Eine steile Lernkurve – was das ist und ob man das gern hätte

Prof. Dr. Robert Gaschler leitet das Lehrgebiet Allgemeine Psychologie. In seinem DFG-Projekt zum Reihenfolgen-Lernen erforscht er Details von unbewussten Lernprozessen.


Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Robert Gaschler an der FernUniversität

Robert Gaschler
Prof. Dr. Robert Gaschler bei seiner Antrittsvorlesung: Mit dem skurrilen Titel „Eine steile Lernkurve - was das ist und ob man das gern hätte" machte er die Hochschulöffentlichkeit neugierig auf seinen Vortrag.

Die ersten Online-Vorlesungen sind aufgezeichnet, viele Bachelor-Arbeiten korrigiert. Prof. Dr. Robert Gaschler kommt gerade von einer Präsenzveranstaltung zur Psychologie der Wissenschaft auf dem Campus. Der Leiter des Lehrgebiets Allgemeine Psychologie – Lernen, Motivation, Emotion ist an der FernUniversität in Hagen angekommen. „Ich freue mich sehr, dass ich hier arbeiten darf. Wir haben tolle Bedingungen und sehr gute Studierende und damit sehr viele, aber meist auch sehr gute Bachelor-Arbeiten“, sagte er bei seiner Antrittsvorlesung.

„Ich bin bereit für die steile Lernkurve.“ Robert Gaschler trägt keins der angesagten T-Shirts mit diesem Aufdruck, die man im Netz bestellen kann. Den etwas skurrilen Titel „Eine steile Lernkurve – was das ist und ob man das gern hätte“ hat er sich für seine Antrittsvorlesung aber nicht verkniffen und damit die Hochschulöffentlichkeit neugierig gemacht auf den Teilbereich „Lernen“ seines Lehrgebiets.

Lernen lässt sich quantitativ vorhersagen

Was man aus seinem unterhaltsamen Vortrag zum Verlauf von Lernkurven mitnimmt: Lernen lässt sich quantitativ vorhersagen. Selbst kleine Unterschiede, wie Lernkurven gebogen sind, können spannend sein. Denn dahinter stehen unterschiedliche Theorien, was und wie gelernt wird. Zum Beispiel ist es strittig, ob bei jeder Bearbeitung einer Kopfrechenaufgabe Aufgabe und Ergebnis in einer neuen Spur im Gedächtnis abspeichert werden (so dass sich mit Übung derselben Aufgabe immer mehr Spuren im Gedächtnis ansammeln) oder ob es für jede Aufgabe einen Gedächtniseintrag gibt, der durch Wiederholung stärker wird.

Blick ins Plenum
Die Zuhörerinnen und Zuhörer lernten viel über das Thema Lernen dazu.

Interessant ist auch das Lerntempo. Wenn zu schnell gelernt wird, kann das Entdecken von besonders cleveren Lösungswegen verpasst werden. Um diese zu entdecken, muss man weiter probieren und darf nicht bei der erstbesten Lösung hängen bleiben. Eine steile Lernkurve, also dass bei der ersten Beschäftigung mit dem Material viel mehr dazu gelernt wird als in der zweiten oder dritten Bearbeitungsrunde, kann demotivierend sein. Warum sollen sich Lernende weiter anstrengen, wenn doch pro Runde immer weniger dazu kommt?

Aktuelle Forschung macht deutlich, dass in gewisser Weise in jeder Runde doch gleich viel dazu gelernt werden kann, nämlich der gleiche Prozentsatz von dem, was in der Vorrunde noch nicht gelernt worden ist. Beispielsweise könnten beim ersten Durcharbeiten einer Liste mit 100 Vokabeln 40 Prozent (= 40 Vokabeln) gelernt werden. Beim zweiten Durchgang könnten wiederum 40 Prozent dazu gelernt werden – von dem, was noch zum Lernen übrig bleibt, also 40 Prozent von den 60 noch übrig gebliebenen Vokabeln.

Herausforderungen für Grundlagen- und Psychologiedidaktische Forschung

Für Grundlagen- und Psychologiedidaktische Forschung ergeben sich bei der Beschäftigung mit Lernkurven zwei zentrale Herausforderungen. Die auf Mittelwerten beruhenden kontinuierlichen Kurven suggerieren oft ein falsches Bild von der (oft sprunghaften) Dynamik im Einzelfall. Während beispielsweise viele Kinder beim Kopfrechnen plötzlich eine Vereinfachungsstrategie lernen und anwenden, würde die Mittelwertkurve der Schulklasse nahelegen, dass kontinuierlich dazu gelernt wird. Die zweite Herausforderung: Man kann sich nicht sicher darauf verlassen, dass Lernen im Verhalten sichtbar und messbar wird. Oft entscheiden sich Menschen dagegen, anzuwenden was sie gelernt haben – vorausgesetzt, dass ihnen bewusst ist, was sie gelernt haben.

Die Details von unbewussten Lernprozessen erforscht Robert Gaschler derzeit in seinem DFG-Projekt zum Reihenfolgen-Lernen. Dieses beschäftigt sich damit, wie Lernende durch gelernte Reihenfolgen besser im Multitasking werden und welche Sorten von Reihenfolgen beim Multitasking gelernt werden. Das Projekt leitet der FernUni-Professor zusammen mit Prof. Hilde Haider von der Uni Köln. Es gibt jeweils eine wissenschaftliche Mitarbeiterin in Köln und eine in Hagen. In Hagen ist Dr. Fang Zhao Anfang Januar gestartet.

Carolin Annemüller | 07.01.2016