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Aktuelles - November 2015

Der beherrschbare Nervenkitzel

Prof. Andreas Glöckner leitet das Lehrgebiet „Allgemeine Psychologie: Urteilen, Entscheiden, Handeln“

Volles Risiko oder verlässliche Sicherheit? „Menschen unterschieden sich beträchtlich in ihrer Neigung Risiken einzugehen. Die meisten Menschen sind aber bereit, den überschaubaren Nervenkitzel auf sich zu nehmen, wenn sie dadurch viel gewinnen können“, sagt Prof. Dr. Andreas Glöckner (39). „Risiken bergen Chancen. Trotzdem ist auch Sicherheit ein Grundbedürfnis, welches uns vor manchem potenziellen Verlust schützt.“ Der Wissenschaftler leitet seit 1. Oktober das Lehrgebiet Allgemeine Psychologie – Urteilen, Entscheiden, Handeln an der FernUniversität in Hagen.

Ist das Risiko höher als die individuelle Risikobereitschaft oder kann es ruhig höher sein, wenn man dadurch schneller zum Ziel kommt? „Die Risikoneigung eines Menschen wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst, welche gut erforscht sind. Wir neigen beispielsweise verstärkt dazu Risiken einzugehen, wenn wir kurz zuvor Verlust gemacht haben oder es sich um ein seltenes Ereignis mit hohen Auszahlungen handelt“, hat Andreas Glöckner erkannt.

Er beschäftigt sich grundlegend damit, anhand welcher Faktoren Menschen ihre Umwelt einschätzen und wie diese Urteile das Entscheidungsverhalten und das Handeln beeinflussen. „Mich interessiert darüber hinaus, welche Fehler bei Entscheidungen auftreten und wie man diesen begegnen kann“, fügt Glöckner hinzu. Außerdem interessiert er sich dafür, „wie so etwas wie ,Intuition‘ entsteht und was diese ausmacht“. Für seine Untersuchungen greift der Psychologe auf empirische Studien zurück und erhebt eigene Daten im Labor des Instituts für Psychologie.

Neues Labor

Das neue Labor an der FernUniversität ist fast fertig eingerichtet, ebenso wie das Büro im Philipp-Reis-Gebäude auf dem Campus. Es ermöglicht Untersuchungen mit bis zu zwölf Personen gleichzeitig. „Wir müssen es ermöglichen, dass Personen anonym miteinander interagieren“, sagt Glöckner. Denn: Der Psychologe lässt Menschen im Dienste der Wissenschaft im Labor strategische Entscheidungen treffen, in denen sie mit anderen Teilnehmenden Geld teilen, diese aber auch „über den Tisch“ ziehen können. Verhalten Menschen sich altruistisch und kooperativ oder sind sie nur auf ihren eigenen Vorteil und ihre persönliche Gewinnmaximierung bedacht?

„Wir können durch modularisierte Lehrangebote
deutschlandweit Grundlagenkurse anbieten.“

Prof. Andreas Glöckner

Trotz der eher künstlichen Situation im Labor lassen sich aus dem Verhalten dort Rückschlüsse für authentische Situationen ziehen. Über Fragebögen analysiert Glöckner die Persönlichkeit der Probandinnen und Probanden und deren Verhaltenstendenzen im Alltag. Der Vergleich zeigt: Wer im Labor ,täuscht und trickst‘, wird sich tendenziell auch in realen Leben so verhalten.

Erfahrung aus der Wirtschaft

Mit Entscheidungsforschung hat sich Glöckner schon im Studium in Heidelberg beschäftigt: „Da stecken viele spannende alltagsrelevante Themen drin.“ Über die Rolle der Intuition in Entscheidungsprozessen hat er bereits seine Master-Arbeit geschrieben. Nach dem Abschluss im Jahr 2001 ging Glöckner – trotz verschiedener Angebote für eine Promotionsstelle – in die Wirtschaft. Drei Jahre arbeitete er für Lufthansa im Bereich der strategischen Personalentwicklung von Führungskräften. Dann zog es ihn zurück in die Wissenschaft: „Die Autonomie ist hier größer.“ Seine Promotion schloss er in Erfurt ab. Während er anschließend am Max-Planck-Institut in Bonn eine Forschungsgruppe leitete, habilitiert er sich und bekam 2012 einen Ruf nach Göttingen.

Berufliche Risikoentscheidung

Der Wechsel an die FernUniversität in Hagen war für Glöckner eine Frage von Risiko und Sicherheit: „Da konnte ich meine eigenen Modelle anwenden.“ Überwogen haben für ihn klar „die spannenden Perspektiven und Möglichkeiten“. Er sieht Ansätze, insbesondere durch die neuen Medien innovative Wege in der psychologischen Ausbildung gehen zu können. „Wir können durch die Umstrukturierung von Lehrangeboten, wenn wir Inhalte stärker modularisieren, deutschlandweit Grundlagenkurse in Psychologie anbieten. Vor allem für Interessierte anderer Fachgebiete und professionelle Entscheider wie Richter oder Manager.“ Auch im Bereich der Online-Forschung sieht Glöckner Nischen, in die die FernUniversität vorstoßen kann. „In den Bereichen Online-Lehre und Forschung sind traditionelle Institute oft noch zurückhaltend. Hier herrscht diesbezüglich ein ausgesprochen offenes Klima am Institut.“

Anja Wetter | 20.11.2015
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