Aus „typisch ostdeutsch“ wurde „typisch deutsch“

25 Jahre nach dem Mauerfall haben sich die Verhaltensstandards und die Lebenswelten der Bewohner haben erheblich verändert. Ost und West sind sich näher gekommen.


Regionalsoziologische Marathon-Studie von Prof. Lothar Bertels über Gotha beendet

Die deutsch-deutsche Grenze ist schon lange weg, auch die „Mauer in den Köpfen“ verschwindet: 23 Jahre lang hat der Soziologe Prof. Dr. Lothar Bertels von der FernUniversität in Hagen untersucht, wie die Wiedervereinigung das Denken und das Alltagsleben der Menschen in Ostdeutschland veränderte. Erste Befragungen wurden 1990 durchgeführt, die letzte 2012.

Jetzt liegen alle Ergebnisse vor. Sein Fazit: „Der Transformationsprozess von der kollektivistisch orientierten DDR-Gesellschaft in eine pluralistische und individualisierte ist ohne große Verwerfungen erfolgt. Die Verhaltensstandards und die Lebenswelten der Bewohner haben sich erheblich verändert. Andererseits ist die wirtschaftliche Angleichung noch nicht erfolgt. Heute dominieren die Jüngeren, sie haben ein anderes Selbstverständnis und andere Sichtweisen als die ‚Verlierer der Wende‘.“ Selbsteinschätzungen wie die als „bescheidene Bürger zweiter Klasse mit geringem Selbstbewusstsein“ und Vorurteile gengenüber den „arroganten, geschäftstüchtigen Mantelmenschen aus dem Westen“ gibt es zwar noch, aber sie nehmen ab. Ein interessantes Detail: Die große Unzufriedenheit mit den maroden Wohnverhältnissen schlug sich 1989 nicht zuletzt in dem besonders heftig geäußerten Wunsch, frei reisen zu können, nieder.

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Kurz nach dem Mauerfall...
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... und heute.

„Wir wollten den sozialen Wandel in Ostdeutschland anhand einer typischen Stadt darstellen. Wie haben sich die objektiven Lebensbedingungen geändert? Wie dessen subjektive Wahrnehmung durch die Menschen?“, erläutert der Stadt- und Regionalsoziologe Prof. Lothar Bertels. Die „insgesamt ermutigenden Ergebnisse“, die die Forscherinnen und Forscher der FernUniversität in Hagen in der thüringischen Mittelstadt Gotha zutage förderten, lassen sich nach seiner Meinung auf andere ostdeutsche Städte mit ähnlichen Lebensbedingungen übertragen.

Bereits kurz nach der Wende hatte Bertels die Idee, dieses vom Einzelnen nicht planbare Großereignis langfristig in einer „DDR-typischen“ Mittelstadt zu untersuchen: „Die Wende hatte plötzlich so viel infrage gestellt. Wie wurde das verarbeitet?“ Ausgewählt für die zunächst kurzfristig geplante Studie wurde Gotha, das mit seiner vielfältigen Wirtschaftsstruktur so war wie viele andere DDR-Städte – „typisch ostdeutsch“ also. Im Juni 1990 fanden auf dem Gothaer Marktplatz erste Interviews statt.

Ab 1991 förderte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) ein großes Projekt hierzu, 1992/93 wurde die Studie wiederholt. Nach dem Ende der DFG-Förderung machten apl. Prof. Dr. Dr. h.c. Lothar Bertels und Prof. Dr. Ulfert Herlyn, Universität Hannover, weiter. Bertels: „Wir fanden das so faszinierend und erklärungsbedürftig, dass wir mit Eigenmitteln weiter forschten.“ Auch Prof. Dr. Fred Staufenbiel von der heutigen Bauhaus-Universität, Weimar, war anfangs beteiligt.

Einschub / Kasten o.ä.

Die Entwicklungen in Gotha von 1991 bis 2012 sind in drei Büchern und einem Film – durch Filmteams der FernUniversität – dokumentiert. Das dritte Buch zu der Langzeitstudie ist gerade erschienen: Lothar Bertels (Hrsg.): Gotha im Wandel 1990 – 2012. Transformation einer ostdeutschen Mittelstadt. Springer VS (Wiesbaden).

Film und Bücher können unabhängig voneinander rezipiert werden, sie ermöglichen gemeinsam aber auch einen neuen Zugang zur Forschung: „Wir haben mit unserer Arbeit die Tür für die in der Stadtforschung neue Methode geöffnet“, betont Prof. Bertels: „Menschen denken stark in Bildern. Buch und Film gewähren gemeinsam einen tieferen Einblick in den sozialen Wandel.“ Daher führt ein QR-Code in dem Buch direkt zum Film.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arbeiteten heraus, welche Selbst- und welche Fremdbilder für die Befragten typisch waren. Wie also die Ostdeutschen die Westdeutschen sahen und wie sie ihrer Meinung nach von diesen gesehen wurden. Und wie sich diese Stereotype – vereinfachende, verallgemeinernde (Vor-)Urteile und pauschale Wahrnehmungen – seither verändert haben. Für das Gelingen der sozialen Integration ist die Stabilität von kollektiven Stereotypen – etwa die Selbst- und Fremdbilder – signifikant.

Kurz nach der Wende sahen sich 78 Prozent der Ostdeutschen selbst als kinderfreundlich, 18 Prozent als kinderfeindlich. Diametral entgegengesetzt war hierbei jedoch ihr Bild von den Westdeutschen. Sich selbst hielten sie für bescheiden und rücksichtsvoll, die Westdeutschen für überheblich, selbstbewusst und geschäftstüchtig.

Als „Bürger zweiter Klasse“ fühlten 1991 sich 80 Prozent, 1993 sogar 83 Prozent (die Arbeitslosigkeit im Osten war dramatisch gestiegen), 2012 dagegen nur noch 35 Prozent. Parallel dazu stieg jedoch die Ambivalenz: Hatten früher 10 bzw. 8 Prozent (1991/1993) die Frage mit „teils/teils“ beantwortet, waren es 2012 46 Prozent, wohl als Folge besserer Kenntnisse westdeutscher Verhältnisse durch Reisen und Beruf.

Insgesamt sprechen deutliche Indikatoren dafür, dass sich Lebenschancen und Selbstwertgefühl verbessert haben und eine „gewisse Annäherung“ erfolgt ist. Ost- und Westdeutsche sich näher gekommen? Über 60 Prozent sagen „ja“. 48 Prozent billigen sich diesen Schritt zu, 66 Prozent den Westdeutschen. Allerdings sehen 37 Prozent eine vergrößerte Distanz. Das Bild vom „Mantelmenschen aus dem Westen“ weicht zunehmend einer „skeptischen Annäherung“. Insgesamt nehmen Stereotypen ab, einige haben sich dagegen stabilisiert bzw. verfestigt.

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Erheblicher Fortschritt...
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... auch hier am Buttermarkt.

Die allgemeine Wirtschaftslage gilt als schlecht – „Aber mir selbst geht es gut!“ Die Befragten sind optimistisch, dass sie besser wird. Ökonomische Gleichstellung zwischen Ost und West werde in 15 bis 20 Jahren.

Ihr Selbstvertrauen halten die Ostdeutschen für stark unterentwickelt, während sie die westdeutsche Selbstsicherheit auch heute noch oft als Überheblichkeit interpretieren.

Raus aus dem tristen Umfeld

Die Gespräche mit den Bürgerinnen und Bürger von Gotha förderten interessante, teilweise wenig bekannte Details zutage. Wie z.B. Wohnsituation, Wohnumfeld und fehlende Massenmobilität die Eigendynamik der revolutionären Entwicklung befeuerten: „Auf ein Auto musste man zehn Jahre warten. Die Menschen waren also stark von ihrem oft völlig verkommenen, tristen Umfeld abhängig. Die Bausubstanz war abrissreif, die Identifikationsbereiche verloren.“ Wundert es, dass freies Reisen auf der Wunschliste ganz weit oben stand?

Bürger leben heute gern in Gotha

Heute ist nicht nur Gothas Wirtschaftsstruktur stabilisiert und durchaus zukunftsorientiert. Die Entwicklung der 44.000-Einwohner-Stadt mit langer Residenztradition hat auch bei der Stadtentwicklung große Fortschritte gemacht: Gewerbe-, Wohn- und Grünflächen sind insgesamt stimmig verteilt, marode Bausubstanz ist weitgehend verschwunden, ganze Stadtensembles wurden gerettet. Der demografische Schrumpfungsprozess wurde für behutsame Verdichtungen, architektonische Innovationen und mehr Grün- und Freiflächen genutzt.

Bertels‘ Fazit: „Die Bürgerinnen und Bürger leben gerne in Gotha, das heute eine ganz normale deutsche – nicht ostdeutsche – Stadt ist. Ein Besuch lohnt sich – auch für Westdeutsche!“

Gerd Dapprich | 14.11.2014