Wie begegnet der Staat den Menschen?

Frank Hager von der FernUniversität referierte bei der Fachtagung „Mensch und Staat“ über Kommunikationsräume, die sich durch die DDR-Architektur und -Stadtplanung ergaben.


Recht offene Kritik in der DDR an der sozialistischen Architektur - Vortrag bei der Fachtagung „Mensch und Staat“ an der FernUniversität

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Die Karl-Marx-Allee, die frühere Stalinallee, heute vom Fernsehturm aus gesehen. (Foto: Wikimedia Commons / Achim Raschka)
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Plattenbau in Ost-Berlin

Die Architektur im Widerspruch zwischen Repräsentationsbehauptung und Glücksversprechen ist das Thema der Dissertation von Frank Hager vom Institut für Geschichte und Biografie an der FernUniversität in Hagen. Auf der Fachtagung des Instituts „Mensch und Staat. Erfahrungs- und kommunikationsgeschichtliche Perspektiven“ referierte er über „Architektur und Stadtplanung in der SBZ und frühen DDR. Kommunikationsräume im Spannungsfeld zwischen Mensch und Staat“.

Den Ausgangspunkt für sein innovatives Architektur-Verständnis bildeten Diskurse zur Stadtplanung in der Sowjetisch Besetzten Zone und der jungen DDR: Hermann Henselmann konzipierte in den 1950-er Jahren einige der markantesten Gebäude der Ostberliner Pracht- und Paradestraße Stalinallee – der heutigen Karl-Marx-Allee – im Stile eines „Bauens in nationaler Tradition“. Henselmann galt damit fortan als einer der ersten und bedeutendsten Vertreter des „Sozialistischen Realismus‘“ in der Architektur der DDR.

Frank Hager zeigte, dass die von der DDR-Führung geprägte Vorstellung eines „dialektischen Prozesses der architektonischen Theoriegrundlegung“ eine Illusion war, dass es keine wirkliche Mitbestimmung der Bewohnerinnen und Bewohner bei der sozialistischen Stadtplanung gab. Jedoch fand die Gestaltung Ost-Berlins bis Ende der 1940-er Jahre in einem relativ offenen Diskurs statt, die Meinungen konnten erstaunlich frei und kritisch geäußert werden.

Zunächst wurde im Friedrichshain noch in der Tradition des Bauhauses geplant, ab 1951 jedoch, in einer ostdeutschen Version des „russischen Zuckerbäckerstils“, an der Stalinallee weitergebaut. Eine erneute Stiländerung ist nach Stalins Tod 1953 und dem späteren Wunsch Chruschtschows nach einer effizienteren Bauweise festzustellen. Die nun auch in der DDR favorisierte Plattenbauweise wurde in den Folgejahren zum heiklen Diskussionsgegenstand. Mit den emotionalen Defiziten der sozialistischen Industriestädte setzte sich Brigitte Reimann 1963 offen in ihrem Zeitungsartikel „Kann man in Hoyerswerda küssen?“ kritisch auseinander. Zunächst ließ die SED die Schriftstellerin gewähren und griff erst „lenkend“ ein, als die Diskurse aus dem Ruder liefen. Reimann galt nun als „fehlgeleitet“, sie arbeitete ihre Kritik in ihrem Buch „Franziska Linkerhand“ auf.

Bei der Fachtagung „Mensch und Staat. Erfahrungs- und kommunikationsgeschichtliche Perspektiven“ des Instituts für Geschichte und Biografie der FernUniversität ging es um die staatsbürgerliche Identität und Loyalitätsbindung anhand der Wahrnehmung staatlicher Ordnungen aus Bürger-Perspektive.

Konsum und Politik: zwei Seiten einer Medaille

Wie begegnet der Staat den Menschen? Wie gestaltet sich der Kontakt? Und vor allem: Wie sehen die Bürgerinnen und Bürger – und nicht die Herrschenden und ihr Apparat – dies? Um diese Fragen ging es in der Fachtagung „Mensch und Staat. Erfahrungs- und kommunikationsgeschichtliche Perspektiven“ des Instituts für Geschichte und Biografie in Hagen. Sie sollte die staatsbürgerliche Identität und Loyalitätsbindung anhand der Wahrnehmung staatlicher Ordnungen untersuchen. Und zwar aus der Perspektive der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland, in der DDR und in der Republik Österreich. Diese Staaten hatten eine gemeinsame Vergangenheit, nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie neu formiert. Somit sind sie gut vergleichbar. Bewusst hatten die Veranstalter um apl. Prof. Dr. Arthur Schlegelmilch – der selbst über „Die DDR als das ‚wahre Vaterland des Volkes?‘“ sprach – außer Historikern auch Ethnologen nach Hagen eingeladen, „weil diese die Ebene des Menschen intensiv im Blick haben“.

Schwerpunktmäßig drehten sich die Vorträge um die Kommunikation von Staat und Menschen außerhalb strukturierter Wege und um den Zusammenhang zwischen Zufriedenheit mit der Politik einerseits und dem Konsum und der Architektur andererseits.

In der Bundesrepublik gab es als gut funktionierendes Kommunikationsmedium in den 1950-er Jahren „Bürgerbriefe“, so Michaela Fenske (Göttingen): Darin wiesen Bürgerinnen und Bürger Politiker und Funktionsträger auf Missstände hin oder versuchten, persönliche Ziele durchzusetzen. Daraus entstanden oft umfassende Schriftwechsel. Peter Becker (Wien) befasste sich mit einem ähnlichen Thema: den Eingaben von Bürgerinnen und Bürgern mit Beschwerden. Oft wurden darin Beamte deftig beschimpft, die mit Anzeigen wegen Beamtenbeleidigung reagierten. Becker verdeutlichte, dass die Kommunikation bzw. die Machtbalance meist einseitig und von subjektiven Befangenheiten bestimmt war. Dagegen beurteilte Steffen Otte (Hamburg) die Praxis der Eingaben von DDR-Rentnerinnen und -Rentnern, in denen es um Rentenfragen ging, als funktionierende Kommunikation zwischen „Oben“ und „Unten“. Den geäußerten Forderungen gab die SED schließlich nach. Insgesamt habe die Bürokratie die Antragsteller ernst genommen.

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Die Fachtagung fand im Rahmen des Hagener Forschungsdialogs der FernUniversität statt.

Konsumgeschichtliche Vorträge zeigten die Bedeutung des Konsums im Spannungsfeld zwischen Mensch und Staat auf. Die drei Referenten – Kaspar Maase (Tübingen), Oliver Kühschelm (Wien) und Manuel Schramm (Chemnitz) – waren sich einig, dass dies ein ganz zentraler Bereich der Loyalitätsbindung der Bürgerinnen und Bürger an den Staat ist, resümierte Schlegelmilch. Und diesen Zusammenhang nutzen die Staaten gezielt. Die Republik Österreich, so Kühschelm, habe sich u.a. über eine konsumfreundliche Politik profiliert. Gilt also: Wo es mir gutgeht, da ist meine Heimat? Eine Frage, die Schlegelmilch als mit „ja“ beantwortet ansieht: „Versorgungssicherheit und Wohlstand erwiesen sich in allen drei Ländern als kaum zu überschätzende Faktoren für die Herausbildung staatlicher Identität und politischer Beheimatung.“ Auch in der DDR hatte der staatlich garantierte Konsum, der jedoch immer weiter hinter westlichen Standards zurückfiel, für den Alltag der Menschen und die Stabilität des politischen Systems eine hohe Bedeutung: „In der friedlichen Revolution von 1989 spielte der Konsumgesichtspunkt von Beginn an eine wichtige Rolle.“

Andererseits hatte die DDR-Regierung selbst 1988/89 eine „Verwestlichung in Kauf genommen“ und z.B. westliche Künstler wie Bruce Springsteen ins Land gelassen, immer mehr Rentnerinnen und Rentner brachten von Besuchen bei Verwandten im Westen Waren mit: Diese „Ventilfunktionen“ weckten in der Bevölkerung jedoch neue Bedürfnisse. „Konsum und Politik sind zweifellos zwei Seiten einer Medaille. Diese Erkenntnis ist ein ganz wesentliches Tagungsergebnis“, zog Schlegelmilch Bilanz. „Die Trennung zwischen idealistischer Welt und Konsumwelt ist damit nicht möglich!“ Stefan Heyms Klage, dass aus dem „Volk, das soeben noch, edlen Blicks, einer verheißungsvollen Zukunft zuzustreben schien, … eine Horde von Wütigen … auf der Jagd nach dem glitzernden Tinnef“ geworden sei, ging somit an der lebensweltlichen Realität der damaligen Zeit weit vorbei.

Weitere Informationen zum Thema Architektur und Wohnumfeld in der DDR finden Sie unter http://www.fernuni-hagen.de/universitaet/aktuelles/2014/11/25-am-gotha.shtml.

Gerd Dapprich | 25.11.2014