Symposion und Intensivkurs in Kyoto zum Jubiläum

Das Institut für Japanisches Recht führte mit der Partneruniversität Doshisha einen Intensivkurs zum Japanischen Recht für Studierende und ein rechtsvergleichendes Symposion durch.


Zusammenarbeit der FernUniversität mit japanischen Kollegen begann Ende der 1980er Jahre

Das Institut für Japanisches Recht an der FernUniversität in Hagen führte unter der Leitung von Prof. Dr. Hans-Peter Marutschke zwei Veranstaltungen in Kyoto mit der dortigen Partneruniversität Doshisha durch: einen Intensivkurs zum Japanischen Recht für die Studierenden des Kurses „Japanisches Recht“ und ein rechtsvergleichendes Symposion mit dem Thema „Allgemeine Rechtsbegriffe und Gesetzgebung als Ausdruck der Rechtskultur in Europa und Asien“. Anlass für das Symposion war das Jubiläum „25 Jahre Japanisches Recht an der FernUniversität“.

An dem von der Robert Bosch Stiftung geförderten Symposion nahmen Wissenschaftler aus Japan, China, Südkorea und Deutschland teil. Die beiden ersten Referenten, Prof. Yu-Cheol Shin (Chungnam National University/Südkorea) und Prof. Ishibe (städtische Universität Osaka) wiesen auf die ganz unterschiedlichen Rechtsentwicklungen in Europa und Ostasien und die damit verbundenen Translationsprobleme europäischer Rechte in Ostasien hin. Es fehlt in Ostasien häufig die Möglichkeit, Fachbegriffe, die sich in Europa herausgebildet haben, in die chinesische, japanische und koreanische Fachsprache zu übersetzen. Erschwert wird die Rezeption europäischer Rechte noch durch die Verwendung chinesischer Schriftzeichen.

In seinem Vortrag „Einheitliche Rechtskultur durch EU-Recht?“ stellte Prof. Dr. Dr. h.c Ulrich Eisenhardt (FernUniversität) fest, dass es eine Rechtskultur in der EU gibt. Er wies aber darauf hin, dass eine solche nicht erst oder allein durch EU-Recht geschaffen worden sei; die europäische Rechtskultur beruhe vielmehr auf Rechtsüberzeugungen, die in Europa über viele Jahrhunderte herausgebildet worden seien.

Mit dem eine Rechtskultur prägenden Prinzip des strafrechtlichen Rückwirkungsverbots setzten sich die Professorinnen Gabriele Zwiehoff (FernUniversität) und Takayama (Universität Kyoto) auseinander und eröffneten damit einen interessanten Vergleich des Entwicklungsstandes in diesem Bereich in Japan und Deutschland.

Mit dem ebenfalls für eine Rechtskultur wichtigen Prinzip des Ordre public beschäftigten sich Prof. Shin (Chonnam National-University, Südkorea) und PD Bernhard Kreße (FernUniversität). Der kollisionsrechtliche Ordre-public-Vorbehalt sieht vor, dass ausländisches Recht ausnahmsweise dann nicht anzuwenden ist, wenn es wesentlichen Grundsätzen des inländischen Rechts widerspricht; hingegen hat der anerkennungsrechtliche Ordre-public-Vorbehalt zum Inhalt, dass ausländische Entscheidungen ausnahmsweise nicht anerkannt bzw. für vollstreckbar erklärt werden, wenn die Anerkennung bzw. Vollstreckbarerklärung mit wesentlichen Grundsätzen des inländischen Rechts im Widerspruch steht.

Professorin Fang (Deutsch-Chinesisches Institut für Rechtswissenschaft an der Universität Nanjing) referierte über die Berücksichtigung des Gemeinwohls im chinesischen Wettbewerbsrecht und arbeitete dabei Unterschiede zum europäischen Wettbewerbsrecht heraus. Schließlich beschäftigte sich Professorin Nishitani (Universität Kyoto) mit dem Einfluss der Rechtskultur in Japan. Die angeregten Diskussionen im Anschluss an die Vorträge verdeutlichten die jeweilige Problematik und ergänzten die Referate.

Intensivkurs zum Japanischen Recht

An dem in Zusammenarbeit zwischen der FernUniversität und der Law School der Universität Doshisha in Kyoto veranstalteten Intensivkurs zum Japanischen Recht nahmen 23 Studierende aus Deutschland – meist aus dem Masterstudium – teil. Ausschließlich japanische Professoren verschiedener Universitäten hielten Vorlesungen zu Grundprinzipien und Grundlagen des Japanischen Rechts. Da die meisten Referenten in Deutschland studiert hatten, konnten sie in deutscher Sprache vortragen und rechtsvergleichende Betrachtungen anstellen. Von besonderem Interesse war eine Einführung in die neuere japanische Rechtsgeschichte im Vergleich zur deutschen Entwicklung.

Nach einem Überblick über das Justizsystem und die Juristenausbildung in Japan standen zunächst einige wichtige Bereiche des Zivilrechts im Vordergrund des Interesses, wie z. B. das Verbrauchervertragsrecht, das Schuldrecht und die japanische Schuldrechtsreform, das Familien- und Erbrecht, sowie Reformen im Gesellschaftsrecht. Zivilprozessrecht, Straf- und Strafprozessrecht, Arbeitsrecht und Internationales Privatrecht waren weitere Rechtsgebiete, die auf reges Interesse trafen.

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Prof. Ulrich Eisenhardt mit den Studierenden in Kyoto (Foto: Dominik Keppel)

Einblicke in die Praxis

Dankbar waren die Studierenden für die Möglichkeit, einen Einblick in die praktische Anwendung des Rechts in Japan gewinnen zu können. So konnten sie an einer Gerichtsverhandlung beim Distriktgericht Kyoto teilnehmen, die Staatsanwaltschaft Osaka und das Justizministerium dort besuchen. Sie hatten außerdem die Gelegenheit, die Arbeit in einer Anwaltskanzlei und die Aufgaben der Anwaltskammer kennenzulernen.

In der Rechtsabteilung des weltweit operierenden Unternehmens Omron AG konnten die Teilnehmer die Strategie einer in fünf Erdteilen arbeitenden Organisation studieren. Der Besuch einer Justizvollzugsanstalt in Kyoto rundete den Einblick in die Rechtspraxis ab.

Japans außenpolitische Strategie

Einen besonderen Höhepunkt bildete der Vortrag von Prof. Shinyo, dem früheren japanischen Botschafter in Berlin, über Japans außenpolitische Strategie mit einem Einblick in die Kunst der Diplomatie, der die Studierenden in besonderem Maße beeindruckte. Selbstverständlich nahmen sie auch an dem oben geschilderten Symposion mit viel Aufmerksamkeit teil.

Die vielen Fragen und Diskussionsbeiträge der Teilnehmer über zwei Wochen hinweg zeigten nicht nur ein großes Engagement für Japan, sie machten deutlich, dass sie aus dem Studienkurs viel über Japanisches Recht und Rechtsvergleichung gelernt haben und diese Kenntnisse anzuwenden wissen.

In der freien Zeit, einem Sonntag und ein Feiertag, hatten die Studierenden die Gelegenheit, sich ein wenig mit der japanischen Kultur vertraut zu machen. Kyoto ist das kulturelle Zentrum Japans. Es war über 1.000 Jahre Hauptstadt des Kaiserreiches und wird auch oft als „die Seele Japans“ bezeichnet. 17 UNESCO Weltkulturerbe-Stätten befinden sich in Kyoto und unmittelbarer Umgebung. Der Intensivkurs, das Symposion und die Begegnung mit der japanischen Kultur wurden so zu einem bereichernden und nachhaltigen Erlebnis für alle Teilnehmer.

Gemeinsames Fernstudium entwickelt

Ende der 1980ger Jahre entwickelte Prof. Eisenhardt zusammen mit seinem japanischen Kollegen Prof. Dr. Dr. h. c. Masasuke Ishibe von der städtischen Universität Osaka ein Konzept für ein Fernstudium (schriftliches Fernstudienmaterial kombiniert mit Präsenzseminaren) im Japanischen Recht, welches die FernUniversität in Zusammenarbeit mit Professoren an anderen Universitäten in Japan und Deutschland anbieten sollte. Darüber hinaus sollte intensiv rechtsvergleichende Forschung zum Japanischen Recht betrieben werden. Dem Konzept lag die Überlegung zugrunde, dass sich an einzelnen Rechtsfakultäten in Deutschland für ein Studium des Japanischen Rechts zu wenig Studierende zusammenfinden könnten und darüber hinaus die personellen Ressourcen für ein systematisch gegliedertes Studienangebot nur schwer zu gewährleisten sein dürften. Die FernUniversität könnte mit ihren Möglichkeiten Interessenten in ganz Deutschland sammeln und ein umfangreiches Studienangebot bereitstellen. Die besondere Attraktivität sollte darin bestehen, dass das schriftliche Fernstudienmaterial ausschließlich von japanischen Professoren in deutscher Sprache (notfalls mit Übersetzungshilfe von deutscher Seite) verfasst werden sollte, um ein möglichst hohes Maß an Authentizität zu garantieren; gleichzeitig konnte so die doch recht hohe Sprachbarriere überwunden werden. Dieses Studium wird seitdem – nach Gründung des Instituts durch dieses – mit ständig überarbeitetem und aktualisiertem Studienmaterial und einem rechtsvergleichenden Seminar angeboten.

Den Text stellte uns Prof. Ulrich Eisenhardt zur Verfügung

Proe | 05.02.2016