Aussichten wenig erfreulich: Das Königreich in der Brexit-Falle

Großbritanniens Exportpreise könnten sinken. Doch es hat nur wenige Industrieprodukte auszuführen. Verliert es seine Finanzdienstleister? Wie verhalten sich China und die USA?


„Damit habe ich nicht gerechnet!“ kommentiert Prof. Dr. Helmut Wagner das Ergebnis des Brexit-Referendums. „Die Folgen sind für die britische Wirtschaft massiv“. Gewinner des Ausscheidens wird es für den Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Makroökonomik an der FernUniversität in Hagen, nicht geben, am wenigsten das Vereinigte Königreich. Eine zentrale Frage ist für Wagner, ob und wie sich die industrieschwache Wirtschaft im Vereinigten Königreich reformieren kann. Und was wird aus der Finanzmetropole London? Bleibt sie ein „Brückenkopf“ internationaler Fondsgesellschaften und Banken bei der Eroberung europäischer Finanzdienstleistungsmärkte?

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Prof. Helmut Wagner (Foto: Veit Mette)

Folgen für die britische Industrie

Hinsichtlich der Austrittsfolgen für die britische Wirtschaft „gibt es Szenarien von x Wirtschaftsforschungsinstituten, was alles geschehen kann“, betont Prof. Helmut Wagner. „Es läuft darauf hinaus, dass die britische Wirtschaft in den ersten Jahren nach dem Austritt etwa vier bis fünf Prozent ihres Sozialproduktes verlieren dürfte. Manche Aussagen gehen sogar bis zu zehn Prozent Minus beim Bruttoinlandsprodukt. Der Unsicherheitsbereich ist also groß, aber die Briten werden auf jeden Fall merken, dass ‚es nicht ohne geht‘. Die Abwertung ist ja bereits unmittelbar nach dem Referendum drastisch ausgefallen und wird wahrscheinlich noch zunehmen.“ Importe ins Vereinigte Königreich werden also wesentlich teurer.

Britische Exporte – von denen zurzeit 44 Prozent in die EU gehen – werden andererseits preiswerter und dadurch steigen. Theoretisch. Denn abgesehen von neuen Zöllen, die die EU erheben dürfte: Was soll das Königreich exportieren? Es hat „sträflich“ (Wagner) vernachlässigt, seine ehemals starke industrielle Infrastruktur zu bewahren. Der Dienstleistungssektor wurde seit vielen Jahren „überpointiert“. Für den Hagener Wirtschaftswissenschaftler ist es „fraglich, ob die Briten ihre Industriestruktur jetzt wieder aufbauen können“. Sollte es ihnen gelingen, könnten sie bei wesentlich schwächerem Pfund bessere Absatzmöglichkeiten erzielen. Das wäre vor allem für den eher industriell geprägten Norden Großbritanniens günstig. „So könnte das Königreich die extreme Schieflage wieder etwas bereinigen.“

Viel Schatten, aber auch ein wenig Licht also im Zug des Brexit: „Sofern mithilfe der Abwertung der ‚Re-Balancingprozess‘ gelingt“, so Wagner. Doch das ist für ihn mehr als fraglich: „Die großen Industrien werden in Großbritannien inzwischen von ausländischen Unternehmen dominiert.“

Wie die britische Automobilindustrie, von der heute nur noch Reste bestehen, deren bedeutendste zudem in ausländischen Händen sind. Auch andere Industrien seien praktisch nicht mehr existent, müssten wieder aufgebaut werden: „Erst dann könnte man von dem Abwertungseffekt profitieren. Bis dahin verliert Großbritannien durch die abwertungsbedingt höheren Preise für Importe nur.“

Die engen Verflechtungen der noch vorhandenen Industrien mit den kontinentaleuropäischen bedingen, dass über den Ärmelkanal hinweg mit einer ausgefeilten Logistik eng und zeitlich abgestimmt kooperiert wird. Nicht nur Zölle, sondern auch (befürchtete) Abweichungen zwischen den bisher einheitlichen Standards könnten zur Folge haben, dass Produkte aus Großbritannien teurer werden. Vor allem Bauteile, die – wie etwa für die PKW-Marke Mini – vom Kontinent eingeführt werden, steigen durch die Abwertung im Preis. Es ist also ein Rechenexempel, wie sich angesichts eines schwächeren Pfundes und gleichzeitig teurerer eingeführte Zwischenprodukte das Endprodukt im Preis verändert. Als Folge könnte es zu drastischen Einbrüchen bei der Beschäftigung kommen.

Wie groß das Minus bei Handel, Produktion und Beschäftigung sein wird, hängt stark davon ab, welche Konditionen das Königreich mit der EU für die zukünftigen Handelbeziehungen aushandeln kann. Wagner kann sich vorstellen, dass diese nicht besonders günstig sein werden: „Vielleicht wird die EU ‚die Daumenschrauben anziehen‘, um anderen Staaten, die mit ihrem Austritt drohen, zu zeigen, dass das Sanktionen nach sich zieht.“ Die Drohungen, neben Zöllen weitere Handelsrestriktionen einzuführen, hält er daher für realistisch: „Es kommt dann sicher zu einer Art Rezession und einem starken Nachlassen des Bruttoinlandsprodukts. In den nächsten drei bis fünf Jahren ist mit einer Bereinigungs- und Anpassungskrise zu rechnen.“

Folgen für Export von EU und Deutschland aus

Der EU drohen bei einem fünfprozentigen britischen BIP-Rückgang laut seriösen Schätzungen etwa ein bis zwei Prozent minus: Importiert das Königreich weniger, sinken die Exporte von EU und Deutschland. Jedoch exportiert die EU nur etwa sechs Prozent ins Königreich, die Exporte aus Deutschland liegen bei acht Prozent. Daher sind die Folgen für die EU und Deutschland nicht so stark wie für Großbritannien.

Folgen für Finanzdienstleistungssektor

Zu spüren bekommen wird die Folgen des Brexit auch der Süden der Insel, vor allem der Finanzplatz London: „Der Finanzsektor wird überproportional betroffen werden, auch kurzfristig“, ist sich Wagner sicher. Viele Banken und Finanzdienstleister könnten ihre Zentralen aus der britischen Hauptstadt verlegen, etwa nach Frankfurt am Main. Dies würde auch in diesem Bereich einen deutlichen Beschäftigungseinbruch zur Folge haben, ganz abgesehen vom niedrigeren Gewichts des Finanzsektors in der britischen Volkswirtschaft. „Es hängt viel davon ab, wie sich jetzt die in London ansässigen großen Finanzhäuser, insbesondere aus China und den USA, positionieren.“ Großbritannien war für China immer ein „Brückenkopf“, um die EU-Märkte zu erobern. Bisher sind in London zahlreiche chinesische Finanzdienstleistungsunternehmen ansässig, die von hier aus weltweiten Handel betreiben. „Wenn Großbritannien nicht mehr Teil der EU ist, fragt man sich, ob London immer noch der optimale Standort dafür ist.“

Lähmende Unsicherheiten

Können Finanzmetropolen wie Frankfurt davon profitieren? Im Prinzip ja, meint Wagner, doch hat London den „natürlichen Vorteil“ der Sprache: Im Finanzsektor sind „native Speaker“ ganz eindeutig im Vorteil. Und viele „Banker“ werden ihrem Unternehmen ungern nach Kontinentaleuropa folgen. Vor allem kommt es darauf an, wie die Banken und Finanzdienstleister reagieren: panisch oder abwartend. Warten sie erst ab mit einer Entscheidung, ob sie abwandern, welche Schritte die EU unternimmt? Viele Unternehmen und Wirtschaftsverbände haben darauf vertraut, dass es nicht zum Brexit kommt. Helmut Wagner geht davon aus, dass es tatsächlich oft keinen Plan B – B für Brexit – gibt: „Dort dürfte es sehr hektisch zugehen, um sich eine gute Lösung einfallen zu lassen. Häufig wird man erst einmal abwarten: Was machen unsere Partnerunternehmen? Was die großen? Um dann zu entscheiden: Was ist für uns das Beste? Keiner will der erste sein, der überhastet entscheidet. Daher dürfte es eine mehrjährige Phase großer Unsicherheit geben. Doch für die Wirtschaft gibt es nicht Schlimmeres als Unsicherheit!“

Hinzu kommen politische Faktoren: Wann finden Neuwahlen statt? Wird Boris Johnson der Nachfolger von Premier David Cameron? Unumstritten ist der Populist in der Konservativen Partei ja keineswegs. Und: Eine Abspaltung Schottlands und ein Zusammenschluss Nordirlands mit der Republik Irland würden Rest-Großbritannien als Investitionsstandort noch unattraktiver machen. Wann überhaupt wird der Antrag auf Austritt gestellt? Erst dann beginnen ja die Verhandlungen über die Modalitäten und zukünftigen Beziehungen. „Auch diese Unsicherheit lähmt die Wirtschaft.“

Wegen dieser und vieler anderer Unwägbarkeiten werden viele Unternehmen Investitionen und grundsätzliche Entscheidungen – z.B. über Abwanderungen – verschieben, bis sie genauere Informationen erhalten. Diese Unsicherheit verbreitet sich, auch Konsumenten werden mit wichtigen Entscheidungen, etwa über Anschaffungen, abwarten, bis sie wissen, ob und wie sie betroffen sind. Wagner: „Ein Teufelskreis aus Abwertung, Handelshemmnissen, gelähmten Investoren und Konsumenten! Das Ganze kann zur Abwärtsspirale werden. Etwas Ähnliches hat Japan nach der Krise 1990 durchgemacht.“

Die Gefahren dürften umso größer sein, als Großbritannien – wie alle Länder mit hohen Finanzdienstleistungsanteil – durch die Ungleichgewichtung in seiner Wirtschaftsstruktur Finanzkrisen viel stärker ausgesetzt ist als etwa Deutschland. Wagner: „Wir wissen nicht, wann die nächste Finanzkrise kommt. Aber sie kommt. Wie Großbritannien sie besteht, wird ganz auf seine Reformwilligkeit und -fähigkeit ankommen.“

Partnerschaft mit USA und Commenwealth?

Ob die USA die von den Brexit-Befürwortern erhofften „Rabatte“ gewährt, bezweifelt Wagner: „Was Hillary Clinton oder Donald Trump machen würden als Präsidentin oder Präsident, weiß niemand. Barack Obama jedenfalls hat gesagt, die Briten müssten sich nach einem Austritt in der Reihe hinten anstellen.“

Und das Commonwealth, nach dem sich viele Britinnen und Briten zurücksehnen? Für Wagner „existiert es nur auf dem Papier“ und der Tigerstaat Indien „wird sich eher in Richtung EU orientieren und seine eigenen Interessen verfolgen“.

Reformchancen in der EU durch Brexit

Vorteile könnte der Brexit jedoch pikanterweise für die EU haben: „Ich sehe eine gewisse, nicht sehr große Chance, dass sie sich selbst reformiert – wie hoch sie ist, weiß niemand.“ Nötig sei eine stärkere politische Integration in der EU, um nicht nur die Geld-, sondern auch die Fiskal- und Finanzpolitik stärker harmonieren zu können. Wenigstens seien ohne Großbritannien Reformen in der EU leichter. Das Austrittsvotum von 52 zu 48 Prozent ist für ihn in diesem Zusammenhang besser als ein knappes Pro für einen Verbleib: „Dann würde Großbritannien noch mehr blockieren.“ Von großer Bedeutung Jetzt sei die Frage, wie stark die Populisten werden, wann die Euro-Krise wieder auftritt, wie Flüchtlinge verteilt werden. Und wie die EU vermarktet wird, um sie attraktiver für ausländische Investoren zu machen, damit Europa im Globalisierungswettbewerb nicht weiter zurückfällt.“

Gerd Dapprich | 28.06.2016