Der Mauerfall: Zeitgeschichte „aus erster Hand“

Im Lüdenscheider Gespräch schilderte Walter Momper, 1989 Regierender Bürgermeister in West-Berlin, das historische Ereignis. Für ihn selbst kam es nicht völlig überraschend.


Bereits vorher Transport der Menschenmassen und Begrüßungsgeld-Ausgabe organisiert

Den berühmten roten Schal hatte er nicht mitgebracht, aber sonst war Walter Momper so, wie man ihn vor allem aus seiner Zeit als Regierender Bürgermeister von Berlin kannte: bodenständig eben. Mit klaren Worten schilderte er im Lüdenscheider Gespräch des Instituts für Geschichte und Biografie der FernUniversität, wie er den 9. November 1989 erlebte. Diese Möglichkeit, Zeitgeschichte aus erster Hand vermittelt zu erleben, ließ sich eine große Zahl von Interessierten von Schülerinnen und Schülern bis zu Seniorinnen und Senioren nicht entgehen.

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Walter Momper, 1989 Regierender Bürgermeister von West-Berlin: „Ich finde immer noch, dass wir ein glückliches Volk sind, weil wir die Einheit in Freiheit und ohne Blutvergießen bekommen haben!“

Ganz unvorbereitet auf den Mauerfall, das machte Walter Momper schnell klar, waren die West-Berliner Politiker nicht. Nachdem der ungarische Außenminister Horn „zum Rapport“ nach Ost-Berlin „einbestellt“ worden war, mehrten sich die Zeichen, dass sich etwas verändern würde. Wann und was war unklar. Momper schloss auch einen „Sturm über die Mauer“ nicht aus, zumal ja immer mehr DDR-Bürgerinnen und -Bürger über die ungarisch-österreichische Grenze flüchteten. Am 7. Oktober 1989, als die Mächtigen der DDR den 40. Jahrestag des deutschen „Arbeiter- und Bauernstaates“ feierten, ging bei der gleichzeitigen Demonstration Zehntausender bereits die Parole „Und jetzt zum Brandenburger Tor!“ um. Dies geschah zwar nicht, so Momper, „aber wir bereiteten uns auf den Tag X vor… Wir konnten uns gar nichts anderes vorstellen, als dass die Grenztruppen schießen würden, wenn Leute auf die Mauer klettern.“

Weil die West-Berliner Verantwortlichen den Polizeifunk jenseits der Mauer abhörten, wussten sie: „Ost-Berlin ist voll mit Polizei.“ Im Schöneberger Rathaus bereitete man sich also auf ein Szenario vor, bei dem nach einem „Blutbad“ den Ost-Grenztruppen nach 20 Minuten die Munition ausgehen würde. Neue heranzuholen würde etwa eine halbe Stunde dauern: „In dieser Zeit könnten etwa 30.000 Menschen über die Mauer flüchten. Vom Westen her konnten wir gar nichts machen, nur Blutkonserven bereithalten und Krankenhäuser vorbereiten.“

Reisefreiheit angekündigt

Am 29. Oktober 1989 fand ein Gespräch über die Lage zwischen einer West-Berliner Delegation mit Momper an der Spitze und der neuen DDR-Führung mit SED-Generalsekretär Egon Krenz und Günter Schabowski, Mitglied des SED-Politbüros, statt. Momper schilderte sie als „sehr selbstkritisch, wie ‚kleine Jungs‘, die sich von alten Herren kujonieren lassen“. Bestimmte Dinge, so habe Schabowski gesagt, würden im Politbüro überhaupt nicht diskutiert. In dem Gespräch habe er beiläufig „Reisefreiheit auf Dauer oder auf Zeit“ angekündigt: „Ein moderner Staat ist ohne Reisefreiheit nicht denkbar.“ Wie das organisiert werden sollte, daran habe die DDR-Führung „keinen Gedanken verschwendet“, so Walter Momper weiter.

Die West-Berliner Delegation schätzte, dass alleine am ersten Tag 500.000 bis eine Million DDR-Besucherinnen und -Besucher kommen könnten. Schabowski beruhigte, dass ja nur insgesamt zwei Millionen DDR-Bürgerinnen und -Bürger einen Reisepass – die Voraussetzung für eine Ausreise – hätten, andere würden frühestens in „zwölf Wochen“ reisen können.

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Informationen zu einem der wichtigsten Tage der jüngeren deutschen Geschichte präsentiert zu bekommen war eine Chance, die sich viele Interessierte nicht entgehen ließen.

Notfall-Fahrpläne bei Smog-Alarm

Der West-Berliner Senat setzte sofort Arbeitsgruppen ein: „Wie transportieren wir die Besucherinnen und Besucher?“ war eine der zentralen Fragen Die Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) wollte auf ihre Notfall-Fahrpläne bei Smog-Alarm mit Fahrverboten für Pkw und Lkw zurückgreifen. Momper „bequatschte“ den Bankenverband, das Begrüßungsgeld von 100 D-Mark auch sonntags auszuzahlen. Alle Poststellen und -filialen machten mit. Auch der Gesamtbetriebsrat der Berliner Verwaltung willigte ein, dass jeder Betrieb eine Zahlstelle einrichten sollte. Momper: „Gut, wenn man überall alte Freunde hat…“

Zunächst sah die Realität aber so aus: „Die DDR-Bürger bekamen alles geschenkt und nahmen das Begrüßungsgeld mit nachhause.“ Dort hatte das Westgeld einen enormen Wert. Nach ein paar Tagen hatte die Landeszentralbank 100 Mio. D-Mark verteilt, ihr ging das Geld aus. Sie ließ von einem amerikanischen Flugzeug – Berlin stand ja noch unter der Vier-Mächte-Verantwortung – Geld holen.

Am 9. November bekam der Westberliner Senat einen Tipp von einem Journalisten aus dem Osten der Stadt: „Die machen heute die Reiseplanung.“ Die BVG wurde vorgewarnt, Mompers Fahrer hielt sich bereit. Abends dann die Pressekonferenz, die von DDR-Rundfunk und -Fernsehen live übertragen wurde. Kurz vor 19 Uhr las Schabowski von einem Zettel ab, den Krenz im zugesteckt hatte (und den er zuvor nicht studiert hatte): „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne daß dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen…“ Auf Nachfrage präzisiert er: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“

Blitzschnell verbreiteten westliche Nachrichtenagenturen diese Nachricht, um 19.05 Uhr sprach Associated Press bereits von „Grenzöffnung“, um 19.17 Uhr sendete das ZDF Ausschnitte aus der Pressekonferenz.

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Das Lüdenscheider Gespräch fand im Rahmen des Hagener Forschungsdialogs der FernUniversität statt.

„Jetzt ist die Lage da!“

Walter Momper wusste: „Jetzt ist die Lage da!“ Im Sender Freies Berlin (SFB) betonte er: „Das ist der Tag, auf den wir 28 Jahre gewartet haben!“ Gleichzeitig bat er die DDR-Bürgerinnen und -Bürger, nicht alle sofort zu kommen. schon gar nicht mit dem Auto.

Aber was passierte? Als Momper selbst zu einer DDR-Grenzübergangsstelle fuhr, waren „die Grenzer auf einmal weg, ich stand alleine da mit 10.000 Menschen“. Er griff sich ein Megafon: „‚Wir freuen uns heute über den Tag‘… Alle jubelten, ich hätte auch aus einem Telefonbuch vorlesen können.“

An einer anderen Stelle regelten ein DDR-Grenz-Major, ein britischer Militärpolizist und ein West-Berliner Polizist gemeinsam den Fluss der Trabis und Wartburgs durch die Mauer: „Ein Bild tiefsten Friedens.“

Der ehemalige Regierende Bürgermeister heute im Rückblick: „Ich finde immer noch, dass wir ein glückliches Volk sind, weil wir die Einheit in Freiheit und ohne Blutvergießen bekommen haben!“

Gerd Dapprich | 27.11.2014