Im Spannungsfeld von Humboldt und Effizienz

Die Anforderungen an Bildung reichen von der Werte- und Normenvermittlung bis zur Wissensnutzung. Die Bildungspsychologie befasst sich in diesem Umfeld mit der Persönlichkeitsentwicklung.


Prof. Kathrin Jonkmann stellte sich in der FernUniversität vor

„Alles, was wir lernen, soll möglichst unmittelbar anwendbar sein“, erläutert Prof. Dr. Kathrin Jonkmann das heute vorherrschende instrumentelle, an den Anforderungen von Gesellschaft und Arbeitsmarkt orientierte Bildungsverständnis. „‚Ich bin fast 18 und habe keine Ahnung von Steuern, Miete und Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtanalyse schreiben. In vier Sprachen.‘“ zitierte die Leiterin des Lehrgebiets Bildungspsychologie der FernUniversität in Hagen die getwitterte Kritik einer 17jährigen Schülerin. Die Wirtschaft fordert ein Schulfach Wirtschaft und kritisiert, das Bachelorstudium sei viel zu wenig anwendungsbezogen. Das „klassische“ humanistische und ganzheitliche Bildungsideal Wilhelm von Humboldts dagegen will durch kritisch-reflexive Betrachtung der Welt Werte und Normen vermitteln.

Prof. Kathrin Jonkmann stellte die Bandbreite ihres Faches und sich selbst mit eigenen Arbeiten vor. (Foto: Gerd Tübben)
Prof. Kathrin Jonkmann stellte die Bandbreite ihres Faches und sich selbst mit eigenen Arbeiten vor. (Foto: Gerd Tübben)

Welche Rolle die Bildungspsychologie in diesem Spannungsfeld der Anforderungen an Bildung spielt, erläuterte Kathrin Jonkmann mit ihrer Antrittsvorlesung „Bildung in differenziellen Lern- und Entwicklungsumgebungen“: „Die Bildungspsychologie beschäftigt sich mit allen Bildungsprozessen, die zur Entwicklung von – aus gesellschaftlich-normativer Perspektive – wünschenswerten Persönlichkeitsausprägungen beitragen,“ zitiert Kathrin Jonkmann eine Definition von Spiel und Kollegen. „Sie beschäftigt sich mit den Bedingungen, Aktivitäten und Maßnahmen, die diese Prozesse gemäß psychologischer Theorien und Modelle beeinflussen“.

Schulische Bildungsziele

Einen guten Kompromiss zwischen klassischem Bildungsideal und modernem Bildungsverständnis hat ihrer Meinung nach Prof. Dr. Jürgen Baumert gefunden. Der Bildungsforscher definierte im Jahr 2000 als wichtigste Bildungsziele der Schule:

  • kulturelle Basiskompetenzen (insbesondere das sichere Beherrschen der Verkehrssprache),
  • mathematische Modellierungskompetenz (Alltagsprobleme mathematisch präsentieren zu können) sowie
  • fremdsprachliche und informationstechnologische Kompetenz.

Diese Ziele haben weitgehend Einzug in die verbindlichen Bildungsstandards der allgemeinbildenden Schulen und in die Schulleistungsstudien gehalten. Hinzu kommt Orientierungswissen in zentralen kulturellen Wissensbereichen, die die Unterrichtsfächer widerspiegeln. Kathrin Jonkmann: „Die Summe dieses Orientierungswissens könnte man ‚Allgemeinbildung‘ nennen.“

Gefördert werden sollen weiterhin Kompetenzen zur Selbstregulation des Wissenserwerbs, also von Planungs-, Überwachungs- und Kontrollstrategien, die die eigenen Lernaktivitäten regulieren: „Diese sind schon in der Schule sehr wichtig, aber unabdingbar, wenn wir uns in weniger stark strukturierten und reglementierten Lernumgebungen bewegen, wie z.B. in einem Fernstudium.“ Hinzu kommen sozial-kognitive Kompetenzen (Fähigkeit zu Perspektivwechsel, Empathie, Hilfsbereitschaft, Kooperation, Verantwortungsbereitschaft, moralisches Urteilen).

Schulisches Wissen müsse nicht unmittelbar in Alltag oder Beruf anwendbar sein, es müsse sich aber mit später erworbenem Know-how zusammenführen lassen: „Ein gutes Fundament für das Erlernen beruflicher Kompetenzen“, so Kathrin Jonkmann.

Lebenslang lernen – vom Säugling bis zum Senior

Nach diesem Exkurs kam Prof. Jonkmann zu der Definition von Bildungspsychologie zurück: „Die Betrachtung der beeinflussenden Prozesse geschieht aus zwei Perspektiven – Lebensspanne und Handlungsebene.“

Die Perspektive auf Säuglinge und Kleinkinder zeige, dass Bildung nicht nur in der Familie stattfindet, sondern u.a. auch beim Babyschwimmen, in Kinderkrippen, Kitas und Kindergarten – schon hier sollen Defizite erkannt und abgemildert werden. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach Personalausbildungsqualität.

Da die deutschen Grundschulen im internationalen Vergleich durchweg gut abschneiden, konzentriert die Forschung sich auf den Übergang zu weiterführenden Schulen. Hier war Kathrin Jonkmann an einem großen Projekt beteiligt, das viele spannende Befunde zu sozialer Gerechtigkeit, Noten und Empfehlungsvergabe durch die Lehrkräfte und des Entscheidungsverhaltens der Eltern hervorbrachte.

Schwerpunkte der bildungspsychologischen Forschung allerdings sind die Sekundarstufe und die Effekte des gegliederten Schulsystems: Zahlreiche Haupt- und Realschulen werden zusammengelegt und durch eine gymnasiale Oberstufe erweitert. Hierzu schreibt ein Hauptschullehrer bei Prof. Jonkmann seine Abschlussarbeit. Eine Lehrerin beschäftigt sich in ihrer Masterarbeit mit Unterrichtsqualität und Motivationsentwicklung.

Die Qualität der Lehre, didaktische und fachdidaktische Fragen sowie die unterschiedlichen Hochschultypen rücken im Tertiären Bildungsbereich immer mehr in den Fokus. Diese Themen möchte die Wissenschaftlerin noch stärker forcieren.

Im mittleren Erwachsenenalter entwickelt sich die Kompetenz im Job durch ganz unterschiedliche Lernprozesse:

  • zweckbestimmtes abschlussorientiertes Lernen, z.B. durch eine Weiterbildung oder ein Fernstudium;
  • non-formales, also weniger zielgerichtetes und unmittelbar anwendungsorientiertes Lernen wie in einer VHS;
  • informelles Lernen am Arbeitsplatz oder in der Freizeit.

Demgegenüber nutzen ältere Erwachsene und Senioren eher ihre erworbenen Kompetenzen. Auch für Ruheständler ist Lernen oft wichtig.

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Zu der Vorlseung kamen zahlreiche Hochschulangehörige aus allen Bereichen

DFG-Projekt zu Englisch in der Berufsschule

Die kognitive, motivationale, emotionale und soziale Entwicklung des Individuums findet häufig in Gruppen und Institutionen wie Klassen, Schulen, Betriebe etc. – der Mesoebene – statt. Ebenso wie sie können auch bildungspolitische und gesellschaftliche Faktoren (Makrosysteme) die Entwicklung beeinflussen. Wie diese Faktoren aussehen und was sie wie bewirken, ist ebenso spannend wie der Vergleich mit den Bildungssystemen anderer Länder. Nicht zuletzt geht es dabei auch um die Erfolge von Reformen.

Und um Effektivität. Ein Projekt in Baden-Württemberg, an dem Jonkmann beteiligt war, wies nach, dass Englischunterricht Grundschulkindern signifikante Vorteile bringt – jedoch nicht dauerhaft. Wie sieht es da mit der Effizienz aus?

In Jonkmanns gerade angelaufenem DFG-Projekt „EIBa – Englischlerngelegenheiten in der dualen Berufsausbildung“ geht es um das Zusammenspiel der individuellen Lerngeschichte in Bezug auf Englisch, der Anforderungen im Ausbildungsbetrieb und der Gestaltung des Unterrichts in der Berufsschule (gerade wird ein mindestens einstündiger verpflichtender Englischunterricht in allen Berufen eingeführt). Neben den Englischleistungen interessiert ihr Team auch die Bereitschaft der jungen Berufstätigen, Englisch ohne Scheu anzuwenden und sich darin weiterzubilden.

Mehr „Ellenbogen“ durch Wehrdienst

Ein weiterer Schwerpunkt Jonkmanns ist die Persönlichkeitsentwicklung. Für eine Forschungsarbeit z.B. wurden „statistische Zwillinge“ gefunden: Zum Zeitpunkt des Abiturs glichen sie sich in allen bekannten Merkmalen. Nachdem sie unterschiedliche Wege eingeschlagen hatten, zeigten Untersuchungen, dass ein Studium günstig ist für die soziale Verträglichkeit, während eine Berufsausbildung die Gewissenhaftigkeit deutlich steigert. Wehrdienstleistende waren schon zum Zeitpunkt des Abiturs weniger offen für neue Erfahrungen und weniger verträglich, dafür aber emotional stabiler und belastbarer als Zivildienstleistende.

Bei allen stiegen Gewissenhaftigkeit, emotionale Stabilität und Verträglichkeit alterstypisch an. Jedoch war das Plus an Verträglichkeit bei den „Zivis“ deutlich größer als bei den Soldaten. Junge Männer ohne Wehr- bzw. Zivildienst wiesen den gleichen Verlauf auf wie die „Zivis“: Der Unterschied resultiert aus der Militärerfahrung. Wehrdienst kann also negativ für soziale Beziehungen, Freundschaften und Partnerschaften sein – andererseits aber die Karriere fördern, wenn „Ellenbogen gefragt“ sind.

Gerd Dapprich | 10.09.2015