Kulturalisierung der Gesellschaft: „Singularität ist ‚hip‘!“

An drei Tagen ging es um Reichweiten und Grenzen des Kulturbegriffs, um die „Kulturalisierung der Gesellschaft“ und um das erbitterte Ringen von „Besonderheiten“ um Aufmerksamkeit.


Fachtagung an der FernUniversität befasste sich mit interdisziplinären Zugängen zu „Kultur“

„Was steckt hinter dem Begriff ‚Kultur‘?“ fragte Prof. Dr.-Ing. Helmut Hoyer bei seinem Grußwort zur Fachtagung „Kultur: interdisziplinäre Zugänge“ die zahlreichen Teilnehmenden der Eröffnungsveranstaltung. „Welche Musik haben Sie zuletzt gehört? Welches Buch liegt gerade auf Ihrem Nachttisch? Waren Sie am Wochenende im Theater oder im Fußballstadion?“ wollte der Rektor der FernUniversität in Hagen – natürlich rein rhetorisch – wissen. Ein Opern-Besuch gilt ja unstrittig als Hochkultur. Aber der Besuch im Stadion?

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Kaum ein anderer Terminus wird in Debatten zwischen naturalistischen und kulturalistischen Theorieansätzen so vielfältig verwendet und mit derartig unterschiedlichen Begriffen und Konzepten verknüpft wie das Wort „Kultur“. Musik, Literatur, Theater, Tanz – die „schönen Künste“ – sind, so Helmut Hoyer, Produkte eines kreativen Prozesses. Beim Besuch im Fußballstadion oder eines Rockkonzertes „haben wir es mit Kultur als System zu tun.“ Regeln und Rituale schaffen Orientierung und stiften Identität: „Wir sprechen grundsätzlich von Kultur, wenn wir ähnliche Lebensstile, Wertvorstellungen und Glaubensrichtungen klassifizieren.“ Gleichzeitig unterscheidet sich das Verständnis von Kultur sogar zwischen benachbarten Disziplinen.

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Bevor Rektor Prof. Helmut Hoyer (re.) die Teilnehmenden begrüßte, nahm er sich Zeit für ein Gespräch mit Prof. Thomas Heinze.
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Die dreitätige Tagung „Kultur: Interdisziplinäre Zugänge“ an der FernUniversität stellte die von Kultursoziologie, Kulturmanagement, Kulturphilosophie und Kunst- und Medienkommunikation etablierten Begriffe und Paradigmen von Kultur so zur Diskussion, dass die Reichweite ebenso erkennbar wurde wie die Grenzen der gegenwärtigen disziplinären Zugänge. Veranstaltende waren Prof. Dr. Hubertus Busche (Institut für Philosophie, FernUniversität), Prof. Dr. Thomas Heinze (DISC Kaiserslautern), Prof. Frank Hillebrandt und Dr. Franka Schäfer (Institut für Soziologie, FernUniversität). Die Initiative zu der Veranstaltung ging von Thomas Heinze aus, der bis 2007 an der FernUniversität geschäftsführender Direktor des Instituts für Kulturmanagement war.

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Dr. Franka Schäfer mit Prof. Thomas Alkemeyer und seinem Ko-Referenten Velten Schäfer (Foto: Dr. Andrea Hamp)

Auf einen Aspekt ging Hoyer als Rektor der Universität in der Stadt Hagen besonders ein: auf Prof. Frank Hillebrandts Forschung zur Populärkultur – „Damit sitzt er an der FernUniversität in Hagen gewissermaßen an der Quelle.“ Schließlich ging von dieser Stadt die „Neue Deutsche Welle“ aus. So bildete populäre Musikkultur auch einen Themenschwerpunkt der anschließenden Tagung, die unter dem Dach des Hagener Forschungsdialogs der FernUniversität stattfand.

„Herrschaft des Singulären“ durch das Streben nach Authentizität

Im Eröffnungsvortrag „Die Kulturalisierung der Gesellschaft“ befasste sich Prof. Dr. Andreas Reckwitz aus Frankfurt an der Oder mit der „Verdrängung des Allgemeinen durch das Besondere“ in neuerer Zeit. Gleich, ob in der Mode, in der Architektur, bei Marken, im Urlaub oder in der Bildung: „Erfolg hat, was sich unterscheidet“. Prof. Reckwitz sprach von einer „Herrschaft des Singulären“ durch das „Streben nach Authentizität“. Sogar in scheinbaren Massenphänomenen wie sozialen Netzwerken finden gegenwärtig Rangeleien um Singularität in Form von Variationen von individuellen Links und Likes statt. Auch bei Arbeit und Politik entständen neue Gemeinschaften aus Subjekten, Objekten, Räumen und Diskursen, die einzigartige Singularitäten hervorbrächten und im Rahmen derer um Aufmerksamkeit gebuhlt wird. In der klassischen Moderne dagegen habe es den Trend zu Verallgemeinerung und Rationalisierung gegeben. Deren heutigen Gegenentwurf, in dem die Herstellung von Singularitäten zum dominierenden Prinzip avancierte, führte Reckwitz auf verschiedenen gesellschaftlichen Feldern vor Augen. Demnach ist auch ein Konzert oder ein Fußballspiel Kultur. Da sie mit anderen Ereignissen konkurrierten und „Aufmerksamkeit erst einmal dem bereits Bekannten gewährt wird“, müssten aber auch sie als singuläre Güter ein Profil entwickeln: „Singularität ist ‚hip‘!“

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Prof. Hubertus Busche (stehend) diskutiert mit Prof. andreas Renkwitz (Foto: Dr. Andrea Hamp).

Die Veranstaltungen

Bereits die Diskussion im Nachgang des Eröffnungsvortrags zeigte deutlich, wie unterschiedlich sich selbst „benachbarte“ Fächer dem Begriff der „Kultur“ nähern. Die Kontroversen ergaben sich dabei vor allem aus unterschiedlichen Gewichtungen der weiten Facetten des Kulturbegriffes, der von Kultur als Hochkultur bis zu Kultur als Praxis und Populärkultur reicht. Die angeregten Diskussionen des Auftakts wurden nach dem Abendvortrag bei einem Imbiss weiterdiskutiert.

An den folgenden Tagen der gut besuchten Veranstaltung rückten dann im Panel von Dr. Franka Schäfer führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Kultursoziologie die populären Formen von Kultur in den Vordergrund, wiesen auf die verbleibenden blinden Flecken bezüglich kultureller Formen des Alltagslebens wie der Rock und Popmusik hin und machten auf die Genealogie des Kulturbegriffes im Rahmen der Popwerdung des Subjekts sowie der Kulturförmigkeit des Körperlichen aufmerksam. Am Nachmittag stellten renommierte Vertreterinnen des Kulturmanagements unter der Leitung von Prof. Thomas Heinze dem Möglichkeiten und Grenzen der Steuerung von Kulturförderung entgegen und thematisierten vor allem traditionelle hierarchische Strukturen im Feld der Kultur.

Dass die Kulturphilosophie zahlreiche Begriffe von Kultur kennt, stellte am Donnerstag das erste Panel in der Verantwortung von Prof. Hubertus Busche heraus. Nach der Differenzierung verschiedener Begriffe von Kultur und Hinweisen zum Umgang mit dem schwierigen Erbe dieser Begriffstradition richtete sich der Fokus auf einen ästhetischen Kulturbegriff in der Auseinandersetzung mit Formen der Haut Culture am Beispiel der Mode. Als mögliche Schnittstelle interkultureller Verständigungsmöglichkeiten bzw. Unmöglichkeiten wurde die Sprache ins Spiel gebracht.

Den Abschluss der Tagung bildete ein Blick in die Kunst- und Medienkommunikation. Die Vorträge im Panel von Prof. Klaus-Ove Kahrmann betonten problematische Wahrnehmungsweisen von Kunst, visuelle Regime im Bereich von Medienkommunikation oder den Kulturkonsum am Beispiel der Kinofilme im dritten Reich.

In einem resümierenden Statement fassten die Veranstaltenden am Ende des dritten Tages die vielfältigen Auseinandersetzungen mit Kultur im engeren und weiteren Sinne zusammen und rundeten die Veranstaltung mit gegenseitigen Einsichten und Ausblicken auf die Notwendigkeit weiterführender interdisziplinärer Diskussionen des Kulturbegriffs ab.

Weitere Informationen und Stream: http://www.fernuni-hagen.de/soziologie/lg1/fachtagung/.

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Die Veranstaltung stieß auf reges Interesse.
Gerd Dapprich | 01.10.2015