Die Geister, die ich rief

Der digitale Wandel ist in der Bildung angekommen und bringt nicht nur Vorteile. Droht ein Kontrollverlust? Darüber sprach FernUni-Forscher Dr. Markus Deimann im „Hagener Forschungsdialog“.


Dr. Markus Deiman über Chancen und Grenzen digitaler Bildung

Mann spricht vor Publikum
Vertrieb die „Gespenster der digitalen Bildung“: Dr. Markus Deimann forderte in seinem Vortrag mehr Medienkompetenz.

Goethes Zauberlehrling beschwört trotzige Besen. Viktor Frankenstein erschafft einen aufsässigen Menschen. In der modernen Filmreihe „Matrix“ wurden fast alle Menschen von Maschinen versklavt. In der Pop-Kultur ist das Motiv der rebellierenden Schöpfung beliebt – und aktuell. Vor allem mit Blick auf immer ausgefeiltere Apps, Widgets und Co., die das Leben mit mobiler digitaler Technologie zwar immer bequemer, die Nutzenden aber immer transparenter machen. Droht auch im Bereich digitaler Bildungstechnologie der Kontrollverlust?

„Es gibt zumindest Tendenzen“, sagt Dr. Markus Deimann. Er ist Akademischer Rat am Lehrgebiet Mediendidaktik (Prof. Dr. Theo Bastiaens) der FernUniversität in Hagen. Deimann forscht unter anderem zu Open Education und Bildungsphilosophie.

Philosophisch wurde es auch in seinem Vortrag. Er sprach zum Thema „Gespenster der digitalen Bildung“. Es war ein Impulsvortrag, um über Chancen und Grenzen digitaler Bildungstechnologie zu diskutieren. Der Vortrag fand im Rahmen der „wissenschaftsgespräche“ der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften statt. Eine Veranstaltungsreihe mit Forschungsvorträgen unter dem Dach des „Hagener Forschungsdialogs“ der FernUniversität.

Mit Metaphern erklären

„Ein Gespenst geht um in Europa“: Mit dem Anfang des „Kommunistischen Manifests“ von Karl Marx setzte auch Markus Deimann ein. Ihm ging es aber nicht um den Kommunismus in Europa, sondern um die Metapher des „Gespenstes“: „Das Gespenst ist als Vergangenes im Gegenwärtigen präsent“, sagte Deimann. Und zwar als Erinnerung von Bekanntem, aber auch als konturlose Verheißung für Kommendes. Was sehr abstrakt klingt, nutzte Deimann zur Veranschaulichung – wie etwa Politikerinnen, Politiker und Medien über digitale Bildungstechnologie sprechen.

„Die Rede ist von ‚Daten-Autobahnen‘ oder vom ‚Virtuellen Klassenzimmer‘. Unser Denken ist von Metaphern geprägt“, sagte Markus Deimann. Warum? „Denken und Sprechen in Metaphern erleichtert den Zugang zu abstrakten Themen.“ Schließlich könne man mit Metaphern Unbekanntes mit Bekanntem zusammenbringen: zum Beispiel „Daten“ und „Autobahn“.

Doch was hat das Ganze mit Chancen und Grenzen digitaler Bildungstechnologie zu tun? „Metaphern erleichtern zwar den Zugang zu Themen, sie verstellen ihn aber auch, zum Beispiel im Bereich digitaler Bildung“, erklärte Deimann. Denn Daten fahren nicht durch Datenleitungen wie Autos über Autobahnen. Studierende sitzen nicht in virtuellen Klassenzimmern wie sie es in Seminarräumen tun.

Wir brauchen einen kritischen Umgang mit digitaler Technologie.

Dr. Markus Deimann

Masse statt Klasse?

Die Metaphern der Bildungstechnologie suggerieren eine Eingängigkeit, die es so nicht gibt. „Und das ist ein Problem“, fasste Deimann zusammen. Aktuell vor allem für die Meinungsbildung zu digitalen Bildungstechnologien, denn das betreffe auch die Einschätzung über deren Nutzen.

Zum Beispiel der Trend zur „Personalisierung trotz Massifizierung“, machte Markus Deimann deutlich. Also einer individuelleren Gestaltung des Lernens, obwohl die Studierendenzahlen steigen. An einer Präsenzuni kaum möglich, mit sogenannten „Personal Learning Environments“ (PLE) hingegen schon. Es gehe um den Gebrauch digitaler Medien wie Online-Datenbanken, Massive Open Online Courses (MOOCs), Lernplattformen wie Moodle oder die Sozialen Netzwerke. Sie sollen ortsunabhängiges und individuelles Lernen unterstützen. Eine andere Entwicklung ist der „eAdvisor“ der Arizona State University. Eine Art elektronischer und interaktiver Studienführer. Der dokumentiere das Studium und helfe bei Problemen, erklärte Deimann.

Zusammengefasst heißt das: Lernen wird immer unabhängiger von Ort, Zeit und Personen. Und damit wird Lernen individueller – aber auch automatisierter. In Zeiten von „Big Data“, also großen Datenmengen über individuelle Interessen und mehr, können Computerprogramme und Algorithmen Teile der Ausbildung übernehmen. Zum Beispiel indem sie Lerninhalte, Studienzeiten, Materialquellen und mehr vorgeben – sogenannte „Bildungsroutinen“. Aber: Wie sollen Lernende die Qualität und Angemessenheit dieser Bildungsroutinen beurteilen?


Der Vortrag von Dr. Deimann als Aufzeichnung bei YouTube (55 Min.)

Kein Kontrollverlust

„Kommt es durch Bildungsroutinen zum Kontrollverlust?“, fragte Markus Deimann abschließend. Für den Bildungsforscher hängt die Frage eng mit dem deutschen Bildungsbegriff zusammen. Denn der schwanke zwischen „Bildung als Selbstzweck“, nach Wilhelm von Humboldt. Und „Bildung als Mittel zum Zweck“. Einem eher ökonomisch geprägten Bildungsbegriff. Gerade bei letzterem bestehe die Gefahr der „instrumentellen Fremdbestimmung“. Also der "Nutzung von Bildungsroutinen, befördert durch Kosten- und Zeiteffizienz.“

Deimann ist nicht grundsätzlich gegen Bildungsroutinen. Bildungstechnologien könnten einen bedeutenden Beitrag zum orts- und zeitunabhängigen Lernen leisten. Aber: „Wir brauchen einen kritischen Umgang mit digitaler Technologie. Wir müssen medienkompetente Menschen ausbilden, die mündig und verantwortlich entscheiden, inwieweit sie digitale Technologien zum Lernen nutzen möchten“, forderte Deimann. Die Impulse seines Vortrags werden noch für Diskussionen sorgen, denn der Trend zu Bildungsroutinen und Massifizierung kommt langsam aber beständig – mit ungewissen Folgen.

Wie im „Zauberlehrling“, bei „Frankenstein“ oder der „Matrix“ ist auch bei der digitalen Technologie nicht die Automatisierung das Problem – sondern der Kontrollverlust.

Matthias Fejes | 24.11.2014