„Ich fühle mich unterwegs wohl“

Der „Nutzen des Fremden“: Der Historiker Reinhard Wendt leitete seit 1998 das Lehrgebiet Neuere Europäische und Außereuropäische Geschichte. Seit kurzem ist er im Ruhestand.


Prof. Reinhard Wendt erforscht vor allem das Beziehungsfeld zwischen westlichen und nicht westlichen Kulturen

Ein Mann sitzt an einem Tisch, vor ihm liegt ein Buch, im Hintergrund sind Bücherregale zu sehen: Das Historische Insitut hat Prof. Reinhard Wendt zum Abschied reich beschenkt.
Das Historische Insitut hat Prof. Reinhard Wendt zum Abschied reich beschenkt.

Prof. Dr. Reinhard Wendt ist Reisender und Sesshafter zugleich. Er studierte Geschichte, Politische Wissenschaften und Geographie in Freiburg. In Augsburg promovierte er 1983 über Auswahlmethoden für bayerische Beamte an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zwischen Ämterkauf und Leistungsprinzip.

Sein Steckenpferd war schon früh die außereuropäische Geschichte. „Für die Habilitation habe ich das Thema umsetzen können, mit einer Studie über spanisch-katholische Kultur auf den Philippinen im Kontext kolonialer Herrschaft“, erinnert sich Wendt. Seit 1998 hat der Wissenschaftler das Lehrgebiet Neuere Europäische und Außereuropäische Geschichte an der FernUniversität in Hagen geleitet, seit kurzem ist er im Ruhestand.

Faszination für Forscher und Entdecker

Eine Hochschulkarriere hatte Wendt ursprünglich nicht geplant. Er wollte reisen. Schon als Kind faszinierten ihn Forscher und Entdecker wie Alexander von Humboldt, er liebte die Abenteuer von Karl May. Die Geschichten setzten sich fest. In Frankfurt geboren war Wendt über die Stationen Ettlingen, Wiesbaden und München nach Freiburg und Augsburg gekommen. „Ich bin zudem immer viel gereist“, erzählt er, schon während des Studiums nach Afghanistan, durch Zentralamerika, in den Nahen Osten, nach Westafrika. Im Anschluss ans Studium folgte eine Auszeit: Asien – Ozeanien – Nordamerika. Nach seiner Rückkehr begann Wendt in Freiburg mit seinem Dissertationsvorhaben, allerdings konnte er seinen Fokus damals (noch) nicht auf außereuropäische Geschichte legen.

Das änderte sich rasch. Bereits seit 1987 lehrte und forschte er besonders auf dem Gebiet der außereuropäischen Geschichte an den Universitäten Augsburg und Freiburg und habilitierte sich 1995. Drei Jahre später bekam Reinhard Wendt den Ruf nach Hagen und zog von Freiburg hierher. 16 Jahre lang wohnte er in Laufentfernung zur FernUniversität.

Über Europa hinaus

Seine Forschungsfelder brachte Wendt mit: Interesse an Missionaren und deren philologischer Arbeit, Diaspora-Geschichte, europäisch-überseeische Beziehungen im Spannungsfeld zwischen dem „Reiz der Ferne“ und dem „Nutzen der Fremde“, Migration und kulturelle Transformationen. „Ich habe mich immer gefragt, welche Wechselwirkung haben Expansionsprozesse auf Europa“, sagt er. „Es kommen Menschen, Wissen und Waren hierher, die unseren Kontinent verändern. Er wird auch durch diese Einflüsse zu dem, was er ist.“

Wendt nimmt nicht nur die Perspektive des Historikers ein, er stellt aktuelle Bezüge her und spricht über Globalisierung. „Jahrhunderte lang hat Europa profitiert, jetzt sehen wir plötzlich Probleme und erleben Abschottungsprozesse vor allem Menschen gegenüber. Dabei ist der Austausch von Kulturen der Normalfall der Geschichte. Die Probleme muss man durch Steuerung lösen und nicht durch Isolation.“ Globalisierung sei kein Schicksalsereignis.

Drei Personen stehen nebeneinander: Rektor Prof. Helmut Hoyer und Prof. Felicitas Schmieder verabschiedeten Prof. Reinhard Wendt.
Rektor Prof. Helmut Hoyer und Prof. Felicitas Schmieder verabschiedeten Prof. Reinhard Wendt.

Archiviertes Wissen

Seine wissenschaftlichen Interessen flossen auch in Projekte mit Schulen ein, seine Lehrmaterialien – Konzepte für Präsenzveranstaltungen samt dazugehöriger recht aufwändig gestalteter Reader, mehrere Meter Aktenordner also – werden nun an der FernUniversität archiviert. Reinhard Wendts Wissen wird der FernUniversität noch erhalten bleiben. „Ich betreue Abschlussarbeiten, die noch geschrieben werden müssen“, blickt er in die Zukunft. Das Lehrgebiet heißt seit dem Start des Sommersemesters „Geschichte Europas in der Welt“ und wird von Dr. Eberhard Crailsheim vertreten.

Das wird bleiben: „Wir haben im Lehrgebiet immer Wert darauf gelegt, dass unsere Studierenden nicht Kapitel für Kapitel des Kursmaterials lesen, sondern entdeckend lernen und eigenständig Akzente setzen. Dadurch konnten auch wir manchmal Neues lernen“, hebt Wendt hervor. So wertete eine Studierende beispielsweise intensiv Anzeigen zu Kolonialwaren in verschiedenen Zeitungen aus, eine andere Studierende untersuchte das globale Netzwerk von Edelsteinsuchern und –händlern, die die Schleifereien ihres Heimatortes mit Rohstoffen versorgten. Aus beiden Arbeiten gingen Bausteine in das Lehrmaterial ein.

Bei all der Orientierung über die Grenzen Europas hinaus: Wo liegen seine eigenen Wurzeln? Wendt überlegt einen Moment, zählt die Städte auf, in denen er lebte und in denen er sich zu Hause fühlte. Dann sagt er: „Ich fühle mich aber auch unterwegs wohl.“

Anja Wetter | 20.04.2015