Nicht-Wissen als Antrieb der Forschung

Uneinigkeit, Widersprüchlichkeit, Unsicherheit: Mit diesen drei Worten fasst Prof. Dr. Viktoria Kaina den Forschungsstand zur europäischen Identität zusammen.


Antrittsvorlesung von Prof. Viktoria Kaina zur europäischen Identität

Prof. Viktoria Kaina bei ihrer Antrittsvorlesung
Wissen wird überbewertet: Für Viktoria Kaina ist das Nicht-Wissen Antrieb ihrer Forschung.

Uneinigkeit, Widersprüchlichkeit, Unsicherheit: Mit diesen drei Worten fasst Prof. Dr. Viktoria Kaina kurz und knapp den politikwissenschaftlichen Forschungsstand zur europäischen Identität zusammen. Warum das so ist, verriet die Leiterin des Lehrgebiets Politikwissenschaft I: Staat und Regieren jetzt in ihrer Antrittsvorlesung an der FernUniversität in Hagen. Das Thema ihres Vortrags: Europäische Identität – politikwissenschaftlicher Forschungsstand und Desiderata.

Seit 2013 lehrt und forscht Prof. Dr. Viktoria Kaina an der FernUniversität in Hagen. Das politische System im europäischen Kontext, die Auseinandersetzung mit den im Wandel begriffenen Rahmenbedingungen europäischer Demokratien und die Frage nach einer kollektiven europäischen Identität sind Forschungsfragen, mit denen sie sich bereits seit mehr als zehn Jahren intensiv beschäftigt. Diese sind angesichts der Währungs- und Staatsschuldenkrise und des ungewissen Verbleibs von Griechenland in der Europäischen Union aktueller denn je. „Der supranationale Herrschaftsverband ist in eine ernsthafte Krise mit ungewissem Ausgang geraten“, sagt Viktoria Kaina.

Identitätsbildung und Entwicklung von exklusiven Gemeinsamkeiten

Scheitert die Europäische Union? Was hält die Europäische Gemeinschaft in Krisen- und Konfliktsituationen zusammen? Ist die Europäische Union überhaupt fähig zur Identitätsbildung und zur Entwicklung von exklusiven Gemeinsamkeiten? Die Erkenntnisse der Politikwissenschaft zu diesen aktuellen Fragen sind ernüchternd.

Denn trotz einer Flut von Publikationen sei der Forschungsstand immer noch geprägt von einem Theorie- und Empiriedefizit, von zwiespältigen Diagnosen und widersprüchlicher Evidenz, so die Politikwissenschaftlerin. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Die EU wächst stetig. Bei aktuell 28 Mitgliedsstaaten ist die Messung und Datenlage äußerst schwierig. Hinzu kommen konzeptionelle Schwierigkeiten in Form von Definitionsproblemen und ein zeitliches Problem, denn Identifikationspolitik reicht immer auch in die Zukunft hinein. „Die europäische Identität ist ein gedankliches Konstrukt“, betont Viktoria Kaina. „Wir wissen bislang relativ wenig über das Phänomen einer kollektiven europäischen Identität.“

Plenum mit Viktoria Kaina bei den Einführungsworten
Prof. Viktoria Kaina mit Dekan Prof. Armin Schäfer und Kanzlerin Regina Zdebel (vordere Reihe)hören zu Beginn eine kurze Einführung von Prodekan Prof. Frank Hillebrandt.

Fragen der Wissenschaft bedeutsamer als Antworten

Schon Albert Einstein hat gesagt: „Wissen wird überwertet“. Viktoria Kaina kam zu dieser Schlussfolgerung, nachdem sie gleichlautende Überlegungen bei Stuart Firestein, Neurowissenschaftler der New Yorker Columbia University, in dessen Buch über „Ignoranz“ als Antrieb wissenschaftlicher Forschung gelesen hatte. Nur wer akzeptiere, dass die Fragen der Wissenschaft bedeutsamer seien als ihre Antworten, komme dem Kern der Sache nah Daraus folgert sie für ihre eigene Forschung: „Wir müssen uns unser Nichtwissen bewusst machen als ersten Schritt zum Entdecken.“ Auf dieser Basis könne man sich den Forschungsstand zur europäischen Identität als eine Landkarte mit einem Riesen-Ozean der Ignoranz und vielen Seen der Unwissenheit vorstellen.

Demnach ist das Nicht-Wissen Antrieb ihrer Forschung. „Wir müssen uns klar machen, was wir noch nicht wissen und theoretische Grundlagen empirisch klären“, sagt Kaina. Das sei insbesondere für die Studierenden nicht immer leicht nachvollziehbar. Konkrete Beispiele sind daher unverzichtbar. So würden etwa in der Forschung zur europäischen Identität der Wille zur Zusammengehörigkeit und die gegenseitige Wahrnehmung als Gleichgesinnte unisono als zentrale Voraussetzungen für eine kollektive Identitätsbildung gelten. „Alle setzen das voraus“, sagt Viktoria Kaina. „Aber dazu gibt es keine empirischen Befunde.“ Es bleibt also viel zu erforschen und das nicht nur angesichts des ungewissen Verbleibs von Griechenland in der EU.

Mehr zur Forschung und zum wissenschaftlichen Werdegang von Prof. Viktoria Kaina.

Carolin Annemüller | 24.06.2015