Die Renaissance des „Groschengrabs“: Diskret mit IKE telefonieren

Früher gehörten sie überall zum Straßenbild, seit heute bewähren sich „Telefonzellen“ im Büroalltag der FernUniversität. Sie erlauben den Beschäftigten ungestörtes Kommunizieren.


FernUni sagt Konzentrationsproblemen, Gereiztheit, Tinnitus und Bluthochdruck Kampf an

Eine wegweisende Innovation für ungestörtes Telefonieren hat die FernUniversität in Hagen heute in Betrieb genommen: eine Büro-Telefonzelle. Gerade die größte deutsche Universität ist wegen der umfassenden fachlichen, großenteils Technik-basierten Betreuung ihrer Studierenden äußerst kommunikativ. Das Telefonieren spielt dabei auch im Zeitalter von Facebook, Twitter & Co eine zentrale Rolle.

Da viele Beschäftigte der FernUniversität jedoch zu zweit oder zu dritt in einem Büroraum arbeiten, stören sie sich gegenseitig durch die vielen Telefongespräche. Dies kann je nach Dauer und Lautstärke zu einem ständig anschwellenden Geräuschpegel führen. Mögliche Folgen sind Konzentrationsprobleme, Gereiztheit und sogar Tinnitus aurium, Neuritis vestibularis (Drehschwindel) und Bluthochdruck. Nicht zuletzt aus Sorge um die Gesundheit der Beschäftigten hat daher die FernUni-Kanzlerin Regina Zdebel zur Senkung des telefonbedingten Geräuschpegels das Projekt „Diskrete Verbal-Kommunikation in Büroumgebungen der FernUniversität – Forschungsbasiert“ (DV-KBuFF) initiiert.

„Man kann in dieser Zelle endlich wieder ungehört mit anderen sprechen und sitzt nicht mehr auf dem ‚Präsentierteller’“, erläuterte Regina Zdebel bei der Inbetriebnahme den zweiten Grund für das Projekt. „Viele Menschen sind es einfach Leid, ständig Telefongespräche in Gegenwart anderer zu führen oder oft privateste Details mithören zu müssen.“ Sie betont in diesem Zusammenhang: „Diskretion liegt ganz besonders im Interesse unserer Studierenden – und damit auch in dem der FernUniversität.“

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Kanzlerin Regina Zdebel ist hoch zufrieden mit dem Ergebnis des KBuFF-Projekts, in dessen Verlauf eine alte Telefonzelle zu einer IKE – einer „Individualkommunikationseinheit“ – weiterentwickelt wurde, in der diskret telefoniert werden kann. Das Telefon hat eine Barcode-Leseeinheit für die Telefonguthabenkarten über dem Tastenfeld. Das Laptop ist höhenverstellbar, Ablageflächen sind zur Genüge vorhanden.

Exzellente Geräuschdämmung

Dass dieses Ziel erreicht wurde, bestätigen an den Versuchen teilnehmende FernUni-Beschäftige. Sie schwärmen von der exzellenten Geräuschdämmung der „Individualkommunikationseinheit“ (IKE), obwohl wegen der Temperaturen in der Büroumgebung von einer Mehrfachverglasung der Telefonzelle abgesehen werden konnte.

Beteiligt an dem Projekt DV-KBuFF waren die Organisationsabteilung der Zentralen Hochschulverwaltung der FernUniversität, der Bereich Telekommunikation ihres Technischen Gebäudemanagements, ihr Zentrum für Medien und IT (ZMI) sowie mehrere Lehrgebiete. Die Fachleute kamen einhellig zu dem überraschenden Ergebnis, dass eine herkömmliche Telefonzelle die beste Möglichkeit ist, diskrete Kommunikation in Büroumgebungen zu realisieren.

Die Verwaltung wird nun zunächst die Bereiche, die in ständiger Kommunikation mit Fernstudierenden stehen – wie die Zentrale Studienberatung und das Studierendensekretariat – mit IKEs ausstatten.

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Die Telefonzelle stand zuvor an einer nahegelegenen Bushaltestelle.

Großer Seltenheitswert

In der Wirtschaftswunderzeit gehörten die gelben Telefonzellen der damaligen Deutschen Bundespost zum Straßenbild wie der VW „Käfer“. Heute, im Zeitalter der mobilen Massenkommunikation, sind sie eher in Museen zu finden als an Straßenecken und auf öffentlichen Plätzen. „Gerne hätten wir eine der gelben Zellen verwendet, doch sind gepflegte Exemplare kaum noch zu finden – die Restaurierung wäre sehr teuer geworden“, bedauert Regina Zdebel. „Doch konnten wir ein Exemplar der modernen, magenta-weißen Nachfolgerin aus den 1990er Jahren erwerben, das nicht weit entfernt stand. Daher waren die Transportkosten niedrig. Der Sanierungsaufwand hielt sich in Grenzen.“

Die Zelle wurde vor einem Jahr zu Versuchszwecken in einem Bürotrakt eines FernUni-Verwaltungsgebäudes eingebaut. Montiert wurde in der IKE eine kleine höhenverstellbare Ablagefläche in Stehhöhe, auf dem Telefonierende ihre Unterlagen oder ein Laptop platzieren können. Diese Platte ist ergonomisch so angebracht, dass die Nutzenden auf ihr auch schreiben können. Sogar ein LAN-Anschluss mit 100 MBit/s und eine 230-Volt-Stromversorgung sind in die IKE integriert.

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Prof. Jürgen Weibler ist vom Erfolg der IKE überzeugt: „Die Telefonzelle gibt Geborgenheit.“

Hörer im ergonomischen „Retro-Look“

Die Nutzung der neueren Zellen hat den Vorteil, dass die Technik mit ihren Tastenwählfeldern – im Gegensatz zu den Wählscheibentelefonen der gelben Generation – mit den kommunikationstechnologischen Anforderungen der FernUniversität grundsätzlich kompatibel ist. Die FernUniversität wird diese Telefongeneration im weiteren Regelbetrieb jedoch durch Voice-over-IP-Geräte ersetzen, deren „Retro-Look“-Hörer sich interessanterweise sehr stark an dem damaligen Design orientieren: Diese sind – so stellte sich beim Testbetrieb heraus – schon vor Jahrzehnten ergonomisch so geformt worden, dass sie bequem zwischen Schulter und Kopf geklemmt werden können. Die Test-IKE konnte problemlos mit einem VoIP-ähnlichen Hörer ausgestattet werden.

Suche nach Stabilität

Bei den Testpersonen kam das Design sehr gut an: „Da hat man endlich wieder was Stabiles in der Hand!“ wird eine Studienberaterin zitiert, die nahezu ständig mit Studieninteressierten telefoniert. Das überrascht den Wirtschaftswissenschaftler und Psychologen Prof. Dr. Jürgen Weibler keineswegs: „Die aktuelle Retro-Mode zeigt, dass viele Menschen sich nach den stabilen und klaren Verhältnissen früherer Jahre zurücksehnen.“ Der Inhaber des betriebswirtschaftlichen Lehrstuhls mit Schwerpunkt Personalführung und Organisation ist einer der Hagener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die das Projekt begleiteten: „Im Vergleich zu den heutigen Mini-Telefonhörern und ‚spielzeugartigen’ Handys vermittelt die Haptik dieser Modelle eine geradezu unerschütterliche Massivität, sie weckt Vertrauen.“

Auf den auch aus hygienischen Gründen bedenklichen Einbau eines Headsets für alle Nutzenden konnte daher verzichtet werden.

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Während die Diensttelefonguthabenkarten ein rein funktionales Design aufweisen,...
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... sollen die Privatguthabenkarten auch ästhetischen Ansprüchen genügen. Welche Fotomotive - hier das Gebäude der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften - endgültig ausgewählt werden, ist noch nicht entschieden.

Geborgenheit

Prof. Weibler hat sich u.a. auch mit der Frage nach „Beklemmungszuständen“ bei Beschäftigten befasst, die sich länger in einer IKE aufhalten – schließlich sind die Zellen zwar 2,30 Meter hoch, aber nur je rund einen Meter breit und tief. Es stellte sich jedoch heraus, dass die unmittelbare Kommunikationsumgebung von fast allen Testteilnehmerinnen und -teilnehmern als „angenehm“ empfunden wurde: „Die Telefonzelle gibt Geborgenheit – wie der Mutterleib dem ungeborenen Kind.“

Obwohl die FernUniversität sich bemühte, ein gutes gebrauchtes Exemplar zu erwerben, bestand bei der Zelle doch Renovierungsbedarf. In diesem Zusammenhang wurden die magentafarbenen Bereiche in der blauen FernUni-Hausfarbe lackiert. Zusammen mit weißen und grauen Absetzungen gilt die Farbgebung als frisch, modern und innovativ empfunden – sie passt damit gut zum Image der FernUniversität.

Aufgrund der positiven körperlichen und psychologischen Ergebnisse der Testphase hatte auch der Arbeitsschutzausschuss der FernUniversität keine Bedenken, der campusweiten Zelleneinführung zuzustimmen.

Neue Telefonguthabenkarten

Während die Telefonzellen seinerzeit auch „Groschengrab“ genannt wurden („Groschen“ ist eine alte Bezeichnung für 10-Pfennig-Münzen), sind die zukünftig eingesetzten Geräte für Geldkartenbetrieb geeignet. Die Beschäftigten der FernUniversität benötigen also keine Münzen, schon gar keine D-Mark, sondern holen bei ihrem Abteilungsleiter oder ihrer Abteilungsleiterin bzw. einer entsprechend beauftragten Person die „Diensttelefonguthabenkarte“ (TGK-Dienst) ihrer Abteilung ab. Bei der Rückgabe vermerken sie das verbrauchte Guthaben im Diensttelefonguthabenbuch (DTGHB) – aber nur noch, bis in Kürze das DTGHB in die elektronische Finanzbuchhaltung (FiBu) der FernUniversität einbezogen ist.

Die Verwaltung der FernUniversität verspricht sich davon nicht nur eine genaue Kostenzuordnung auf die jeweiligen Dienstbereiche mit entsprechender Kontrollmöglichkeit, sondern auch eine Beschränkung auf die absolut notwendige Telekommunikation mit der Folge einer erheblichen Kostenreduzierung.

Für Privatgespräche können die Beschäftigten auch eigene Telefonguthabenkarten erwerben (TGK-priv). Die Marketingabteilung des Dezernats 7 – Hochschulstrategie und Kommunikation plant, entsprechende Guthabenkarten mit FernUni-Fotomotiv und verschiedenen Guthabenhöhen entwerfen zu lassen. Sie können auch als Präsente für besonders erfolgreiche Studierende, Absolventinnen und Absolventen oder für Jubilarinnen und Jubilare etc. verwendet werden (TGK-Studi).

Noch nicht entschieden ist, ob auch die 13 Regionalzentren mit IKEs ausgestattet werden und ob alternativ zu den Telefonzellen im Sinne der Internationalisierung auch die eine oder andere ausländische Telefonzelle angeschafft werden soll. Für den Bereich der Hochschulleitung der FernUniversität wird überlegt, das elegante englische Modell „Trafalgar Square“ in Old-English-Red einzusetzen. Die britische Partner-Universität „Open University“ hat bereits angeboten, bei der kostengünstigen Beschaffung von originalen Londoner Telefonhäuschen behilflich zu sein.

Hinweis: Sie lasen eine Medieninformation der FernUniversität zum 1. April.

Gerd Dapprich | 01.04.2016