Flucht und Forschung: Die „Flüchtlingskrise“ im Spiegel der Wissenschaft

Vom 17. Mai bis 21. Juni soll die Ringvorlesung den Begriff „Flüchtlingskrise“ aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Blickwinkeln näher beleuchten. Alle Interessierten sind willkommen.


Sechs öffentliche Vortragsveranstaltungen in Ringvorlesung der FernUniversität

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Die Flüchtlingspolitik ist aktuell ein Dauerthema in der europäischen Öffentlichkeit. Die „Flüchtlingskrise“ beinhaltet einerseits ein kontroverses Ringen um politische und zivilgesellschaftliche Lösungskonzepte, andererseits aber auch eine Auseinandersetzung um kollektive Selbst- und Fremdbilder auf nationaler und europäischer Ebene.

Der Begriff der „Krise“ bezieht sich dabei einerseits auf realpolitische Herausforderungen. Er kann andererseits als eine rhetorische Figur verstanden werden, die Ängste und Verunsicherungen, aber auch Hoffnungen und Gemeinschaftsgefühle stimuliert.

Die Ringvorlesung „Flucht und Forschung: Die ‚Flüchtlingskrise‘ im Spiegel der Wissenschaft“ der FernUniversität in Hagen will diese unterschiedlichen Dimensionen des Begriffs der „Flüchtlingskrise“ aus der Sicht verschiedener Disziplinen näher beleuchten. Der „Spiegel der Wissenschaft“ kann sich hier zumindest auf drei verschiedene Dimensionen beziehen:

• auf die analytische Beobachtung politischer und gesellschaftlicher Prozesse

• auf wissenschaftliche Lösungsansätze von Krisenphänomenen und -symptomen (gesellschaftlich, individuell) und

• auf Krisenrhetoriken innerhalb der Wissenschaft selbst.

Die Ringvorlesung ist Teil des Hagener Forschungsdialogs und richtet sich an ein breites öffentliches und hochschulöffentliches Publikum. Der Besuch der Veranstaltungen ist kostenfrei.

17.05.2016, 17.00 Uhr: Philosophie

Begrüßung: Rektorin Prof. Dr. Ada Pellert

„Gastfreundschaft und Gastrecht in philosophischer Perspektive“
Prof. Dr. Thomas Bedorf, Lehrgebiet Praktische Philosophie II

Zum Interview mit Prof. Thomas Bedorf

  • Wenn Flüchtlinge und MigrantInnen Grenzen überschreiten kommen sie irgendwo an. Als Gast. Gäste werden willkommen geheißen, sie werden bewirtet, auch wenn sie nicht immer gerne gesehen sind. Gastfreiheit und Gastrecht haben in zahllosen Kulturen eine lange Tradition und haben je lokale Üblichkeiten und Bräuche angenommen. Diese kulturelle Verankerung des Verhältnisses zu Gästen wurde auch immer wieder in der Philosophie reflektiert. Der Vortrag geht dieser philosophischen Reflexion nach und fragt insbesondere anhand der Positionen von Immanuel Kant und Jacques Derrida nach deren Aktualität.

Moderation: Prof. Dr. Frank Hillebrandt
FernUniversität, TGZ-Gebäude, Universitätsstr. 11, 58097 Hagen, Erdgeschoss, Raum Ellipse.
Anschließend: Empfang

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24.05.2016, 17.00 Uhr: Bildungswissenschaft

„‚Krisen‘ und ‚Chancen‘: Diversity-Diskurse im Kontext der Flüchtlingsdebatte“
Dr. des. Eike Marten, Lehrgebiet Bildung und Differenz

  • Der Beitrag befasst sich mit einer sich als progressiv verstehenden öffentlichen Rahmung nach Deutschland geflüchteter Menschen als „funkelndes Humankapital“ (Mecheril 2016), dessen Ankunft als eine gewünschte Steigerung von Vielfalt gelesen wird. Der hierfür charakteristische Begriff „Diversity“ stellt sich häufig selbst dar als ein Begriff, der – anders als der der Differenz – ohne den Ausschluss eines (konstitutiven) „Anderen“ operiert und ein nicht-hierarchisches Nebeneinander von Verschiedenheiten propagiert. Im Beitrag wird unter Bezugnahme auf die gegenwärtige Flüchtlingsdebatte diskutiert, wie in der Figur einer nicht-hierarchisierenden Vielfalt sich dennoch (systematisch, und nicht etwa als irrationaler Rest einer veralteten Denkart) Ausschlüsse und Herrschaftslogiken fortschreiben oder erneuern.

„Der ‚Andere‘: Diskurse um Differenz in Figuration mit Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“
Maik Wunder, Lehrgebiet Bildung und Differenz

  • Der Vortag thematisiert die wichtigsten Befunde der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ und korreliert diese mit dem aktuellen (Medien) Diskurs zur Flüchtlingskrise. Die Forschergruppe um W. Heitmeyer stellt hierbei Faktoren von Desintegration, relativer Deprivation und eine zunehmende Ökonomisierung des Sozialen als wesentliche Ursachen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit heraus. Eben diese These findet ihre diskursive Materialisierung anhand des Gesagten und Nichtgesagten im Mediendiskurs. Hierbei sollen insbesondere auf Sprachspiele Bezug genommen werden, welche als Widerspiegelung der Ökonomisierungstendenzen in Erscheinung treten und damit in die Produktions- und Reproduktionsmechanismen von vermeintlich Fremden involviert sind.

„Fluchtpunkte und Ankunftszeiten. Wie gesellschaftliche und kulturelle Bedingungsgefüge den Umgang mit Flüchtlingen prägen“
Dr. Susanne Winnerling, Lehrgebiet Bildung und Differenz

  • Der Beitrag thematisiert die in unterschiedlichen historischen Kontexten wirksamen Faktoren, die Vorstellungen von gelingender Integration prägen. Kultur- und sozialwissenschaftliche Ansätze bilden die Folie, vor der die Konstruktion von Verbundenheit oder Fremdheit die Handlungsoptionen der Zuwanderer maßgeblich beeinflusst. Nationalstaatliche Kriterien, die Machtverhältnisse zwischen Einheimischen und Zuwanderern begründen, werden betrachtet und hinsichtlich ihres Potenzials angesichts wechselnder ökonomischer Bedarfslagen Privilegien der Einheimischen zu sichern und zugleich die Vorstellung zu vermitteln den Rechten der Zuwandernden zu entsprechen, diskutiert. Kulturelle Faktoren, auf die zur Begründung von Ein- bzw. Ausschluss rekurriert wird, werden kritisch auf ihre Tragfähigkeit befragt. Der öffentliche Diskurs bezüglich der aktuellen Zuwanderungssituation wird vor diesem Hintergrund reflektiert.

Moderation: Prof. Dr. Jürgen G. Nagel
FernUniversität, Seminargebäude, Universitätsstr. 33, 58097 Hagen, Räume 1 und 2.

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31.05.2016, 17.00 Uhr: Rechtswissenschaft

„Dämmerung des Rechts, Stunde der Mediation? Überlegungen und Konsequenzen der sogenannten Flüchtlingskrise“
Prof. Dr. Katharina Gräfin von Schlieffen, Jens Fischer und Sascha Richter, Lehrstuhl für Öffentliches Recht, juristische Rhetorik und Rechtsphilosophie

  • Die so genannte Flüchtlingskrise stellt Deutschland nicht nur vor faktisch-administrative Aufgaben. Selbstverständlichkeiten stehen plötzlich in Frage, und auch das Recht, in dem man bislang einen Garanten des inneren und äußeren Friedens sah, scheint seine Schwächen und Grenzen zu offenbaren – sowohl national wie auch im Verhältnis zur staatlichen Nachbarschaft und auf europäischer Ebene.

    1. Die Ausnahmesituationen, die Flucht, Hilfe, Unterbringungs- und Verwaltungsengpässe sowie die Akzeptanzprobleme der Zuwanderung mit sich bringen, liegen oft außerhalb der Reichweite rechtlicher Strukturen und stellen den Glauben an die Konfliktlösungskraft des Rechts auf die Probe.
    2. In dieser verunsicherten Lage rufen einige nach „Law and Order“ oder verzichten auf jede rechtliche Orientierung. Andere suchen allerdings mit bemerkenswertem Engagement auch nach alternativen Formen einer geregelten Konfliktprävention und Konfliktbewältigung.
    3. Als Sammelbezeichnung für diese ordnungsstiftenden Anstrengungen etabliert sich der Begriff Mediation. Unter diesem Titel fasst man inzwischen verschiedenste Bemühungen zusammen, denen eins gemeinsam ist: ein professionell unterstütztes, einvernehmliches Überdenken und Regulieren der gemeinsamen Angelegenheiten, um Konflikte zu vermeiden und zu bewältigen. Ein Beispiel dafür bietet die Initiative „Grünes Netz Mediation“, über die nebst der von ihr bearbeiteten Fälle berichtet werden soll.

Moderation: Prof. Dr. Alexandra Przyrembel
FernUniversität, TGZ-Gebäude, Universitätsstr. 11, 58097 Hagen, Erdgeschoss, Raum Ellipse

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07.06.2016, 17.00 Uhr: Politikwissenschaft

„Politische Partizipation von Migrantinnen und Migranten in Deutschland“
Dr. Elke Wiechmann, Lehrgebiet Politikwissenschaft IV: Politik und Verwaltung

Zum Interview mit Dr. Elke Wiechmann

  • Ausgehend von den wichtigsten Befunden unserer vom Wissenschaftsministerium NRW geförderten Studie, stellen wir eine deutliche Unterrepräsentanz von Migranten und Migrantinnen in deutschen Parlamenten fest (2,5% insgesamt, 1% Migrantinnen). Kann man also von einer bislang erfolgreichen Integrationspolitik sprechen? Und wo liegen mögliche Hürden und Chancen?

    Über die Parlamente (repräsentative Demokratie) hinaus gibt es eine weitere politische Plattform politischer Teilhabe für Migranten: Integrationsräte. Sie sind demokratisch legitimierte Gremien, wo vor allem Migranten ohne die deutsche Staatsbürgerschaft eine politische Stimme haben – allerdings lediglich eine beratende. Welche Bedeutung ihnen zukommt – insbesondere angesichts einer zunehmenden Zahl von Flüchtlingen und zu erwartender Herausforderungen für die Integration –, und an welcher Stelle sie im politischen System stehen, wird im Beitrag genauer beleuchtet.

Moderation: Prof. Dr. Katharina Walgenbach
FernUniversität, TGZ-Gebäude, Universitätsstr. 11, 58097 Hagen, Erdgeschoss, Raum Ellipse

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14.06.2016, 17.00 Uhr: Literatur- und Medienwissenschaft und Wirtschaftswissenschaft

„Räume der Entrechtung. Künstlerische Strategien angesichts der ‚Flüchtlingskrise'“
Dr. Maud Meyzaud, Lehrgebiet Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Geschichte der Medien

  • Von Hannah Arendts bahnbrechenden Ausführungen in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft ist der Befund zu datieren, dass die Lage der Flüchtlinge weniger temporär krisenhaft denn fester Bestandteil der politischen Raumordnung Europas ist. Arendt analysiert dort wie die Nationalstaatlichkeit den Flüchtling als Figur des Ausschlusses regelrecht produziert. Eine kritische Befragung der politischen Raumordnung und die Stiftung von Räumen, die sich zum demokratischen Versprechen uneingeschränkter Inklusion verhalten, leisten wiederum maßgebliche künstlerische Arbeiten, von Christoph Schlingensiefs inzwischen kanonischer Aktion Bitte liebt Österreich (2000) bis hin zu den Aktionen des umstrittenen Künstlerkollektivs Zentrum für politische Schönheit über Doris Salcedos Installation Schibboleth (2007–2008) in der Tate Modern. Anhand dieser Arbeiten sollen künstlerische Strategien angesichts der politischen Entrechtung bzw. Verstummung diskutiert werden, die Flüchtlinge verkörpern.

„Was bedeutet es, die Welt mit den Augen eines Reisenden zu betrachten? Wege zur Förderung einer offenen Führungskultur“
Dr. Wadii Serhane, Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre (BWL), insb. Personalführung und Organisation

  • Wenngleich die globale und tiefere Dimension der gegenwärtigen Flüchtlingskrise vielen Verantwortlichen inzwischen deutlich geworden ist, werden bei der Umsetzung angestrebter Ziele immer noch viele nationale Erwägungen und Gepflogenheiten, machtorientierte, geopolitische, strategische und ökonomische Interessen und Kalküls sowie entsprechende ineffektive organisationale Pfadabhängigkeiten beobachtet, die eine wohlwollende grenz- und kulturübergreifende Zusammenarbeit wesentlich beeinträchtigen. Dies liegt unter anderem auch daran, dass das praktische Handeln vieler Führungskräfte und Verantwortliche immer noch in großem Maße von kulturell geprägten Sichtweisen, landesspezifischen mentalen Bildern und Deutungsmustern geprägt ist. Benötigt werden – neben der einfühlsamen kulturellen Gewandtheit im jeweiligen operativen Feld – ganzheitliche Verständnisse und Sichtweisen, eine offene Führungs- und Organisationskultur, die über die konventionellen Modelle und Wege des Lernens hinausgehen und die Potenziale kultureller Heterogenität fördern.

    Ausgehend von der Metapher/Sicht eines Reisenden möchte der Beitrag kulturübergreifende Facetten des Flüchtlingsphänomens beleuchten und einige Potenziale kunstbasierter und erfahrungsorientierter Medien und Arbeitsmethoden (am Beispiel der Sozialen Photo-Matrix) bei der Förderung eines kulturübergreifenden Bewusstseins in Führung und Organisation thematisieren.

Moderation: Prof. Dr. Michael Niehaus
FernUniversität, TGZ-Gebäude, Universitätsstr. 11, 58097 Hagen, Erdgeschoss, Raum Ellipse

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21.06.2016, 17.00 Uhr: Psychologie

„Psychologische Perspektiven auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte“
Dr. Mathias Kauff, Lehrgebiet Psychologische Methodenlehre und Evaluation, Dr. Jolanda van der Noll, Lehrgebiet Community Psychology

  • Verschiedene Phänomene, die mit der Ankunft von Geflüchteten in einem Land verknüpft sind, werden aus psychologischer Sicht beleuchtet. Dabei wird auf die Perspektive der aufnehmenden Gesellschaft fokussiert. Im Rahmen des Vortrags wird ein Überblick über Theorien –beispielsweise zu den Themen Integration sowie Entstehung und Intervention von Bedrohungsgefühlen, Vorurteilen und Diskriminierung – gegeben. Ferner werden aktuelle Forschungsbefunde zu den genannten Themen vorgestellt. Die praktischen Implikationen für die aktuelle Flüchtlingsdebatte werden diskutiert.

„Wissenschafts-Praxis-Transfer im Kontext multikultureller Communities“
Prof. Dr. Anette Rohmann, Dr. Agostino Mazziotta, Lehrgebiet Community Psychology

  • Im zweiten Teil der Veranstaltung werden basierend auf empirischen Befunden Implikationen für den Umgang mit Geflüchteten aufgezeigt. Hierbei werden Beispiele auf unterschiedlichen Ebenen vorgestellt (Individuum, Nachbarschaft, Darstellung in den Medien, Politik) und das Zusammenspiel der Perspektiven (Aufnahmegesellschaft und Geflüchtete) betrachtet. Weiterhin werden aus einer Community-psychologischen Perspektive Möglichkeiten diskutiert, wie die Unterstützung von Geflüchteten so gestaltet werden kann, dass ein hoher Grad an Empowerment und Partizipation realisiert werden kann.

Moderation: Prof. Dr. Stefan Stürmer
FernUniversität, TGZ-Gebäude, Universitätsstr. 11, 58097 Hagen, Raum Ellipse (EG)

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Gerd Dapprich | 29.04.2016