Die bewegende Geschichte der Curta I

Prof. Dr. Rutger Verbeek stellt der FernUniversität in Hagen seine Sammlung von rund 60 Rechenmaschinen als Dauerleihgabe zur Verfügung.


Dauerausstellung mechanischer Rechenmaschinen im Informatikzentrum eröffnet

Prof. Rutger Verbeek und Rektor Prof. Dr.-Ing. Helmut Hoyer
Sie laden Interessierte zur Dauerausstellung ein: Prof. Dr. Rutger Verbeek und Rektor Prof. Dr.-Ing. Helmut Hoyer.

Eine gewisse Ähnlichkeit mit einer Pfeffermühle ist vorhanden. Mit einer Höhe von 85 Millimetern und einem Durchmesser von 53 Millimetern ist sie besonders handlich. Die Curta I ist die kleinste serienmäßig hergestellte mechanische Rechenmaschine der Welt, mit der in allen vier Grundrechenarten gerechnet werden kann. „Sie ist ein Kultgegenstand und hat eine sehr interessante Geschichte“, sagt Prof. Dr. Rutger Verbeek.

Dauerleihgabe von Prof. Rutger Verbeek

Das Herz des Informatik-Professors schlägt für mechanische Rechenmaschinen. Mehr als 25 Jahre lang leitete der 67-jährige Wissenschaftler das Lehrgebiet „Algorithmen und Komplexität“ an der FernUniversität in Hagen und trug maßgeblich zur Entwicklung der Informatik an der FernUniversität bei. Nach seiner Emeritierung im Sommer 2013 ist er der FernUni verbunden geblieben und nimmt noch regelmäßig Prüfungen ab. Nun stellt der Ruheständler dem Informatikzentrum seine Sammlung mechanischer Rechenmaschinen als Dauerleihgabe zur Verfügung.

Bei der Eröffnung dieser Dauerausstellung tauchten mehr als 50 Hochschulangehörige und Gäste jetzt in die Geschichte des mechanischen Rechnens ein. Rutger Verbeek gab einen Überblick über die Entwicklung der Maschinen. Wilhelm Schickard und Blaise Pascal galten in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts als ihre Erfinder. Gottfried Wilhelm Leibniz war wenig später Wegbereiter der ersten Vier-Spezies-Maschine, die Berechnungen in allen vier Grundrechenarten ermöglicht. Er sagte seinerzeit: „Es ist unwürdig, die Zeit von hervorragenden Leuten mit knechtischen Rechenarbeiten zu verschwenden, weil bei Einsatz einer Maschine auch der Einfältigste die Ergebnisse sicher hinschreiben kann.“

Erste Rechenmaschine für 20 D-Mark auf dem Flohmarkt gekauft

Auch der Mathematiker und Informatiker Rutger Verbeek findet: „Das Rechnen soll man besser Maschinen überlassen.“ Ihn langweilte das Rechnen schon als Kind. Auch darauf ist sein Faible für Rechenmaschinen zurückzuführen. Sie erinnern ihn an die Anfänge des Computers und daran, wie wichtig die Mathematik für die Informatik ist. Hinzu kommt sein ausgeprägtes Interesse für Feinmechanik. Mit Hilfe der Rechenmaschinen musste Verbeek selbst allerdings nicht mehr rechnen. „Ich gehörte zur ersten Studentengeneration, die bei Übungen den Computer mit Lochkarteneingabe benutzen durfte“, erinnert er sich an sein Mathematik- und Physikstudium in Bonn.

Blick ins Plenum
Die Ausstellungseröffnung war gut besucht: Vorab tauchten mehr als 50 Hochschulangehörige und Gäste bei einem Vortrag von Rutger Verbeek in die Geschichte des mechanischen Rechnens ein.

Während seiner Studienzeit entdeckte er seine erste Rechenmaschine in Bonn auf einem Flohmarkt. „Ich habe dafür vielleicht 20 D-Mark gezahlt“, schätzt er. Nach und nach erweiterte er seine Sammlung, kaufte weitere Rechenmaschinen auf Flohmärkten und Auktionen dazu. „In der Regel sind sie heute viel weniger wert als zur Zeit ihrer Herstellung. Große elektrische Rechenmaschinen waren früher ziemlich teuer und kosteten schnell weit über 1000 Mark“, erzählt Verbeek. Heute kann man viele Maschinen für weniger als 100 Euro bei Ebay kaufen.

Im Konzentrationslager Buchenwald konstruiert

Nicht so die Curta I und die Curta II, die zuletzt (1962) 425 DM und 535 DM gekostet haben. Heute werden beide Modelle meist um 800 Euro, sehr gut erhalten auch mit über 1000 Euro gehandelt. Das liegt auch an ihrer bewegenden Geschichte. Der Halbjude Curt Herzstark konstruierte sie während des Nazi-Regimes im Konzentrationslager Buchenwald. In Produktion ging sie erst nach dem Krieg in Liechtenstein bei der eigens gegründeten Contina AG.

So wie die Curta lässt jedes der rund 60 Ausstellungsstücke die Geschichte des mechanischen Rechnens lebendig werden. Zu sehen sind viele Staffelwalzenmaschinen und Sprossenradmaschinen, die überwiegend in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre hinein entstanden sind.

Die Dauerausstellung mechanischer Rechenmaschinen ist im Erdgeschoss des Informatikzentrums, Universitätsstraße 1, zu sehen. Sie soll noch weiter ausgebaut werden. Eine zusätzliche Vitrine soll angeschafft werden, außerdem sind eine Beleuchtung der Ausstellungsstücke sowie Infotafeln zu den Rechenmaschinen geplant. Rektor Prof. Dr.-Ing. Helmut Hoyer ist dankbar für diese „interessante Reise in die Vergangenheit“ und lädt alle Interessierten zum Innehalten und Anschauen ein.

Carolin Annemüller | 06.05.2015