HIV-positive Beraterinnen als glaubwürdiger, empathischer und kompetenter angesehen

Die Studie von Linn Mehnert ergab, dass am Humanen Immundefizienz-Virus erkrankte Frauen eher ein Beratungsangebot annehmen, wenn die Beraterin ebenfalls HIV-positiv ist.


Studentin der FernUniversität von AAWS-Sektion der Deutschen AIDS-Gesellschaft ausgezeichnet

HIV-positive Beraterinnen haben bessere Chancen, ebenfalls am Humanen Immundefizienz-Virus erkrankte Frauen beraten zu können als HIV-negative Kolleginnen. Das ist das Ergebnis einer experimentellen Untersuchung von Linn Mehnert, Studentin im Masterstudiengang Psychologie der FernUniversität in Hagen. Für die Studie „Die Rolle von Ähnlichkeit bei Beratungsangeboten für Frauen mit HIV“ ihrer herausragenden empirische M.Sc.-Arbeit am Lehrgebiet Sozialpsychologie erhielt sie einen Frauenforschungspreis der Sektion All Around Women special (AAWS) der Deutschen AIDS-Gesellschaft (DAIG). Auch das Bundesgesundheitsministerium ist an ihren Ergebnissen interessiert. Linn Mehnert empfiehlt, Projekte mit einem solchen „Peer-to-Peer“-Ansatz stärker zu fördern: „HIV-positive Frauen sollten als Beraterinnen ausgebildet und häufiger innerhalb der AIDS-Organisationen beschäftigt werden.“

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v. re.: Linn Mehnert mit den Jurymitgliedern Ulrike Sonnenberg-Schwan (Vorsitzende AAWS-Sektion DAIG)und Prof. Dr. Sibylle Nideröst sowie einer weiteren Preisträgerin.

In ihrer bundesweiten Online-Studie mit 89 HIV-positiven Teilnehmerinnen konnte Linn Mehnert den Zusammenhang zwischen der Bereitschaft, ein Beratungsangebot anzunehmen, und einer „wahrgenommenen Ähnlichkeit durch eine HIV-Infektion“ nachweisen: „Bei einer stigmatisierenden Erkrankung wie HIV/AIDS wird eine ebenfalls erkrankte Beraterin als glaubwürdiger und empathischer angesehen.“ Dass andere Ähnlichkeiten – wie gleiches Geschlecht oder ähnliche ethnische Hintergründe – positiv auf die Annahme eines Beratungsangebotes wirken können, war schon vor der Studie bekannt.

Besonders deutlich wurde der Zusammenhang von Beratungsinteresse und Erkrankung der Beraterin bei vulnerablen – also leicht verletzlichen – Frauen, die sich stark stigmatisiert fühlten, die wenig soziale Unterstützung und ein geringes Selbstwertgefühl hatten: „Sie entscheiden sich eher gegen eine Beratung. Ebenfalls erkrankte Beraterinnen erreichen sie jedoch besonders gut“, erläutert die Leipzigerin. Betreut wurde die Arbeit von Dr. Birte Siem, Lehrgebiet Sozialpsychologie (Zweitgutachter: Prof. Dr. Stefan Stürmer).

Die Studie

Per Zufallsprinzip wurde den Teilnehmerinnen der Studie einer von drei fiktiven Steckbriefen vorgelegt, in denen die Ähnlichkeit variiert wurde:

  • die Beraterin lebt selbst mit einer HIV-Infektion;
  • sie lebt nicht mit einer HIV-, aber einer Hepatitis C-Infektion
  • sie hat weder HIV noch Hepatitis C.

Die Teilnehmerinnen schätzten die Beraterin im Hinblick auf ihre „wahrgenommene“ Ähnlichkeit, ihre Empathie und Glaubwürdigkeit ein und gaben an, inwieweit sie bereit waren, sich im Hinblick auf ein HIV-spezifisches Problem beraten zu lassen.

Eine Zusammenfassung der Studie von Linn Mehnert ist hier zu finden.

HIV-positive Beraterinnen wurden als ähnlicher zu sich selbst, mitfühlender, authentischer, vertrauenswürdiger und erfahrener im Umgang mit spezifischen Problemen wahrgenommen. Die Bereitschaft, sich beraten zu lassen, war signifikant höher als bei einer HIV-negativen Beraterin.

Die FernUni-Studentin wurde beim diesjährigen Deutsch-Österreichischen AIDS-Kongress in Düsseldorf für diese Studie von der DAIG-Sektion AAWS ausgezeichnet, wo sie ihre Studie auch als Vortrag und im Rahmen eines Posters vorstellte. Die Deutsche AIDS-Hilfe hatte Linn Mehnert bereits nach ihrem Bachelor-Abschluss – ebenfalls an der FernUniversität – zu einem verwandten Thema als Referentin und Moderatorin eingeladen.

Studium von Australien aus

Sowohl ihr Bachelor- als auch ein Semester ihres Masterstudiums führte Linn Mehnert großenteils von Australien aus an der FernUniversität durch, ihre Klausuren schrieb sie im Goethe-Institut in Sydney.

Ein Studium an einer Präsenzuniversität vor Ort wäre für die alleinerziehende Mutter eines jungen Sohnes keine Option gewesen. Für die Vorbereitung und Durchführung der Studie war es jedoch wichtig, in Deutschland zu sein: „Es ist nicht einfach, das Vertrauen der HIV-positiven Frauen zu gewinnen, sondern nur durch persönliche Kontakte.“

Gerd Dapprich | 22.09.2015