Erleben und Verhalten im sozialen Kontext

„Für die Forschung sind statistisch-mathematische Grundlagen unerlässlich“, sagt Prof. Oliver Christ und zeigt, wie sie in seinem Fachgebiet Psychologie für aktuelle Fragen angewandt werden.


Antrittsvorlesung von Prof. Oliver Christ

Ein Mann steht an einem Redepult: Prof. Oliver Christ hält seine Antrittsvorlesung.
Prof. Oliver Christ sprach in seiner Antrittsvorlesung über Intergruppenkontakte und deren Effekte auf Vorurteile.

„Der soziale Kontext hat Einfluss auf unser Erleben und Verhalten.“ Diese Aussage erscheint trivial. „Es mag keine neue Erkenntnis sein“, räumt Prof. Dr. Oliver Christ ein, „aber gerade in der psychologischen Forschung findet sie noch nicht ausreichend Berücksichtigung.“ Der Wissenschaftler will das ändern. Seine Instrumente, um den Einfluss des sozialen Kontextes auf unser Verhalten zu erklären, sind statistische Verfahren.

Oliver Christ leitet das Lehrgebiet Psychologische Methodenlehre und Evaluation an der FernUniversität in Hagen. Der 41-Jährige stellte sich und seinen Forschungsansatz jetzt im Rahmen seiner Antrittsvorlesung unter dem Dach des Hagener Forschungsdialogs vor: „Die Mehrebenenanalyse als wichtige Methode für einen sozialökologischen Ansatz in der Psychologie“. „Um in der Psychologie wissenschaftlichen Fragestellungen nachzugehen, sind statistisch-mathematische Grundlagen unerlässlich. Wir zeigen in der Lehre auf, wie sie in der Forschung Anwendung finden“, führt Christ aus. Über statistische Erhebungen und ihre Auswertungen lassen sich Antworten auf aktuelle, gesellschaftspolitische Fragen geben.

Schon früh in seiner wissenschaftlichen Karriere hat sich Christ mit dem Thema Intergruppenbeziehungen und deren Effekte auf ethnische Vorurteile beschäftigt. „Das ist gerade in Deutschland sehr spannend und wichtig. Deutschland ist faktisch schon lange ein Einwanderungsland, in dem viele verschiedene Ethnien und Kulturen zusammenleben. Wir untersuchen, unter welchen Bedingungen dieser Mix der Ethnien und Kulturen funktionieren kann.“

Intergruppenkontakte und ethnische Vorurteile

Ausgangspunkt für die wissenschaftliche Analyse ist die Annahme, dass der soziale Kontext unser Erleben und Verhalten mitbeeinflusst. Aktuell im Fokus seiner Forschungsarbeit steht dabei ein Projekt, das den Einfluss von Intergruppenkontakten auf ethnische Vorurteile untersucht. Dahinter steht die Frage: Macht es für das Ausmaß an möglichen Vorurteilen eines Menschen gegenüber Migrantinnen und Migranten einen Unterschied, wie viel Kontakt Personen aus dem eigenen Umfeld zu einem fremden Kulturkreis haben?

Auf der Basis von Daten aus repräsentativen quer- und längsschnittlichen Umfragen, schlussfolgert Christ: „Es bestehen Unterschiede hinsichtlich des Ausmaßes an Vorurteilen. Menschen mit demselben Maß an persönlichen Kontakten zu Migranten, die aber aus sozialen Kontexten mit unterschiedlichen Kontaktausmaßen kommen, werden dadurch in der Stärke ihrer Vorurteile beeinflusst.“ Seine These: Die Normen im Hinblick auf das Zusammenleben mit anderen Menschen unterscheiden sich – und prägen das Verhalten.

Publikum
Neben der Hochschulöffentlichkeit kamen auch externe Besucherinnen und Besucher zu dem Vortrag.

​​Zu dieser Aussage ist Christ mithilfe der Mehrebenenanalyse gekommen. Die Mehrebenenanalyse ist ein statistisches Verfahren zur Analyse hierarchischer Daten. Durch die simultane Berücksichtigung unterschiedlicher Analyseebenen wird somit die direkte Analyse des wechselseitigen Einflusses zwischen Individuum und sozialem Kontext möglich. „Die Mehrebenenanalyse stellt damit eine wichtige Methode für einen sozialökologischen Ansatz in der Psychologie dar“, hebt der Psychologe die Vorteile dieser Methode hervor.

Erfahrungen im Studium

Grundlegende Kenntnisse in den psychologischen Forschungsmethoden und der Evaluation sieht er generell als Kernkompetenz von Psychologinnen und Psychologen an. „Die Methodenlehre ist in der psychologischen Ausbildung unverzichtbar. Nicht nur in der Forschung, auch für eine spätere Berufspraxis außerhalb der Universität benötigt man eine fundierte statistische Ausbildung“, sagt Christ.

HFD Icon

​​Derzeit überarbeitet das Team um Oliver Christ das Curriculum für den Bachelor- und Masterstudiengang grundlegend. „Die Herausforderung ist dabei, eine Balance zwischen den statistisch-mathematischen Grundlagen und der praktischen Anwendung zu finden“, sagt Christ. „Der Methodenlehre stehen viele Studierende zunächst skeptisch gegenüber. Wir hoffen aber am Ende die meisten Studierenden von der hohen Relevanz psychologischer Methoden für die spätere berufliche Praxis überzeugt zu haben.“

Anja Wetter | 19.10.2015