Gute Aussichten für die Familie

Jun.-Prof. Dorett Funcke befasst sich aus mikrosoziologischer Sicht mit Paar- und Familienbeziehungen, sozialen Kleingruppen und dem Individuum.


Soziologische Antrittsvorlesung in der FernUniversität

Die „typische Familie“ hat eine gute Chance. Dessen ist sich Juniorprofessorin Dr. Dorett Funcke sicher: „Selbst wenn es im Fernsehen fast nur noch eine Idealfamilie gibt – ‚die Simpsons‘.“ Die Zeichentrick-Eltern sind verheiratet und haben drei gemeinsame Kinder. Typisch Familie eben (wenn auch mit blauen Haaren).

Jun.-Prof. Dorett Funcke befasst sich aus mikrosoziologischer Sicht mit Paar- und Familienbeziehungen, sozialen Kleingruppen und dem Individuum. Sie ist die Inhaberin der Ernsting's family-Junior-Stiftungsprofessur für Soziologie familialer Lebensformen, Netzwerke und Gemeinschaften an der FernUniversität in Hagen. In Coesfeld verantwortet sie die „Coesfelder BürgerUni“ im WBK – Wissen Bildung Kultur. In der FernUniversität stellte sie sich jetzt mit ihrer Antrittsvorlesung „Fallrekonstruktive Familienforschung: Neue Formen von Elternschaft“ vor. Die Junior-Professur wurde der FernUniversität von der EHG Service GmbH Co KG, Coesfeld – Muttergesellschaft der Firma Ernstings‘ family – gestiftet.

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Jun.-Prof. Dorett Funcke (Mitte), links neben ihr Lilly Ernsting, dahinter von links: Beigeordneter Dr. Thomas Robers (Coesfeld), Barbara Thesing (Leiterin des Regionalzentrums Coesfeld der FernUniversität), Stephan Ernsting, Prof. Armin Schäfer (Dekan der Fakultät Kultur- und Sozialwissenschaften) und Regina Zdebel (Kanzlerin der FernUniversität).

Immer mehr Kinder wachsen in „nichtkonventionellen Familien“ auf. Neue Lebensformen, hohe Ehescheidungsraten, Leihmutterschaft, Social Freezing (Einfrieren von Eizellen) oder Eizellenspende lassen immer mehr die Frage aufkommen: Hat die Familie noch eine Zukunft? Dorett Funcke: „Ja! Auch wenn der Begriff ‚Familie‘ in der Familiensoziologie umstritten ist.“ Diese Urform der Gemeinschaft ist nach ihren Erkenntnissen stabil, allerdings in vielleicht anderer Zusammensetzung als früher: „Die Kontinuität der ‚Kernfamilie‘ ist nicht zu übersehen, sie ist auch in nichtkonventionellen Familien eine Konstante, die der Beziehungsorientierung dient.“

In traditionellen Strukturen verdient der Mann das Geld, die Frau versorgt das Kind. Ähnlich ist es oft auch bei homosexuellen Paaren. Interessanterweise kümmert sich hier nicht selten der nicht mit dem Kind verwandte Elternteil um den Nachwuchs. Auf Fotos etwa steht dieser dem Kind häufig näher als leibliche Mutter oder leiblicher Vater.

Dorett Funcke berichtete auch davon, „dass ein Lesben- und ein Schwulenpaar mit den gemeinsam gezeugten Kindern in einer Wohngemeinschaft oder in getrennten Haushalten leben“. Sie kam zu der Erkenntnis: „Je mehr eine Familienform von der ‚Normalfamilie‘ abweicht, umso deutlicher zeigt sich die Orientierung an traditionellen Mustern“. Auch Versuche, durch geschickte Samenspender-Auswahl für äußerliche Ähnlichkeit zu sorgen, fand Funcke: „Es scheint darum zu gehen, die Fiktion einer biogenetisch vollkommenen Verwandtschaft zu erzeugen. Eine Ausgleichsstrategie, die man auch bei der Vornamenwahl findet – er wird häufig aus der nicht verwandten Familie gewählt.“

Wie wichtig die Familie auch weiterhin ist und wie verzerrt manches Bild in den Medien, machte Dorett Funcke mit einigen Zahlen deutlich: „75 Prozent der Frauen und 65 Prozent der Männer geben in der Jugendshellstudie von 2006 an, eine Familie zum Glücklichsein zu brauchen“. Männer wollen sich erst dann auf eine Familiengründung einlassen, wenn sie beruflich Fuß gefasst haben. Und 80 Prozent aller Kinder wachsen in einer Kernfamilie auf – „So viel zu Verfallsdiagnosen!“ Wichtig war der Wissenschaftlerin auch, dass Blutsverwandtschaft und Abstammung auch in Familien, in denen der Vater unbekannt ist, ihre Bedeutung nicht verloren haben. Das zeigen schon die vielen Nachforschungen von Kindern, die wissen wollen, wer ihr biologischer Vater ist.

Zunächst hatte Dorett Funcke erläutert, worum es bei ihren „fallrekonstruktiven Forschungen“ geht: Betrachtet werden „Gebilde“ mit einer eigenen Bildungs- bzw. Entstehungsgeschichte, vom Individuum bis zur nationalen Gesellschaft. Die untersuchten Fälle bestehen nicht einfach nur aus einzelnen Individuen, sondern aus Paaren, Familien, Vereinen usw. Was alles in die Untersuchung einfließen wird, ist also zu Beginn nicht abzuschätzen, die Grenzen des Falls verändern sich.

Auch ihre Planungen stellte Dorett Funcke vor. Sie will u.a. in Studienbriefen der FernUniversität „der Mikrosoziologie einen Ort geben“ und ab Anfang 2015 ein soziologisches Promotionskolleg anbieten. Für ihr Kernanliegen, die Coesfelder BürgerUniversität, hat sie sich noch einiges vorgenommen.

Dies dürften ihre Kolleginnen und Kollegen in Hagen wie auch Lilly, Stephan und Birgit Ernsting, Ernstings‘ family-Geschäftsführer Horst Beeck und -Personalleiter Ralf Schillmüller sowie als Vertreter der Stadt Coesfeld der Beigeordnete Dr. Thomas Robers gern gehört haben.

Gerd Dapprich | 02.12.2014