Existenzielle Erkenntnisse gewinnen

Dass Stephan Stübinger nun Professor der Rechtswissenschaftlichen Fakultät an der FernUniversität ist, liegt neben Disziplin auch an seiner Leidenschaft für existenzielle Fragen.


Stephan Stübinger ist seit Wintersemester 2014/15 neuer Jura-Professor an der FernUniversität

Mann mit Brille blickt in die Kamera. Im Hintergrund das Informatikzentrum der FernUniversität.
Erforscht unter anderem die philosophischen Grundsätze hinter den Gesetzen: FernUni-Prof. Stephan Stübinger.

„Früher wollte ich immer Arzt werden“, sagt Prof. Dr. Stephan Stübinger. Seit dem Wintersemester 2014/15 ist er neuer Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht und Juristische Zeitgeschichte der FernUniversität in Hagen. Nach einem Schülerpraktikum im Krankenhaus wusste er: „Das wird so nichts.“ Und das lag weniger an den Kranken, am Blut oder den Spritzen: „Der Arztberuf, den ich dort kennengelernt habe, ist ein sehr schneller. Ich wollte lieber intensiv für jede Patientin und jeden Patienten da sein. Aber das ist im Tagesgeschäft natürlich kaum zu leisten“, erinnert sich Stübinger.

Danach schwankte er lange Zeit zwischen einem Studium der Volkswirtschaftslehre (VWL) und einem Jura-Studium. Die VWL kannte und schätzte er durch seinen Leistungskurs am Gymnasium. Die Rechtswissenschaft mochte Stephan Stübinger ebenfalls – auch, weil sie sich neben ihren großen Themen wie „Schuld“, „Recht“ und „Gerechtigkeit“ sehr existenziellen Problemen widmet. „Was macht den Menschen aus?“, „Was darf er und was nicht?“. Es sind die rechtsphilosophischen Fragen, die Stübinger besonders interessieren.

Er entschied sich schließlich – für Jura in Frankfurt. Rückblickend sagt er mit einem Schmunzeln: „So ein wirklich leidenschaftlicher Jurist war ich zu Studienbeginn eigentlich nicht.“ Das änderte sich aber sehr schnell.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

„Meine Hochschullehrerinnen und -lehrer haben mich und meine juristischen Interessen sehr geprägt“, erinnert sich Stübinger. Besonders begeistert habe ihn die „Verknüpfung von Rechtsphilosophie und Strafrechtsgeschichte“. Denn Stübinger will in seiner Forschung unter anderem die „philosophischen Grundsätze hinter den Gesetzen sichtbar machen.“ Doch nach seinem Studium der Rechtswissenschaften musste Stübinger zunächst eine Frage für sich beantworten: Sind gute Leistungen für eine Wissenschaftskarriere genug? „Eher nicht“, sagt Stübinger heute. „Man muss auch zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein – etwas Glück und Zufall gehören ebenfalls dazu.“ Stübinger hatte das Glück, seinen eigenen Forschungsinteressen nachgehen zu können. Und er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Kurz nach seinem Abschluss in Frankfurt wurde eine Promotionsstelle in einem Forschungsprojekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) frei. Hier untersuchte er, „was Strafrecht als Mechanismus für Konfliktlösungen leistet“. Dabei konzentrierte er sich vor allem auf die Frage nach der „Schuldzurechnung“. Diese untersuchte er auch in ihrer historischen und philosophischen Dimension. Der Promotion 1999 schloss sich die Habilitation im Jahr 2007 an. Nach wissenschaftlichen Stationen in Osnabrück, Bonn und Köln ist er nun in Hagen als Professor angekommen. Aktuell baut er seinen Lehrstuhl auf und arbeitet sich in das Hagener Fernstudiensystem ein.

Leidenschaft für Rechtsphilosophie

Den Großteil der Woche lehrt, forscht und lebt Stephan Stübinger in Hagen, in Frankfurt leben seine Frau und seine drei Kinder. Die Familie sieht der Jura-Professor meistens erst zum Wochenende. Dann findet er auch Zeit zum Entspannen, zum Beispiel beim Basketball oder beim Joggen.

Eine Idee treibt ihn schon seit einiger Zeit um: „Ich kann mir gut vorstellen, mit dem Philosophischen Institut der FernUniversität an interdisziplinären Projekten zu arbeiten“, sagt Stübinger. Die Leidenschaft für Forschung lässt ihn selten los – ob in Hagen oder Frankfurt.

Transkript: Fünf Fragen an ... Prof. Stephan Stübinger:

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Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Fünf Fragen an. Heute stellen wir Ihnen Professor Stephan Stübinger vor. Professor Stübinger leitet seit dem Wintersemester 2014, 2015 den Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht und juristische Zeitgeschichte der FernUniversität in Hagen. Besonders interessiert er sich für rechtsphilosophische Fragen. Zum Beispiel, warum unsere Gesetze so sind wie sie sind. Oder worin sich Recht und Gerechtigkeit voneinander unterscheiden.

Herr Stübinger, Sie beschäftigen sich unter anderem mit Recht und Gerechtigkeit. Was ist für Sie persönlich wichtiger?

Es ist beides wichtig. Optimal wäre es natürlich, wenn das gesetzte Recht immer auch gerecht wäre. Das ist aber nicht der Fall und der Grund, weshalb wir Recht und Gerechtigkeit unterscheiden ist gerade, weil wir Ungerechtigkeit, auch von Rechtswegen gewissermaßen, erleben. Und die Aufgabe eines Rechtsphilosophen ist, sich zu überlegen, wie Recht beschaffen sein sollte, oder ist, damit es auch Gerechtigkeit übt.

Sie haben nach Ihrem Studium ja eine akademische Laufbahn eingeschlagen, hätten Sie sich eigentlich auch einen anderen Beruf vorstellen können – und wenn ja, welcher wäre das gewesen?

Vor dem Studium hatte ich mir durchaus eigentlich etwas anderes vorgestellt. Eine klassische juristische Laufbahn. Aber da bin ich im Grunde genommen auch während des Studiums davon abgekommen. Ich habe gemerkt, dass das eigentlich nicht so mein Feld gewesen wäre. Aber es hat ja zum Glück geklappt mit der wissenschaftlichen Karriere.

Als Forscher, Hochschullehrer und Lehrstuhlinhaber haben Sie ja sicher einen vollen Terminkalender. Wenn Sie nach einem anstrengenden Arbeitstag dann nach Hause kommen, wie entspannen Sie sich dann eigentlich am besten?

Ich versuche regelmäßig, das heißt so zwei-, dreimal die Woche, Sport zu treiben. Gerade abends dann auch mal zu laufen oder auch am Tag, wenn das irgendwie möglich ist. Wie gesagt, so zwei-, dreimal die Woche. Ansonsten versuche ich abzuspannen durch Fernsehen, durch Aktivitäten natürlich mit meiner Familie.

Es ist zu Beginn unseres Gesprächs bereits kurz angeklungen, Sie befassen sich ja besonders mit Rechtsphilosophie. Was reizt Sie eigentlich persönlich an diesem Thema?

Die Rechtsphilosophie, so wie ich sie verstehe, ich weiß, das ist nicht unbedingt konsensfähig heutzutage, aber die Rechtsphilosophie hat es mit der Suche nach Recht mit Richtigkeitsansprüchen zu tun. Und diese Frage ist nicht Rechtsexperten im engeren Sinne zu überlassen, sondern die sollte sich jeder stellen. Weil Recht ist, gewissermaßen, zu wichtig, ums nur den Juristen zu überlassen. Und das genau versucht die Rechtsphilosophie. Das ist die Beschäftigung mit auch traditionellen, klassischen Denksystemen, in denen Recht nur eine Facette ist. Das hängt zusammen mit anderen Fragestellungen, die den Menschen als solchen ausmacht. Wie Kant es formuliert hat: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun?“ Auch darin ist die Aufgabe der Rechtsphilosophie, diese Frage mitzubeantworten. Und das sind Fragen, die das Menschsein insgesamt betreffen. Und insofern macht das die Rechtsphilosophie für mich spannend.

Zum Schluss noch eine Frage, die uns über Facebook erreicht hat. FernUni-Studentin Sarah Rosati würde gerne wissen, ob und wie Sie den Wechsel von einer Präsenz- an die FernUniversität erleben? Vor allem in Bezug auf die Lehre.

Ich bin hier selbst noch ein Lernender. Das heißt, ich muss mich noch immer vertraut machen mit dem neuen System. Es hat Vor- und Nachteile. Ich habe durchaus auch gerne Präsenzveranstaltungen gemachen. Nicht so sehr gerne die Massenvorlesungen. Aber auch kleinere Lehrveranstaltungen. Die kann man hier natürlich auch in Form von Seminaren veranstalten. Hier ist gewissermaßen die Herausforderung, diese notwendige Distanz, die durch mangelnde Präsenz zustande kommt, zu überbrücken und die eigenen Texte zu überbringen. Ich bin gerade dabei, mich neu zu orientieren. Ich bin sehr froh, dass ich einen gut funktionierenden Lehrstuhl vorgefunden habe. Und bin gerade dabei, die ganzen Lehrveranstaltungen – auch – umzuarbeiten. Beziehungsweise meinen eigenen Stempel aufzudrücken. Und das bedarf aber noch einer gewissen Zeit. Im Moment genieße ich es durchaus sehr, keine großen Vorlesungen zu haben. Ich bin mal gespannt, ob ich irgendwann auch Sehnsucht danach haben sollte. Das ist so der Unterschied, der mir im Moment so auffällt. Aber vielleicht können Sie mich in ein, zwei Jahren nochmal fragen, wie es dann aussieht. Das wird auf jeden Fall eine sehr spannende Zeit.

Damit sind auch schon am Ende unseres Podcasts angelangt. Herr Stübinger, ich bedanke mich recht herzlich für das Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin gutes Ankommen hier an der FernUniversität. Dankeschön.

Matthias Fejes | 15.01.2015