Fernsehen zu Weihnachten: Zankapfel oder Friedensstifter?

„Es geht gar nicht darum, ob Fernsehen richtig oder falsch ist. Die Frage ist vielmehr: Wie wird ferngesehen?“, sagt die Soziologin Annemaria Köhler von der FernUniversität.


Was ist „Familie“ für die Familie selbst?

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(THINKSTOCKPHOTOS)

Weihnachten ist das Fest der Familie und des Friedens. Muss zu diesem besonderen Anlass Fernsehen wirklich sein? Es stört doch nur den Familienfrieden und gehört nicht zu einem traditionellen Weihnachtsfest! Wirklich? Oder kann das TV-Gerät vielleicht sogar für Harmonie sorgen? Weihnachten ist ja schon ziemlich stressbehaftet, nicht zuletzt wegen der hohen Erwartungen an den (familiären) „Frieden unterm Weihnachtsbaum“.

Mit dem klaren Fokus auf Familie ist Weihnachten auch für Familienmitglieder grundsätzlich reizvoll, die die Balance zwischen Familie und Beruf finden müssen, sagt Annemaria Köhler: „Zu Weihnachten hält es kein Arbeitgeber für erklärungsbedürftig, wenn die Familie an erster Stelle steht.“ Die Soziologin ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Ernsting's family-Junior-Stiftungsprofessur für Soziologie familialer Lebensformen, Netzwerke und Gemeinschaften (Jun.-Prof. Dr. Dorett Funcke).

Nicht selten kommt es vor, dass kinderlose Paare zumindest einen Teil des Festes bei ihrer Herkunftsfamilie – ohne Partnerin oder Partner – verbringen. Wenn das Paar selbst ein Kind hat, gilt die Ablösung von den eigenen Eltern als vollzogen. Gelebt wird dies oftmals in der Weise, dass Großeltern und Geschwister nun zur jungen Familie kommen: Das Fest dreht sich vor allem um (kleine) Kinder. „Die weihnachtlichen Traditionen entwickelten sich im bürgerlichen Milieu des 19. Jahrhunderts, die Kernfamilie stand im Mittelpunkt. Weihnachten wurde zum ‚Fest der Familie‘“, erläutert die Soziologin. Im Sinne dieser Tradition wurde Weihnachten auch zum „Fest der Kinder“.

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Weihnachten Märchenfilme und Familienvideos anzuschauen, ist in der Familie von Annemaria Köhler üblich.

Fernsehen kann gesprächig machen

„Es geht gar nicht darum, ob Fernsehen richtig oder falsch ist. Die Frage ist vielmehr: Wie wird ferngesehen?“ Tauscht man sich darüber aus, was man sieht? Kommentieren die Zuschauer das kitschige Märchen vielleicht ironisch? Kuschelt man sich gemeinsam mit einem heißen Tee unter eine Decke? All dies sind gemeinsame Handlungen. Die Interaktion in der Familie ist hier also zentral. Fernsehen muss also nicht damit einhergehen, dass familiäre Interaktion verloren geht.

Andererseits kann eine verminderte Interaktion beim Fernsehen eine Strategie sein, um Schwierigkeiten zu vermeiden. „In einer Familie mit pubertierenden Kindern beispielsweise kann es eine Riesenleistung sein, sich überhaupt ohne Konflikte zusammen in einem Raum aufzuhalten“, gibt Köhler zu bedenken. Denn zu Familienfesten im Allgemeinen und Weihnachten im Besonderen kochen problembehaftete Themen häufig hoch und führen manchmal zur Lüftung eines Familiengeheimnisses. Die hohe Dichte an familiären Beziehungen in diesem Moment birgt Krisenpotenzial.

Weihnachten ist wie in eine Lupe, unter der man sieht, wie sich die Familie selbst versteht, was sie sein möchte und woher sie kommt. Hier tauchen also Fragen auf wie: Was ist „Familie“ für die Familie selbst? Wer kommt, wer wird ausgeschlossen? Was ist das Gemeinsame? Um das zu untersuchen ist es für Annemaria Köhler notwendig, zu den Wurzeln der Familie vorzudringen: „Woher kommen die Eltern biografisch? Wenn zwei Menschen – mit oder ohne Kinder – zusammenziehen, entsteht etwas Neues.“ Um diese neue Familie zu festigen, sind Rituale hilfreich, mit denen die Familienidentität gefunden und stabilisiert, aber auch an neue Entwicklungen angepasst werden kann. „Mit jeder neuen Familie entstehen neue Muster, auch zum medialen Verhalten an Weihnachten“, erläutert die FernUni-Promovendin. Dabei gehöre das Fernsehen wohl deshalb nicht zur klassisch-bürgerlichen Weihnachtstradition, weil es erst nach dessen Entwicklung erfunden wurde.

Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum die bürgerliche Tradition der familiären Wirklichkeit heute nicht mehr gerecht wird: Neben die traditionelle Kernfamilie sind weitere Formen des Zusammenlebens getreten, in denen auch Weihnachten gefeiert wird. Wie sich also verschiedene Familienformen entwickeln, so könnten sich auch unterschiedliche Formen etablieren, Weihnachten zu feiern.

Familienpause bei Freunden

In diesem Zusammenhang kann man auch einen Blick auf die (nicht nur) jungen Leute werfen, die am gedeckten Tisch per Smartphone kommunizieren: „Vielleicht nehmen sie sich nur eine kurze Auszeit“, gibt Annemaria Köhler zu bedenken. Als Flucht vor den hohen Erwartungen an die Feier, vor den vielen Gefühlen, vor den Gesprächsthemen – kurz: vor dem Krisenpotential, das eine Feier haben kann. „Wie oft wird bei Feiern gefragt: Warum hast Du noch keine Freundin? Wann werde ich Oma?“

Wie dieses Verhalten ankommt, ist je nach Familie verschieden. Grundsätzlich sieht Annemaria Köhler darin aber kein Problem: „Nur wenn das Smartphone zu verminderter Interaktion führt, wird es am Esstisch schwierig.“

Neue Rituale

So neu wie manches erscheint, ist es allerdings auch nicht in jedem Fall. Gehörte es früher in manchen Familien dazu, im Kreis der Familie – mit jährlicher Wiederholung – die Weihnachtsgeschichte vorzulesen, so könnte heute der Fernseher ebenfalls eine Geschichte erzählen. Annemaria Köhler: „Zu plädieren ist für die Eigensinnigkeit von Familien. Ein wichtiger Schritt ist, dass die Familien sich von gesamtgesellschaftlichen Wertvorstellungen nicht unter Druck setzen lassen. Vielmehr kann man sich fragen: Was ist gut für mich und meine Familie?“

Gerd Dapprich | 15.12.2015