„Das Studium gehört mir allein“

Silke Bauerfeind hat als Mutter eines autistischen Kindes einen besonderen Alltag. An der FernUniversität hat sie parallel Kulturwissenschaften studiert.


FernUniversität in Hagen ermöglicht Traum vom Bachelor-Abschluss

Silke Bauerfeind fühlt sich am Geiranger-Fjord in Norwegen frei.

Silke Bauerfeind hat sich einen Traum erfüllt. „Ich wollte gern studieren, aber ich hätte mich nicht in das zeitliche Korsett einer Präsenzuni zwängen können. Unmöglich.“ Die 44-Jährige aus Nürnberg hat einen Sohn mit Autismus, der aufgrund seiner körperlichen Einschränkungen rund um die Uhr Betreuung braucht. „Mit einem Studium an der FernUniversität konnte ich das vereinbaren. Die Hochschule hat mir hier eine Chance eröffnet.“ Im November hat Silke Bauerfeind ihre Bachelor-Arbeit abgegeben: Sie hat Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Literaturwissenschaft und den Nebenfächern Philosophie und Geschichte studiert. „Ich möchte Menschen in ähnlichen Situationen Mut machen. An der FernUniversität ist es möglich, sich neben familiären Verpflichtungen wissenschaftlich weiterzubilden.“ Für Bauerfeind war es „überlebenswichtig“, wie sie sagt. „Das Studium war der Bereich, der nur mir gehörte. Mein Alltag dreht sich sonst fast ausschließlich um meinen Sohn.“

Flexible Prüfungsformen

Durch ihre Schwester, die ebenfalls an der FernUniversität in Hagen studiert hat, lernte sie die Hochschule kennen. Als ihr Sohn 2008 eingeschult wurde, startete Silke Bauerfeind mit dem Studium. Insbesondere die flexiblen Prüfungsformen in den Kulturwissenschaften haben sie dabei unterstützt. „Ich konnte immer gut planen, ob ich eine Klausur schreibe, eine mündliche Prüfung ablege oder eine Hausarbeit verfasse.“ Da die Klausurtermine oft mit den Sommerferien ihres Sohnes kollidierten, entschied sich Bauerfeind dann jeweils für eine Hausarbeit. „Die FernUni verzeiht auch, wenn man mal ein Semester eine Pause einlegt. Das funktioniert problemlos. Insgesamt braucht man schon Selbstdisziplin, Organisationstalent, einen festen Willen und einen langen Atem.“

Portrait einer Frau: Silke Bauerfeind
Silke Bauerfeind

Zwischen ihrem besonderen Alltag und ihrem Studium gab es sogar einige Schnittstellen. „Wir kommunizieren zuhause per Gebärdensprache, weil mein Sohn nicht spricht. Dieses Thema konnte ich als Praxismodul im Studium einbringen. Ich habe eine Hausarbeit über den Vergleich von Laut- und Gebärdensprachen geschrieben. Darin habe ich auch die Kultur der Menschen, die per Gebärdensprache kommunizieren, analysiert“, erzählt Silke Bauerfeind.

Kreativer Freiraum

Trotz ihrer Zielstrebigkeit und Abschlussorientierung verfolgt sie keine konkrete berufliche Perspektive mit ihrem Bachelor-Titel. Sie wird weiterhin freiberuflich als Autorin arbeiten. Der Wunsch nach einem Studium und das Interesse am Fach haben sie motiviert – und darüber hinaus ihre Kreativität wieder stärker in Fluss gebracht: „Schreiben hat mich schon als Kind begleitet. Aber erst durch das Studium habe ich zum intensiven Schreiben zurückgefunden und zudem meine Begeisterung für Lyrik entdeckt.“ In Gedanken, Essays, Geschichten und Gedichten verarbeitet sie die Themen, die sie umgeben: Philosophie, Behinderung und Autismus, Skandinavien. „Wir sind absolute Norwegen-Fans und genießen die Freiheit, die man dort verspürt. Niemand guckt uns komisch an. Menschen mit Behinderungen sind in der skandinavischen Gesellschaft selbstverständlich. Das ist ein großes Stück Lebensqualität für unsere Familie.“ Gemeinsam mit ihrem Mann engagiert sich Silke Bauerfeind ehrenamtlich, betreibt unermüdlich Aufklärungsarbeit zu Autismus – über einen Verein, ein Internetportal und eben ihre eigenen Texte. Zuletzt hat sie zusammen mit einer autistischen Künstlerin einen Band mit Lyrik und Malerei herausgegeben.

In Arbeit hat sie auch einen Roman und eine Anthologie. „Die lagen während der Bachelor-Arbeit auf Eis, aber jetzt begebe ich mich wieder daran.“ Dabei hat sie noch weitere kreative Projekte im Kopf. Während der Studienzeit hat ihre Tochter das Gymnasium durchlaufen und ist nun selbst Studentin. Vielleicht bleiben Mutter und Tochter noch eine Weile quasi ,Kommilitoninnen‘: Das Master-Studium lockt Silke Bauerfeind, entweder mit der Ausrichtung Europäische Moderne oder Philosophie. Für die Fachrichtung hat sie sich noch nicht entschieden, für die FernUniversität hingegen schon.

Anja Wetter | 15.12.2014