Nachhaltigkeit in Produktion und Logistik: Mehr Chancen als Risiken

Unternehmen können gut geplante Nachhaltigkeitsstrategien zu ihrem Vorteil nutzen – durch ressourcensparende Produktion und verringerte Kosten.


60 Zuhörerinnen und Zuhörer bei erster Veranstaltung zu „Nachhaltigem Wirtschaften“

Nachhaltigkeit ist „…eine Entwicklung, die die Lebensqualität der gegenwärtigen Generation sichert und gleichzeitig zukünftigen Generationen die Wahlmöglichkeiten zur Gestaltung ihres Lebens erhält.“ Mit dieser Definition der World Commission on Environment and Development aus dem Jahre 1987 leitete Prof. Dr. Thomas Volling die erste Veranstaltung der neuen Tagungsreihe „Nachhaltiges Wirtschaften“ der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft ein. 60 Interessierte, darunter zahlreiche Unternehmensvertreterinnen und -vertreter sowie viele FernUni-Studierende, folgten aufmerksam drei Vorträgen zu dem Thema „Nachhaltigkeit in Produktion und Logistik – Risiko oder Chance?“

Prof. Grit Walther, Friedrich-Wilhelm Gundlach (li.) und Prof. Thomas Volling beleuchteten die Thematik wissenschaftlich und praktisch - und stellten auch immer wieder gegenseitige Bezüge her.
Prof. Grit Walther, Friedrich-Wilhelm Gundlach (li.) und Prof. Thomas Volling beleuchteten die Thematik wissenschaftlich und praktisch - und stellten auch immer wieder gegenseitige Bezüge her.

Prof. Dr. Grit Walther, Inhaberin des Lehrstuhls für Operations Management an der RWTH Aachen, ging zunächst der Frage nach, wie Nachhaltigkeit über den gesamten Produktlebenszyklus in der Supply Chain verankert werden kann: „Ganzheitliche Ansätze gesucht – Nachhaltigkeit im Produktlebenszyklus und in der Supply Chain.“

Der VW-Stratege Diplom-Wirtschaftsingenieur Friedrich-Wilhelm Gundlach erläuterte, wie mit „‚Think Blue. Factory.‘ Das ganzheitliche Programm für eine ökologische Produktion der Marke Volkswagen“ Ressourcen geschont und umweltfreundliche Produkte in umweltfreundlichen Fabriken hergestellt werden.

Prof. Thomas Volling, Lehrstuhl für Produktion und Logistik, blickte auf das Innere produzierender Unternehmen: „Auf das Paket kommt es an – Ansätze der energie- und ressourceneffizienten Produktion“.

Alle drei waren sich einig, dass Unternehmen Nachhaltigkeitsstrategien vielfältig zu ihrem Vorteil nutzen können – durch ressourcensparende Produktion und verringerte Kosten ebenso wie als Marketinginstrument oder bei der Mitarbeitermotivation.

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Gerne genutzt wurde die Möglichkeit, mit den Vortragenden – rechts Prof. Grit Walther, links Prof. Thomas Volling, in der Mitte diskutierend Friedrich-Wilhelm Gundlach – über ihre Ausführungen zu sprechen.

Die Professorin für Nachhaltigkeit

Grit Walther ist u.a. Vorsitzende der Wissenschaftlichen Kommission Nachhaltigkeitsmanagement im Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e.V. (VHB) und Koordinatorin der Working Group „Sustainable Supply Chains“ der Association of European Operational Research Societies (EURO). Auflagen, die Unternehmen zur Ressourcenschonung zwingen, hält sie für grundsätzlich positiv: „Das setzt aber voraus, dass Betriebe auf verlässliche Rahmenbedingungen setzen können.“ Wie das Beispiel der Biokraftstoffregulierung zeigt, ist dies oftmals nicht der Fall. Die größten Umwelt- und Sozialwirkungen ergeben sich allerdings außerhalb des eigenen Unternehmens. Daher müssen auch die Zulieferer in der Nachhaltigkeitsstrategie berücksichtigt werden. Von zentraler Bedeutung ist es, relevante Informationen entlang der Wertschöpfungskette bereit zu stellen. Nur so kann die Einhaltung rechtlicher Mindestforderungen gewahrt werden. Auch bilden umfassende und verlässliche Informationen die Grundlage, um ökonomische, ökologische und soziale Wirkungen unternehmerischer Entscheidungen zu berücksichtigen. Wie Unternehmen nachhaltige Wertschöpfungsketten realisieren können, zeigen Beispiele aus der Elektronikindustrie und der Erzeugung von Biokraftstoffen der 2. Generation. Dabei wird deutlich, wie wichtig es ist, die Nachhaltigkeitserwartungen von Anteilseignern, Kunden, Beschäftigten und der Öffentlichkeit ganzheitlich im Blick zu haben. Vielleicht muss sogar über alternative Geschäftsmodelle nachgedacht werden: Sollen Produkte verleast statt verkauft werden? Sollen sie aufgearbeitet statt neu produziert werden?

Der Unternehmensstratege

Friedrich-Wilhelm Gundlach leitet den Bereich „Strategie und Kompetenzentwicklung Komponente der Volkswagen AG“. Mit „Think Blue. Factory“, dem ganzheitlichen Umweltprogramm in der Produktion der Marke Volkswagen, sollen an allen 27 Produktionsstandorten der Marke Ressourcen effizienter genutzt und Emissionen verringert werden. Bis heute erhielt das Programm 30 Preise von unabhängigen Institutionen, Nichtregierungsorganisationen und Verbänden.

Abgesehen von den zukünftig steigenden Energiepreisen gibt es für VW weitere triftige Gründe: Privatkunden wie Flotteneinkäufer entscheiden zunehmend anhand der ökologischen Ausrichtung des Herstellers. Mit dem ökologischen Image des Unternehmens steigen auch Identifikation und Motivation der Mitarbeitenden. Sogar auf dem Kapitalmarkt spielt die Nachhaltigkeitsstrategie eine wichtige Rolle.

Für das Jahr 2018 sind daher klare Ziele gesetzt: 25 Prozent weniger Energie- und Wasserverbrauch, 25 Prozent weniger Abfall, CO2 und Lösemittel-Emissionen pro Fahrzeug und Komponententeil im Vergleich zu 2010. Von rund 5.000 geplanten Maßnahmen sind bereits 3.400 umgesetzt. Dafür wurden und werden an den Standorten einheitliche Messmethoden eingeführt, die Technologie wird verändert, die Umsetzung von Maßnahmen systematisiert, die Standorte vernetzt und die Mitarbeitenden informiert und geschult. So können durch einen innovativen Lackierprozess u.a. 91 Prozent weniger Frischwasser und 94 Prozent weniger Lösungsmittel verwendet werden, die Staubbelastung sinkt um 99 Prozent. Und das bei 24 Prozent weniger Energieverbrauch und 17 Prozent geringerem CO2-Ausstoß. Geothermie spart in Emden u.a. 12.000 Megawattstunden Energie im Jahr ein.

Neue Fabriken werden nach neuesten ökologischen Standards geplant, bestehende individuell weiterentwickelt – dabei plant das Werk selbst, vom Bewegungsmelder-Einbau bis zur energiesparenden Maschinensteuerung. Neuestes Produktionswissen wird kontinuierlich standardisiert dokumentiert und den anderen Standorten zur Verfügung gestellt. Die Veränderungen werden in ein weltweites Netzwerk von 350 Fachleuten kommuniziert. In allen Bereichen gibt es Ansprechpartner für die Beschäftigten. Die Mitarbeitenden werden motiviert, als „Sachkundige in Prozessen“ eigenen Ideen zu entwickeln. Und Manager können durch Nachhaltigkeitserfolge Einflüsse auf ihre Boni nehmen.

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Der Logistik-Professor

Zuletzt erläuterte Thomas Volling, warum es für Unternehmen so wichtig ist, die Energie- und Ressourceneffizienz in Produktion und Logistik zu steigern und welche Ansätze die Wissenschaft bereitstellt, dieses Ziel zu erreichen. Überraschend: Die Maßnahmen sind bekannt und oft auch bereits erprobt, dennoch bleibt die Umsetzung weit hinter den Erwartungen zurück – mit schwerwiegenden Konsequenzen für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit von Betrieben. Prof. Volling: „Hier ist die Wissenschaft gefragt“. Oft überwiegen Vorbehalte gegenüber umwelt- und ressourcenschonenden Technologien und organisatorischen Veränderungen. Daher ist es entscheidend, Maßnahmenpakete zu entwickeln, die passgenau auf die konkreten betrieblichen Randbedingungen angepasst sind und ihre Wirksamkeit im Vorfeld abzusichern. Entsprechende Modelle und Lösungsansätze werden derzeit weltweit erforscht – auch in Hagen.

Hinweise:

• Ein Link auf einen Beitrag zu dem Inhalt von Prof. Vollings Vortrag wird hier in Kürze eingefügt.

• Die nächste Veranstaltung in der Reihe „Nachhaltiges Wirtschaften“ findet am 29. Mai statt: „Umweltökonomie im Zeichen des Klimawandels“.

Gerd Dapprich | 08.05.2015