„Sie kommen aus Deutschland – willkommen!“

Bei der ersten Deutschunterrichtseinheit für Flüchtlinge zeigten die Teilnehmenden Motivation und Engagement – der „Lehrer“ ebenso wie die Lernenden. Die Atmosphäre lockerte sich schnell auf.


Sprachunterricht für Asylbewerber in der FernUniversität hat begonnen

„Hallo!“ – „Gut‘n Morgen!“: Einige der neun jungen Männer, die zu ihrer ersten Sprachunterrichtsstunde in die FernUniversität kommen, können sich bereits ein wenig auf Deutsch verständigen. Eine positive Überraschung für Kurt Röttgers, emeritierter Philosophie-Professor der Hochschule. Er ist einer der FernUni-Angehörigen, die sich gerne bereit erklärt haben, Asylbewerbern Sprachunterricht zu erteilen.

Prof. Dr. Kurt Röttgers steigt sofort in den Unterricht ein. Die Kenntnisse der deutschen Sprache sind bei den Asylbewerbern aus Syrien, Irak, Iran, Afghanistan und Algerien unterschiedlich, von „fast gar nicht“ bis zu „gebrochenem Deutsch“. Manche sprechen zwei oder sogar drei Sprachen: Englisch, Türkisch, Arabisch, das persische Farsi. So können sie sich so gegenseitig helfen.

Bereits zuvor hatten Röttgers und eine FernUni-Mitarbeiterin, die ebenfalls unterrichten wird, sich unter anderem darauf verständigt, mit dem „Du“ in den Unterricht einzusteigen: „Ich bin Kurt.“ Das ist einfacher als die Höflichkeitsform mit „Sie“. Diese soll in der nächsten Unterrichtseinheit eingeführt werden, denn „auf einem Amt müsst ihr die Beamten mit ‚Sie“ anreden“, erläutert er später. Auch die „Schüler“ nennen ihre Vornamen: „Ich heiße Houssein“ oder „ich heiße Ismail“ klingt es mehr oder weniger deutlich. Schnell geht der Unterricht zu Frage und Antwort über: „Wie heißt du?“ fragt Röttgers. Dann bittet er die Teilnehmenden („Wie heißt er?“), ihren Nachbarn vorzustellen: „Er heißt Ismail.“ Röttgers verbindet so gezielt den Sprachunterricht mit einer Vorstellungsrunde.

Prof. Kurt Röttgers profitierte beim Unterricht für die Asylbewerber von seinen Erfahrungen als Gymnasiallehrer.
Prof. Kurt Röttgers profitierte beim Unterricht für die Asylbewerber von seinen Erfahrungen als Gymnasiallehrer.

„Ich heiße“ – „du heißt“ – „er heißt“ – „wir heißen“ – „ihr heißt“ – „sie heißen“: Beim Konjugieren erläutert Röttgers Eigenarten der deutschen Sprache: wie sich etwa Person und Singular bzw. Plural in den letzten Buchstaben der Verben widerspiegeln. Und dass „e“ und „i“ als „ei“ ausgesprochen werden. Vor seiner wissenschaftlichen Karriere zum Philosophie-Professor war Röttgers Deutsch-Lehrer an einem Gymnasium, das hilft ihm jetzt: „Ich habe ein Gespür für sprachliche Eigentümlichkeiten.“

Schnell „tauen“ die meisten auf, bringen bereits vorhandene Sprachkenntnisse ein: Der Frontalunterricht wird „interaktiver“. Und als es um die Herkunftsländer geht, sagt einer zu Röttgers: „Sie kommen aus Deutschland – willkommen!“ Gelächter. Röttgers erkennt schnell, dass nicht alle soweit sind, ist insgesamt aber angenehm überrascht: „Das geht schneller, als ich dachte. Sehr gut!“ Die Notizen, die sich einige machen, zeigen: Sogar Kenntnisse der Lateinischen Schrift sind vorhanden.

So scheint das Unterrichtsziel realistisch zu sein: Die Teilnehmenden sollen im Alltagsleben wie bei Behördengängen einfache Sätze verstehen und verwenden können. Dafür sind nicht nur bei ihnen Engagement, Motivation und Mitdenken gefragt, sondern ebenso auch bei den Lehrenden.

Die Asylbewerber zeigten eine Motivation, die auch die Leiterin der VHS Hagen, Bianca Sonnenberg (hinten) erstaunte.
Die Asylbewerber zeigten eine Motivation, die auch die Leiterin der VHS Hagen, Bianca Sonnenberg (hinten) erstaunte. Ein Ehepaar konnte aus familiären Gründen an der ersten Unterrichtseinheit leider nicht teilnehmen.

„Verpflichtung für jeden und jede, sich an der Integration zu beteiligen!“

Kurt Röttgers schreckt das nicht, ihn interessiert diese Aufgabe persönlich: „Es ist eine Verpflichtung für jeden und jede, sich an der Integration zu beteiligen! Da müssen andere Dinge wie mein neues philosophisches Buch eben zurückstehen. Die Haltung ‚Es gibt viel zu tun – warten wir’s ab‘ geht gar nicht mehr.“

Ebenso wie er haben auch andere Beschäftigt der Verwaltung, die die Gruppe unterrichten werden, Lehrkompetenz. Eine der Mitarbeiterinnen hat in Polen, wo sie geboren wurde, Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Andere zu unterrichten und ihnen zu helfen macht ihr Spaß. Da sie selbst Migrantin war, weiß sie, wie diese Menschen sich fühlen. Ein Kollegin, gebürtige Neuseeländerin, hat in ihrer Heimat Deutsch im Nebenfach studiert und Englisch an deutschen Volkshochschulen unterrichtet. Dies waren spannende Erfahrungen. Bei der Arbeit mit den Flüchtlingen wird es jetzt sicher ähnlich sein, die notwendige Geduld dafür hat sie. Ein Kollege bringt Unterrichtserfahrung durch seine Arbeit bei einem Nachhilfe-Institut mit. Andere Beschäftigte können Kompetenzen aus einem erziehungswissenschaftlichen Studium oder große Lebenserfahrung einbringen. Was alle auszeichnet: die Motivation, den Menschen ein einer besonders schwierigen Situation zu helfen.

Bei dem Deutschunterricht für Flüchtlinge arbeitet die FernUniversität mit der VHS Hagen zusammen, die unter anderem das Lehrmaterial zur Verfügung stellt.

A1-Zertikat

Am Ende des halbjährigen Deutsch-Unterrichts sollen die Teilnehmenden das A1-Zertifikat des Goethe-Instituts erhalten können. Das Bestehen der Prüfung zeigt, dass man vertraute, alltägliche Ausdrücke und ganz einfache Sätze, die auf die Befriedigung konkreter Bedürfnisse zielen, verstehen und verwenden kann. Man kann sich auf einfache Art verständigen, wenn die Gesprächspartnerinnen oder Gesprächspartner langsam und deutlich sprechen.

Gerd Dapprich | 22.01.2016