Als Blinder an der FernUniversität studieren: Große Belastung, aber „eine gute Sache!“

Der Behindertenbeauftragte aus Berlin nutzte eine Screenreader-Software, die ihm vorlas, was auf dem Bildschirm stand. Auch mit einer so genannten „Braillezeile“ konnte er lernen.


Jürgen Friedrich lobt Unterstützung durch elektronische Studienbrief-Dateien

Ein Studium an der FernUniversität in Hagen ist kein Zuckerschlecken. Ganz besonders gilt das, wenn man praktisch blind ist. Geschafft hat das trotz seiner Behinderung der Berliner Jürgen Friedrich, und zwar parallel zu seiner Vollzeit-Berufstätigkeit. Trotz der großen Belastung ist sein Urteil über das FernUni-Studium eindeutig: „Für mich eine sehr gute Sache!“ Mit einem Restsehvermögen von zwei Prozent ist der 46-jährige so hochgradig sehbehindert, dass es beim Lernen kaum Unterschiede zu einem völlig blinden Menschen gibt: „Ich arbeite und studiere mit den üblichen blindentechnischen Hilfsmitteln, also vor allem Sprachausgabe und Punktschriftzeile.“

Jürgen Friedrich, der rechts auf dem Foto ist, ist Beauftragter für Menschen mit Behinderung im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin. In seinem Büro nutzt er eine so genannte Braillezeile, die Texte am Bildschirm mit variablen Modulen (einer Art Stößel) zeilenweise in Brailleschrift darstellt. Das Gerät steht ebenso wie zwei kleine Lautsprecher für die Sprachausgabe auf seinem Schreibtisch hinter ihm.
Jürgen Friedrich ist Beauftragter für Menschen mit Behinderung im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin. In seinem Büro nutzt er eine so genannte Braillezeile, die Texte am Bildschirm mit variablen Modulen (einer Art Stößeln) zeilenweise in Brailleschrift darstellt.

Jürgen Friedrich nutzte für sein Studium – wie im Beruf – eine Screenreader-Software, die ihm mit einer synthetischen Stimme „vorliest“, was auf dem Bildschirm geschrieben steht. Auch mit einer so genannten Braillezeile konnte er arbeiten, die vor der Computertastatur platziert ist und Textinhalte zeilenweise mit ertastbaren Punkten in Blindenschrift darstellt. „Mit der Sprachausgabe bin ich jedoch um einiges schneller, die Punktschrift nutze ich sozusagen ‚additiv’. Mit Vergrößerungssoftware kann ich wegen des minimalen Sehrests nur sehr wenig anfangen, damit zu arbeiten ist äußerst mühsam, zeitaufwendig und daher überhaupt nur bei einzelnen Wörtern, Satzteilen oder Formeln möglich.“

Friedrich ist Beauftragter für Menschen mit Behinderung im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf von Berlin. Gemäß seiner Verfassung muss das Land Berlin auf gleichwertige Lebensbedingungen von Menschen mit und ohne Behinderung hinwirken. Die Ansprechpartner von Friedrich und seinen Kolleginnen und Kollegen in den anderen elf Bezirksämtern sowie beim Land Berlin sind vor allem die Verwaltung und die Politik sowie Verbände, aber auch die Privatwirtschaft: „Ich arbeite sozusagen an einer Schnittstelle zwischen diesen gesellschaftlichen Sektoren im Sinne der Menschen mit Behinderungen.“ Für diese ist er als Ombudsmann ebenfalls zuständig, wenn sie sich zum Beispiel ungerecht behandelt oder diskriminiert fühlen: „Dann setze ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten für Abhilfe ein, etwa für die Schaffung eines barrierefreien Zugangs zu einem öffentlich zugänglichen Gebäude. Anweisungen geben kann ich aber nicht.“

Vor allem geht es ihm um die systematische und strukturelle Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit Behinderung. „Ich muss in erster Linie Verwaltungshandeln initiieren und kontrollieren, Es geht also nicht nur um die barrierefreie Gestaltung einzelner Gehwegabsenkungen oder Ampeln. Es gilt grundsätzlich darauf hinzuwirken, dass die Bedürfnisse behinderter Menschen bei der Planung, Beschlussfassung und Durchführung von politischen und administrativen Maßnahmen ganz selbstverständlich und von vornherein ‚mitgedacht‘ werden. Ziel ist die Inklusion, also die gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe in allen Lebensbereichen, egal ob im öffentlichen Raum, in der Schule, im Arbeitsleben oder in der eigenen Wohnung.

Sehbehindert oder blind?

Laut dem Deutschen Recht ist ein Mensch, der auf dem besser sehenden Auge selbst mit Brille oder Kontaktlinsen im Vergleich zu einem Menschen mit normaler Sehkraft nicht mehr als

  • 30 Prozent erkennt, sehbehindert,
  • 5 Prozent erkennt, hochgradig sehbehindert
  • 2 Prozent erkennt, blind.

Ein Sehrest von weniger als 5 Prozent kann bedeuten, dass ein Mensch

  • einen Gegenstand erst aus 5 Metern Entfernung erkennt, den ein normal Sehender bereits aus 100 Metern Abstand erkennt

oder

  • (wie durch einen Tunnel) nur 5 Prozent des normalen Gesichtsfeldes erkennt.

Quelle: Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V.

http://www.dbsv.org/infothek/zahlen-und-fakten/

Bereits seit vielen Jahren bietet die FernUniversität auch verschiedene Texte an, die in Blindenschrift verfasst sind. Das Schwarzweiß-Foto zeigt zwei Hände, die die Erhebungen der Brailleschrift ertasten.
Bereits seit vielen Jahren bietet die FernUniversität auch verschiedene Texte an, die in Blindenschrift verfasst sind. (Foto: FernUni-Archiv)

Bachelorarbeit mit Bezug zur eigenen Tätigkeit

Friedrichs Tätigkeit spiegelt sich in seiner Bachelorarbeit wider, die er im Jahre 2015 eingereicht hatte: „Die Berliner Behindertenbeauftragten und ihre Rolle im Politiksetzungsprozess.“ Darin untersuchte er Aufgaben, Arbeitsweise und gesellschaftliches Wirken der Behindertenbeauftragten in Berlin. Mit seinem Teilzeit-Bachelorstudium Politik und Organisation, das später in Politik- und Verwaltungswissenschaft umbenannt wurde, startete Friedrich an der FernUniversität 2007 parallel zu seinem Vollzeit-Job: „Ich war ein Quereinsteiger in die Verwaltung und wollte mich beruflich breiter aufstellen, um einen besseren Einblick und mehr Verständnis für die Zusammenhänge und wechselseitigen Beziehungen zwischen Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu erhalten. Das hat auch geklappt, ich habe gelernt, meine Arbeit genereller und abstrakter zu betrachten und sie neu zu bewerten. Zudem wollte ich mich beruflich besser platzieren.“

Barrierefreie Dateien benötigt

Es zeigte sich, „dass das Studium schon eine ziemliche Belastung war“, bilanziert er. Studienbriefe und Literaturquellen benötigte er als textbasierte Dateien in barrierefreier Form: „Gerade in den ersten Modulen bestanden einige Studienbriefe – zumindest in Teilen – aus gescannten Dokumenten, in technischer Hinsicht also aus Bilddateien. Damit kann der Screenreader erst einmal gar nichts anfangen. Das nachträgliche Bearbeiten mit einer Texterkennungssoftware ist natürlich möglich, führt aber keineswegs immer zum gewünschten Ziel und kann sich, je nach Art und Umfang des Dokuments, als sehr aufwendig erweisen.“ Dies musste er zuweilen monieren, erhielt dann aber in den meisten Fällen zeitnah zumindest „barrierearme“ Versionen der Studienbriefe. In den letzten Modulen waren diese bereits weitgehend von vornherein barrierefrei gestaltet.

Alles in allem ist er sehr zufrieden, sowohl im Hinblick auf das Lehrmaterial wie auch bezüglich der Unterlagen, die er für seine Bachelorarbeit benötigte. Einige Literaturquellen bestellte er bei der Universitätsbibliothek, scannte sie ein und bearbeitete sie mit einer Texterkennungssoftware. Andere Quellen fand er, zuweilen schon in barrierefreier Form, im Internet. „Nachdem das alles zunächst ein bisschen holprig war, ging es mit der Zeit immer besser. Auch die Quellenangaben zu ermitteln machte mir immer weniger Probleme“, resümiert Friedrich.

So oft es ging, legte er jedoch Prüfungen in mündlicher Form ab. Einige Module mussten mit Hausarbeiten abgeschlossen werden. Klausuren konnte er unter Aufsicht zu Hause mithilfe seiner speziellen technischen Hilfsmittel schreiben.

Mündliche Prüfungen bevorzugt, gerne mit Videokonferenz

Auch das Berliner Regionalzentrum der FernUniversität besuchte Jürgen Friedrich. Er absolvierte hier die Seminare mit Anwesenheitspflicht und nutzte die Videokonferenztechnik für mündliche Prüfungen: „Das war für mich super, eine Fahrt nach Hagen für jede mündliche Prüfung wäre ja doch recht aufwändig gewesen.“ Für die fachliche Betreuung in den Mentoriaten im Regionalzentrum fehlte ihm die Zeit, jedoch „bin ich ab dem zweiten, dritten Semester alleine ganz gut klargekommen“.

Großes Lob spendet der Berliner den Modulbetreuerinnen und Modulbetreuern der FernUniversität: „Meine Fragen wurden immer zeitnah beantwortet.“ Das war auch gut so, denn die Studienbriefe waren „einerseits gut bis sehr gut, der Stoff jedoch manchmal schon ein bisschen viel“. Gut, dass seine Familie ihn bei seinem Vorhaben bestens unterstützte: „Abends konnte ich nicht mehr viel lernen, daher musste meine Familie am Wochenende oft auf mich verzichten.“

Alles in allem war für Friedrich das FernUni-Studium „eine sehr gute Sache“. Nicht zu vergessen: „Das Verhältnis von Preis und Leistung schien mir zu stimmen.“

Informationen zum Fernstudium für Blinde und Sehbehinderte gibt es unter http://www.fernuni-hagen.de/at-medien/.

Gerd Dapprich | 08.04.2016