Das Auto denkt mit

Wie fahren wir in Zukunft Auto? Diese Leitfrage stellte sich Clemens Dannheim als Promovend im Lehrgebiet Kooperative Systeme an der Fakultät für Mathematik und Informatik.


Dissertation über autonomes Fahrsystem an der FernUniversität

Das Auto wird zum fahrenden Sensor: fest ausgestattet mit Kamera, Radar, Laser, Navi und W-LAN-Router. Es wertet die lokalen Daten fürs Wetter, den Abstand zum nächsten Fahrzeug und die Fahrzeit bis zur Ampel aus. „Wie wollen wir in Zukunft fahren, um Staus oder Unfälle zu vermeiden und vor allem Sprit zu sparen?“ Dieser Frage stellte sich Clemens Dannheim während der vergangenen fünf Jahre im Rahmen seiner Promotion am Lehrgebiet für Kooperative Systeme der Fakultät für Mathematik und Informatik an der FernUniversität.

Zwei Männer stehen nebeneinander auf der Treppe im TGZ an der FernUniversität
Prof. Christian Icking (li.) hat Clemens Dannheim während seiner Promotion an der FernUni betreut.

Über eine App direkt fürs Fahrzeug oder fürs Smartphone möchte Dannheim das Auto mit Daten zu den Wetterverhältnissen und der Verkehrslage füttern. An diese Parameter wird die Geschwindigkeit und das Abbremsverhalten angepasst – automatisch, ohne Zutun der Fahrerin oder des Fahrers. Die Daten kommen aus der Cloud. Gespeist wird diese Cloud wiederum von Fahrzeugen, die sich in der entsprechenden Funkzelle bewegen. „Dynamische Geschwindigkeitsregelungen oder Staumeldungen gibt es ja heute schon, aber der Mensch kann sie annehmen oder es lassen.“

Internet der Dinge

In Dannheims System ist der menschliche Unsicherheitsfaktor reduziert, das Fahrsystem entscheidet mit über das Fahrverhalten. „Das gewährleistet ein verbessertes Ergebnis“, prognostiziert Dannheim. „So könnten wir tatsächlich den Benzinverbrauch senken, die schädlichen Klimaabgase reduzieren und die Straßen optimal auslasten.“ Die Technik wird zum Akteur, das Auto selbst zu einem Baustein im ,Internet der Dinge‘. Reine Zukunftsmusik?

Apl. Prof. Dr. Christian Icking, der die Arbeit am Lehrgebiet betreut hat, schüttelt den Kopf: „Die Automobilindustrie arbeitet intensiv an autonomen Fahrsystemen. Es gibt einige Forschungsprojekte dazu, die von der EU gefördert werden. Wir freuen uns in diesem Fall besonders, dass die Dissertation im Rahmen einer Forschungskooperation mit BMW stattfinden konnte.“ BMW lieferte das Ausgangsszenario und bot die passende Infrastruktur, Dannheim forschte und entwickelte auf dieser Basis.

Der heute 54-Jährige arbeitete neben seinem Beruf als Geschäftsführer eines Softwareunternehmens in München an der Dissertation. „Es ist außergewöhnlich, dass ein Student neben seinem Beruf erfolgreich wissenschaftlich arbeitet“, würdigt Icking die Leistung des Promovenden. Für den FernUni-Wissenschaftler liegt ein großer Vorteil darin, „wenn Fernstudierende ihre eigenen Themen mitbringen können, in denen ihre Stärken liegen“. Denn insbesondere die Interdisziplinäre Informatik weist Bezüge zu anderen Fächern und zur Praxis auf.

Master-Studium an der FernUniversität

Dannheim stammt aus dem Ruhrgebiet und hat an der Fachhochschule in Dortmund Informatik studiert. Nach seinem Abschluss im Jahr 1984 ging er nach München, arbeitete als Entwickler in einem Softwarehaus und machte sich Ende der 1990er Jahre selbstständig. „Ich habe immer mal überlegt, noch einen Uniabschluss zu machen“, erinnert sich Dannheim. Das Unternehmen wuchs schnell, heute arbeiten dort 90 Menschen. 2007 entschloss er sich zum Studium und mit dem FH-Abschluss konnte er sich direkt in den Master-Studiengang einschreiben.

In der Zeit knüpfte Dannheim den Kontakt zu Prof. Icking. „Wir sind kontinuierlich zusammengewachsen“, freuen sich beide über die Zusammenarbeit. „Die Promotion habe ich auch für mich gebraucht vor allem als Ausgleich für den Kopf“, sagt Dannheim. „Als Geschäftsführer arbeitet man nicht mehr selbst in Projekten. Das fehlte mir.“

Um die Arbeit nach fünf Jahren abzuschließen, nahm Dannheim ein ,Freitrimester‘: Drei Monate ging er als Research Fellow zu einem befreundeten Wissenschaftler an die Auckland University of Technology in Neuseeland, der jetzt sogar als Zweitgutachter in der Promotionskommission mitwirken konnte. „Dort hatte ich Zeit, meine Ergebnisse zusammenzuführen.“ Bis sich Autofahrerinnen und Autofahrer allein von der Technik lenken lassen, ist es noch ein weiter Weg, bei dem es vor allem eine Hürde zu nehmen gilt: die im Kopf des Menschen am Lenkrad. Wird er zukünftig vom Autofahrer zum Bediener eines „Auto“-Piloten?

Anja Wetter | 26.06.2015