Reißt das „soziale Band“?

Die Integrationskraft der Gesellschaft wird zurzeit intensiv diskutiert. Was das „soziale Band“ überhaupt ist und welche Gefahren ihm drohen, soll vom 23. bis 25. März eine Fachtagung klären.


Fachtagung an der FernUniversität befasst sich mit Geschichte und Gegenwart eines sozialtheoretischen Grundbegriffs

Flüchtlingswellen, (religiöse) Toleranz, Armut in Deutschland, Finanzkrise in Griechenland…: Wie belastbar ist das gerne beschworene „soziale Band“? Kann es reißen? Angesichts der Diskussion um die Probleme wie um die Folgen – z.B. Europa-Skepsis, AfD oder Pegida – erhält die Fachtagung „Das soziale Band. Geschichte und Gegenwart eines sozialtheoretischen Grundbegriffs“ vom 23. bis 25. März an der FernUniversität in Hagen eine höchst aktuelle Bedeutung. Darin geht es ebenso um die Klärung des Begriffs „soziales Band“ wie um die Gefahren, die ihm drohen. Aber auch um seine Kraft: Warum reißt es selbst dort nicht, wo keine Gemeinsamkeiten zwischen Einzelnen zu bestehen scheinen?

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Veranstalter der wissenschaftliche Tagung ist das Lehrgebiet Philosophie III, Praktische Philosophie: Technik, Geschichte, Gesellschaft von Prof. Dr. Thomas Bedorf. Gemeinsam mit dem Mitveranstalter, seinem Mitarbeiter Dr. Steffen Herrmann, forscht er seit längerem über die Quellen sozialer Bindungswirkung und die Rolle kultureller und politischer Konflikte. Zunächst muss jedoch geklärt werden, worin das „soziale Band“ überhaupt ‚besteht’. Denn eine allgemein gültige Definition hierfür – und damit für die „Integrationskraft der Gesellschaft“ – gibt es nicht.

Ausführliche Informationen zu der internationalen und interdisziplinären Tagung unter dem Dach des Hagener Forschungsdialogs der FernUniversität und Anmeldemöglichkeiten sind unter www.sozialesband.de zu finden.

Soziale Verbundenheit keine Selbstverständlichkeit

Der Begriff des „sozialen Bandes“ dient in vielen sozialwissenschaftlichen Disziplinen dazu, eine grundlegende Form der Verbundenheit zwischen Subjekten deutlich zu machen. Dabei ist die Existenz einer solchen sozialen Verbundenheit keine Selbstverständlichkeit, sondern als Resultat komplexer historischer Vergemeinschaftungsprozesse grundsätzlich erklärungsbedürftig. Nun hat der Begriff zwar sowohl in der Sozialphilosophie als auch in der politischen Philosophie und der Soziologie immer wieder Verwendung gefunden, dabei ist er jedoch kaum zum expliziten Gegenstand der Reflexion geworden.

An eben dieser Stelle will die geplante Tagung einsetzen und sich der Geschichte und Gegenwart dieses sozialtheoretischen Grundbegriffs zuwenden. Ihre Ziele sind:

  1. Theoriegeschichtliche Bestandsaufnahme: Wie ist das soziale Band von unterschiedlichen Autorinnen und Autoren gedacht worden? Inwiefern konkurriert der Begriff des sozialen Bandes dabei mit anderen Begriffen?
  2. Kritische Gegenwartsdiagnose: Von welchen Auflösungserscheinungen ist das soziale Band in unserer Gegenwart bedroht? Inwiefern bringen Prozesse der Desintegration und der Exklusion soziale Bindekräfte zum Erlahmen?
  3. Theoretische Rekonzeptionalisierung: Warum reißt das soziale Band selbst dort nicht, wo keine Gemeinsamkeit zwischen den Einzelnen zu bestehen scheint?
  4. Praxistheoretische Beschreibung: Welche Praktiken der Vergemeinschaftung sind für unsere Gegenwart grundlegend?
Gerd Dapprich | 25.02.2015