Planspiel mit Paragrafen

Studierende der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der FernUniversität haben eine Gerichtsverhandlung im Landgericht Hagen simuliert und wertvolle Praxiserfahrung gesammelt.


Große Resonanz auf ersten Moot Court der FernUniversität

Drei Männer in Richterroben sitzen nebeneinander: Prof. Ulrich Wackerbarth, Richter Till Deipenwisch und Prof. Sebastian Kubis.
Nahmen die Rolle der Richter und Jury ein: (v.li.) Prof. Ulrich Wackerbarth, Richter Till Deipenwisch und Prof. Sebastian Kubis.

Die Gesetzestexte liegen aufgeschlagen auf den Tischen, die Anwältinnen und Anwälte in den schwarzen Roben beraten sich leise und machen noch einige Notizen. Dann betritt die Kammer den Schwurgerichtssaal 201 am Hagener Landgericht. Wo normalerweise Kapitalverbrechen verhandelt werden, steht heute eine Zivilsache auf dem Sitzungsplan. Wo normalerweise Urteile im Namen des Volkes ergehen, gibt der Vorsitzende Richter Till Deipenwisch zum Ende der Verhandlung Tipps fürs juristische Argumentieren.

Die Gerichtsverhandlung ist gespielt, der Fall fiktiv. Der „Moot Court“, bei dem die Studierenden im Wettbewerb gegeneinander antreten, wurde erstmals von der FernUniversität in Hagen in Zusammenarbeit mit dem Landgericht und der internationalen Jurastudentenvereinigung ELSA ausgerichtet.

Neben dem Vorsitzenden Richter vervollständigen die FernUni-Professoren Sebastian Kubis und Ulrich Wackerbarth aus der Rechtswissenschaftlichen Fakultät als Beisitzer die Kammer. Die Akteurinnen und Akteure vor der Richterbank sind Studierende der Rechtswissenschaft, die in die Rollen von Anwältinnen und Anwälten schlüpfen. Sie vertreten jeweils Kläger oder Beklagte. Als Richter Deipenwisch die Verhandlung eröffnet, wird es ernst.

Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis

Die Klägerinnenseite hat das Wort: Sachlich und souverän führen die beiden Frauen aus, warum sie im Namen ihrer Mandantin Schadensersatzansprüche für ein beschädigtes Firmenfahrzeug an den Betreiber einer Waschanlage stellen. Sie argumentieren mit „Fahrlässigkeit“ und „Pflichtverletzung“, sprechen von „Beweislastumkehr“ und „Einbeziehung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen“. Die Beklagtenseite hält standhaft dagegen. Sie müssen auf Nachfragen der Kammer antworten und Aspekte des Falls rechtlich einordnen.

Zwei Frauen in Roben vertreten als Anwältinnen die Klägerin.
Die FernUni-Studentinnen Iris Finkler und Heike Schüddekopf schlüpften in die Rolle der Anwältinnen.

„Mit der erstmaligen Ausrichtung des ELSA Moot Court wird die juristische Ausbildung an der FernUniversität um ein wichtiges Element bereichert. Die Verbindung von Theorie und Praxis ist gerade in der Rechtswissenschaft von besonderer Bedeutung. Auf diese Weise wird die Bedeutung rechtlicher Überlegungen ganz anders erfahrbar als durch Klausuren und Hausarbeiten“, erläutert Sebastian Kubis, Inhaber des Wilhelm Peter Radt-Stiftungslehrstuhls für Bürgerliches Recht, Gewerblichen Rechtsschutz, Internationales Privat- und Zivilprozessrecht.

Sechs Wochen Einarbeitungszeit

Sechs Wochen hatten die Studierenden Zeit, sich in Zweierteams in den Fall einzuarbeiten, eine Klage oder eine Klageerwiderung zu formulieren und sich auf die Verhandlung vorzubereiten. „Es war eine besondere Gelegenheit, die fachlichen Kenntnisse in die Praxis umzusetzen“, beschreibt Heike Schüddekopf aus Dresden ihre Motivation, am Moot Court teilzunehmen. „Bei den Nachfragen habe ich mich mitunter wie in einer mündlichen Prüfung gefühlt. Das war schon anstrengend, hat aber auch sehr viel Spaß gemacht.“ Die Umstehenden nicken zustimmend.

Wie haben sie sich in die Situation des fiktiven Prozesses hineinversetzt? „Ich hab‘ mir vorgestellt, eine Schauspielerin zu sein, und die Robe ist mein Kostüm“, sagt Cornelia Henn-Wienand. Die Kölnerin, die nach einem BWL-Studium den Bachelor of Laws an der FernUniversität anschließt, hat sich gemeinsam mit ihrer Kommilitonin Patricia Bragada angemeldet. Die beiden kannten sich bereits. Teamarbeit ist ein wichtiger Aspekt der rechtswissenschaftlichen Praxis.

Finale vorm BGH

„Für den ersten Ausflug in die Praxis haben wir hier tolle Leistungen gesehen. Alle Beteiligten waren sehr gut vorbereitet“, lobt Landgerichtspräsident Thomas Vogt. „Ich hoffe, dass wir weitere Moot Courts der FernUniversität vor dem Landgericht sehen werden. Wir stehen als Kooperationspartner zur Verfügung.“

Da die Resonanz auf die Initiative des Lehrstuhls von Sebastian Kubis sehr groß war, gab es bereits einen Tag vor der Verhandlung im Landgericht eine Vorrunde mit fünf Sitzungen auf dem Campus der FernUniversität. Gewonnen haben den Hagener Lokalentscheid Ulrike Schellberg und Andreas Linder. Sie überzeugten das Gericht durch einen guten Schriftsatz und einen engagierten Auftritt in der mündlichen Verhandlung. Das Gewinnerteam hat nun die Chance, sich in einem Regionalentscheid für das Finale vor dem Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe zu qualifizieren.


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Anja Wetter | 16.12.2014