚Fernweh‘ besser für die wissenschaftliche Arbeit erschlossen werden“, erläutert Matthias Plumpe.

Die Initiative zu der Veranstaltung ging von den Wissenschaftlichen Mitarbeitenden des Instituts für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft aus. Der Dekan der Fakultät KSW, Prof. Dr. Armin Schäfer, begrüßt, dass „in diesem Fall die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts eigenständig und lehrgebietsübergreifend eine Tagung organisiert haben, die auf eine erstaunlich große Resonanz unter den Fachkollegen, den Studierenden und in der Öffentlichkeit gestoßen ist. Dass die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses durch die Lehrgebiete des Instituts und die Förderlinie der FernUniversität zu dieser gelungenen Tagung beigetragen hat, freut mich sehr.“

Gerd Dapprich | 14.11.2014