Wichtige Lehren für heute

Rudolf Seiters sprach im Hagener Forschungsdialog über die Wiedervereinigung. Als Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramts war er 1989 und 1990 ihr Wegbereiter.


Lüdenscheider Gespräch mit Rudolf Seiters zur deutschen Wiedervereinigung

Prof. Arthur Schlegelmilch und Rudolf Seiters
Rudolf Seiters (r.) sprach mit Prof. Arthur Schlegelmilch über die deutsche Wiedervereinigung.

Der stellvertretende Büroleiter des damaligen Kanzleramtschefs Rudolf Seiters hatte am 9. November 1989 in seiner Familie einen Kindergeburtstag geplant und fragte, ob er früher gehen könne. Seiters Antwort lautete: „Gehen Sie ruhig. Heute liegt nichts Besonderes mehr an.“ Wenige Stunden später fiel die Mauer.

Mit dieser Anekdote verdeutlichte Rudolf Seiters jetzt im Lüdenscheider Gespräch bei seinem Vortrag „Deutsche Einheit – Rückblick und Ausblick“ im Kulturhaus Lüdenscheid, wie überraschend die Grenzöffnung selbst für die damalige politische Führung der Bundesrepublik erfolgte.

Positives Bild der Wiedervereinigung

Als Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramts bestimmte der heute 78-jährige Seiters die Politik der Bundesregierung in den entscheidenden Monaten des Zusammenbruchs des SED-Regimes maßgeblich mit. Er wurde zum Planer und Wegbereiter der deutschen Wiedervereinigung. Im Gespräch mit Prof. Dr. Arthur Schlegelmilch, Direktor des einladenden Instituts für Geschichte und Biographie der FernUniversität in Hagen, zeichnete er ein überwiegend positives Bild des Wiedervereinigungsprozesses nach.

Biographisches: Dr. Rudolf Seiters ist seit 2003 Präsident des Deutschen Roten Kreuzes. Davor war der Jurist mehr als 30 Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestages. Der gebürtige Osnabrücker war Chef des Bundeskanzleramtes, Bundesminister für besondere Aufgaben, Vizepräsident des Deutschen Bundestages und Bundesminister des Inneren.

Im November jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 26. Mal. Damals war Rudolf Seiters gerade ein gutes halbes Jahr Chef des Kanzleramts und damit Verhandlungspartner der DDR. Von seinem Vorgänger Wolfgang Schäuble hatte er bei der Amtsübergabe Ende April 1989 keine Akten zur DDR erhalten. „Damals hat niemand geahnt, dass die friedliche Revolution in Europa anderthalb Jahre später zur Wiedervereinigung Deutschlands führen würde“, stellte Seiters heraus. Selbst am 9. November 1989 habe er trotz der Öffnung der Grenzen noch nicht geglaubt, dass die Maueröffnung zur Wiedervereinigung führen würde. Das habe sich am 19. Dezember 1989 geändert, als Bundeskanzler Helmut Kohl in die DDR reiste und die Ost-Berliner Regierung ihn an der Frauenkirche in Dresden mit der eigenen Bevölkerung allein ließ – aus Furcht vor dem Beifall für Kohl und vor den Pfiffen für sich selbst. Dieser Tag habe endgültig den Autoritätsverfall der DDR symbolisiert und den Übergang zu einer operativen Politik der Wiedervereinigung eingeleitet.

Diskussion im Publikum
Zahlreiche Zuhörerinnen und Zuhörer nutzten die Gelegenheit, um kritisch nachzufragen und zu diskutieren.

Rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörer hatten im Kulturhaus Lüdenscheid Gelegenheit, Geschichte aus erster Hand authentisch und lebendig zu erleben. Es wurde rege nachgefragt und diskutiert, etwa über die Rolle der europäischen Partner, die Währungs- und Wirtschaftsunion und die Stimmung in Ost und West. „Das Wichtigste zur Überwindung der Probleme war beim Zusammenwachsen der Deutschen die Freude und das Glücksgefühl über das Wunder der Wiedervereinigung“, stellte Seiters heraus. „Ich halte es immer noch fast für ein Wunder, dass dieser Umbruch so friedlich verlaufen ist.“

Neue Heimat für mehrere Millionen Menschen

Die positiven Veränderungen 25 Jahre nach der Einheit seien spektakulär, richtete Seiters den Blick in die Gegenwart. Die größte Errungenschaft bleibe die Freiheit von einem Unrechtsstaat. Eine absolute Gleichheit der Lebensverhältnisse könne es innerhalb Deutschlands aber nie geben. Hinsichtlich der inneren Einheit wies Seiters auf eine Umfrage unter 18- bis 25-Jährigen hin: 91 Prozent der Befragten sahen sich weder als Ost- noch Westdeutsche, sondern einfach als Deutsche. Das Zusammenwachsen von Ost und West belegte er mit weiteren Zahlen: „Es gibt nicht nur 5,5 Millionen Menschen, die in den vergangenen Jahren von Ost nach West gegangen sind, sondern auch 4,4 Millionen Menschen, die von West nach Ost gingen. Das heißt: Es gibt viele, die wirklich eine neue Heimat gewonnen haben.“

​Nächster Termin: Das nächste Lüdenscheider Gespräch findet am Mittwoch, 25. November, 18 Uhr, im Kulturhaus Lüdenscheid statt. Prof. Dr. Christoph Nonn (Düsseldorf) spricht zum Thema „Bismarck – ein Preuße und sein Jahrhundert“. Die Veranstaltungsreihe findet unter dem Dach des Hagener Forschungsdialogs der FernUniversität statt.

Für die heutige Politik lassen sich laut Seiters aus dem Prozess, der zu deutschen Einheit führte, wichtige Lehren ziehen: das Richtige durchzusetzen auch gegen populistische Strömungen, das persönliche Miteinander der Politikerinnen und Politiker über die Parteigrenzen hinweg sowie die zentrale Bedeutung von Europa zu stärken. „Ich wünsche mir, dass wir die europäische Einigung auch in Zeiten, in denen es Verunsicherungen und Ängste gibt, nicht leichtfertig verspielen“, betonte Seiters. Als Präsident des Deutschen Roten Kreuzes steht er derzeit angesichts der Flüchtlingskrise erneut vor einer gewaltigen Herausforderung. Derzeit werden deutschlandweit allein vom Deutschen Roten Kreuz mehr als 110.000 Flüchtlinge in 340 Notunterkünften betreut. Auch Rudolf Seiters hat keine Patentantwort darauf, wie die Not der Menschen zu lindern ist. „Wir können es schaffen, wenn es europäische Lösungen gibt“, sagte er.

Carolin Annemüller | 23.10.2015