Die Faszination fürs Serielle

Die Variation des Immergleichen, die Rolle von Beispielen und die Entwicklung der Ratgeberliteratur – Prof. Michael Niehaus beschäftigt sich mit Erzählstrukturen.


Prof. Michael Niehaus komplettiert das FernUni-Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft

Ein Mann sitzt am Tisch: Prof. Michael Niehaus lehrt und forscht als neuer Literaturwissenschaftler an der FernUniversität.
Literaturwissenschaftler Prof. Michael Niehaus ist seit Oktober an der FernUni.

Im Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft an der FernUniversität in Hagen hat sich eine Lücke geschlossen: Seit 1. Oktober komplettiert Prof. Dr. Michael Niehaus als Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Medienästhetik das Institut der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften. In die Startphase des Wissenschaftlers fiel die literaturwissenschaftliche Tagung zum Thema Fernweh in Hagen. „So hatte ich gleich die Möglichkeit, viele Studierende kennenzulernen. Das war ein sehr guter Einstieg für mich“, sagt Niehaus.

Der 55-Jährige kommt von der TU Dortmund, an der er seit 2010 einen Lehrstuhl geleitet hat. Niehaus kann bereits jetzt einen Unterschied zwischen Studierenden an einer Präsenzuni und denen der FernUniversität festmachen: „Die Studierenden an der FernUni arbeiten selbstständiger, sie haben konturierte Vorstellung von den Anforderungen und Aufgaben an sie.“

Außerhalb der Gattungsordnung

Die Schwerpunkte des Lehrgebiets liegen auf der Ästhetik der Medien von der Gutenberg-Galaxis bis zur Netzkultur und der literarischen Kommunikation im Kontext der Kultur-, Medien- und Diskursgeschichte. Niehaus wird wissenschaftliche Akzente setzen. „Ich habe unter anderem einen Schwerpunkt bei intermedialen Erzählformen, etwa Comics in Filmen oder Bilderbücher“, berichtet Niehaus. Darüber hinaus hat er eine Faszination fürs Serielle – und dessen Erfolgsgeschichte. „Serien, wie im TV, arbeiten mit der Variation des Immergleichen. Oftmals werden Charaktere durch die Erzählung begleitet, das schafft Bindung.“ Auch Erzählformen, die außerhalb der klassischen literarischen Gattungsordnung stehen, wie Anekdote, Sage, Legende oder Mythos, hat Niehaus im Fokus. „Die sind interessant als einfache Formen, die durch mündliche Überlieferungen weitergetragen werden.“

Der literarische Grad

Darüber hinaus leitet Niehaus die Datenbank „Archiv des Beispiels“, die er später gern in der Lehre an der FernUni einsetzen möchte. „Das Beispiel ist eine literarische Form. Psychologische oder kulturwissenschaftliche Sachtexte kommen nicht ohne Veranschaulichung oder Beleg aus und verleihen dem Text einen literarischen Grad“, beschreibt Niehaus. „Es geht darum, welche Rolle Beispiele erfüllen.“ Ein anderes Projekt beschäftigt sich mit der Frage danach, wie sich Ratgeberliteratur entwickelt hat. „Auf der einen Seite ist Ratgeber-Literatur selbst eine literarische Form, auf der anderen Seite besitzt der Rat als Sprechakt eine narrative Dimension. Wenn etwa jemand erzählt, welche Folgen ein beherzigter Ratschlag hatte.“

Für seine Habilitation Ende der 1990er-Jahre hat sich Niehaus mit der Geschichte, Theorie und Fiktion des Verhörs beschäftigt. „Verhöre sind nicht nur ein Thema der Literatur und des Films, Verhörprotokolle verraten auch viel darüber, wie in unserer Kultur Wahrheiten über Subjekte her- und sichergestellt werden.“

Weg in die Wissenschaft

Als sich Michael Niehaus 1977 an der Universität Freiburg einschrieb, hatte er noch keine wissenschaftliche Karriere im Blick. Er studierte auf Lehramt: Philosophie, Deutsch und Geschichte. Über einen seiner damaligen Professoren blieb er im universitären Umfeld, promovierte und habilitierte sich an der Universität Gesamthochschule Essen. Er arbeitete in verschiedenen Forschungsprojekten, bis 2006 eine Vertragsverlängerung nicht mehr möglich war. Niehaus nahm daraufhin sein Lehramtsstudium wieder auf und ging als „Dr. habil“ ins Referendariat. „Das war gar kein Problem, ich bin sehr gut mit meinen Fachleitern ausgekommen.“ Im Anschluss blieb er für ein paar Monate im Schuldienst, bevor er wieder – und endgültig – in die Wissenschaft wechselte.

Anja Wetter | 12.11.2014