Von Paaren aus West und Ost über Geburtsmethoden zu Eltern im Förderwahn

Im neuen soziologischen Promotionskolleg der FernUniversität geht es mit Förderung der Ernstings‘ family um „Familie im Wandel“. Vorgestellt wurde es in der BürgerUniversität Coesfeld.


Drei Promovendinnen stellten ihre Dissertationsvorhaben vor

Die BürgerUniversität Coesfeld hat jetzt auch einen ganz konkreten Bezug zur aktuellen Forschung an der FernUniversität: In der Vortragsreihe, in der ansonsten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Erkenntnisse zu gesellschaftlichen Entwicklungen erläutern, präsentierten drei Promovendinnen der Hagener Hochschule ihre gerade erst in Angriff genommenen Dissertationsvorhaben. Die Themen drehen sich um Paar- und Familienpraxis von ost-westdeutschen Paaren, um Sozialisationsprozesse von Eltern und um die Entscheidungsfindung von Paaren hinsichtlich bestimmter Geburtstechniken. Damit stellte sich das neue soziologische FernUni-Promotionskolleg „Familie im Wandel. Diskontinuität, Tradition und Strukturbildung“ der Öffentlichkeit wie auch seinen Förderern in der münsterländischen Stadt vor, zu der die Universität seit Jahrzehnten enge Beziehungen unterhält.

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Die Veranstaltung in der "BürgerUniversität Coesfeld" fand unter dem Dach des Hagener Forschungsdialogs statt.

Bei der Begrüßung der 65 Gäste betonte Jun.-Prof. Dr. Dorett Funcke, dass Franziska Krüger, Sarah Eckardt und Sarah Bauer in den drei Jahren bis zum Abschluss ihrer Promotion „nicht isoliert zuhause arbeiten, sondern in das Institut für Soziologie der FernUniversität integriert sind“. Sie werden bei ihrer Arbeit von den Lehrgebieten wissenschaftlich betreut und können sich untereinander austauschen. Dorett Funcke ist Leiterin der Ernsting's family-Junior-Stiftungsprofessur für Soziologie familialer Lebensformen, Netzwerke und Gemeinschaften. Sie ist auch Sprecherin des soziologischen Promotionskollegs, das von dem Coesfelder Unternehmen durch Stipendien gefördert wird. Dadurch können sich die drei Nachwuchswissenschaftlerinnen auf ihre Promotionen konzentrieren.

Wie die BürgerUniversität soll das Kolleg Bürgerinnen und Bürgern, sozialen Dienstleistern, Unternehmen, Verbänden und Organisationen Informationen und Anregungen aus der Wissenschaft vermitteln. Dorett Funcke: „Es geht darum herauszufinden, was Wandel ist. Was ist Kontinuität in der Familie? Was sind feste Strukturen? Was hat sich gegenüber früher geändert?“

Franziska Krüger geht in ihrem Promotionsvorhaben der Frage „Paare aus Ost- und Westdeutschland – wie geht das?“ nach. Ihrer Präsentation hatte sie zwei Fragen vorangestellt: „Was geschieht, wenn zwei so fremde Menschen – der eine sozialisiert im Osten, der andere geprägt vom Westen – sich ineinander verlieben und ein Paar werden? Warum kann das funktionieren, obgleich politisch zwischen Ost und West Welten lagen und eine scharfe Grenze bestand?“ (Zitat von Kurt Starke). Daraus entwickelte sie zwei Forschungsfragen: Wie bedeutsam ist das Aufwachsen in der DDR und der früheren BRD für das Paar im Hinblick auf seine Partnerschaft und sein Familienleben? Wie sehen die partnerschaftlichen Arrangements zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus?

„Die ‚richtige‘ Geburt – Frauen zwischen Risikoabwägung und natürlicher Geburt“ ist das Thema von Sarah Eckardt. Ihr geht es um die Verflechtung von Macht, Wissen und Geburt und um das Spannungsfeld zwischen den Vorstellungen der Frauen von Geburt und den institutionellen Rahmenbedingungen. Daraus ergaben sich für sie drei Forschungsfragen: Was für einen Einfluss hat die Kultur auf die Geburt? An welchen Vorstellungen von Geburt orientieren sich Frauen? Was ist für Frauen eine gute Geburt und was eine schlechte Geburt?

Mit „‚Helikopter‘-Eltern – Eltern im Förderwahn?“ befasst sich Sarah Bauer. Ihr Forschungsinteresse bezieht sich auf die Frage, welche sozialisationsspezifischen Bedingungen dazu führen, dass Eltern institutionelle Frühförderung in Anspruch nehmen. Dahinter steht die Annahme, dass Elternschaft im Wesentlichen dadurch beeinflusst wird, wie Eltern selbst aufgewachsen sind. Sarah Bauers Ausgangspunkte sind gesteigerte Bildungsansprüche (Frühförderung und Zunahme privater Bildungseinrichtungen), anspruchsvolle Elternschaftsleitbilder und der Markt-Boom von Eltern- und Erziehungsratgebern).

Die drei versprachen, in etwa zwei Jahren Ergebnisse ihrer Arbeiten in der BürgerUniversität vorzustellen. Am Schluss der Veranstaltung stellten sie sich gemeinsam den interessierten Fragen des Publikums. Dass es nicht wenige Wortmeldungen gab war ein eindeutiger Beleg für die gesellschaftlichen Bedeutungen der Forschungen.

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Die drei Promovendinnen Sarah Bauer, Sarah Eckardt und Franziska Krüger mit (v.li.) Lilly Ernsting, Jun.-Prof. Dorett Funcke, FernUni-Rektor Prof. Helmut Hoyer, Prof. Frank Hillebrandt (Dekan der FernUni-Fakultät Kultur- und Sozialwissenschaften) und Prof. Sylvia Marlene Wilz (Institut für Soziologie).

Die Forschungsergebnisse der Promotionen aus der gegenwartsbezogenen Grundlagenforschung in die Praxis zu vermitteln entspricht ganz dem Interesse der Ernstings‘ family. Geschäftsführer Horst Beeck wies darauf hin, dass es dem verstorbenen Unternehmensgründer Kurt Ernsting wichtig war, sich kulturell in der Stadt Coesfeld zu engagieren: „Er wollte den Bürgern und der Region etwas von seinem Erfolg zurück geben.“ Dieses Engagement wird von der heutigen Geschäftsführung fortgeführt. So fördert das Unternehmen weiterhin den wissenschaftlichen Dialog und den Transfer von Forschungsergebnissen in die Gesellschaft, durch die BürgerUni, durch Präsenzveranstaltungen für FernUni-Studierende und durch das Promotionskolleg: „Es ist unser expliziertes Ziel, Nachwuchsforscher zu unterstützen.“ Denn die Frage, wie sich Familie vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen entwickeln kann, interessiert nicht nur Forscherinnen und Forscher und die Öffentlichkeit, sondern auch das Unternehmen brennend.

Gerd Dapprich | 30.03.2016