Komplexes verständlich machen: Wird die Wahrheit verzerrt?

Der Psychologe Prof. Robert Gaschler von der FernUniversität untersucht mit einer Kollegin, ob Balkendiagramme von den Rezipientinnen und Rezipienten richtig wahrgenommen werden.


Sie sind aus Wissenschaft, Wirtschaft, Schulen, Vereins- und Privatleben nicht mehr wegzudenken: Präsentationen mit Datengrafiken veranschaulichen Größen, Anteile und Entwicklungen. Mit PC-Programmen sind die Punkte, Linien, Balken und Kreise in Sekunden erstellt und platziert. Komplexe Zusammenhänge können übersichtlich, schnell und wahrheitsgetreu kommuniziert werden. Tatsächlich? „Ja“, betont Robert Gaschler, „die Frage ist, ob die Empfängerinnen und Empfängern die Informationen ‚wahrheitsgetreu‘ aufnehmen.“

Professor Robert Gaschler hält einen Monitor auf dem Schoss, auf dem eine Präsentationsfolie mit Balkendiagrammen zu sehen ist.
Natürlich vewendet auch die FernUniversität Balkendiagramme. Prof. Robert Gaschler zeigt hier die Entwicklung der Studierendenzahl in einer PowerPoint-Präsentation.

Prof. Dr. Robert Gaschler befasst sich mit seinem Lehrgebiet Allgemeine Psychologie: Lernen, Motivation, Emotion an der FernUniversität in Hagen mit mentalen Prozessen und Gesetzmäßigkeiten, die Aufnahme, Verarbeitung und Speicherung von Informationen vermitteln und die Verhalten steuern. Zusammen mit der Wissenschaftlerin Claudia Godau von der Humboldt-Universität in Berlin hat er sich mit der „Wahrnehmung von Datengrafiken“ befasst. Sie wollten wissen: „Ist der Eindruck, den Datengrafiken vermitteln, verzerrt?“ Ihr Fokus lag dabei auf dem Grafik-Einsatz in der Wissenschaft: „Wir forschen in dem Exzellenzcluster Bild Wissen Gestaltung dazu, wie Forschung läuft. Konkret will unser Verbund besser verstehen, was Bilder im Alltag sind“, erläutert der Psychologe.

Datengrafiken gelten als glaubwürdig, selbst viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler halten wissenschaftliche Ergebnisse oft für vertrauenswürdiger, weil sie mit Punkten, Linien, Balken oder Kreisen präsentiert werden – was besonders oft in den Naturwissenschaften passiert. Jedoch sei der Schluss unzutreffend, dass bei einer sparsamen Verwendung von Datengrafiken nur wenige quantitative Daten vorhanden seien, betonen Gaschler und Godau.

Vorteile von Datengrafiken

Genereller Vorteil von Datengrafiken ist, so Prof. Gaschler, dass Unterschiede von Zahlen geradezu ins Auge springen und Beziehungen sofort zu erkennen sind. Das liegt an der guten menschlichen Wahrnehmung von Mustern: „Das ist uns im Alltag oft sehr nützlich. Dagegen muss man sich in Zahlentabellen erst richtig einarbeiten.“

Jede Grafikart hat spezifische Vor- und Nachteile. Aus Balkengrafiken können Ergebnisse schneller und korrekter herausgelesen werden als aus Tortendiagrammen. Einfache Balkendiagramme sind besser als geteilte und vertikale benutzerfreundlicher als horizontale. Balkendiagramme eignen sich eher für diskrete Werte, Liniendiagrammen mehr für das Ablesen von Trends.

Gestaltung und Wahrnehmung

Wie die dargestellten Ergebnisse erfasst werden, wohin sich die Aufmerksamkeit wendet, wie die Inhalte verstanden werden, wie das Dargestellte im Gedächtnis bleibt, hängt nicht zuletzt von der Gestaltung der Diagramme ab. Gaschler und Godau fragten sich in diesem Zusammenhang: „Wie dicht sind die Menschen ‚dran‘ am korrekten Wert? Gibt es systematische Fehler bzw. Verzerrungen?“

Sie untersuchten daher in einer Studie, ob Balkendiagramme einen verzerrten Eindruck der zentralen Tendenz (des „Mittelwertes“) vermitteln können. Hierzu entwickelten sie ein Experiment, bei dem sie die Länge der Balken variierten und die Wahrnehmung von Balken und Punkten verglichen. Den 53 Teilnehmenden wurden in vier Blöcken jeweils 80 Datengrafiken sehr kurz nacheinander präsentiert. Zum Beispiel erhielten sie Balkendiagramme mit acht grauen Balken und einer rot eingezeichneten Linie vorgelegt, die den Mittelwert angab. Nun mussten sie den Mittelwert bestimmen und schnell entscheiden, ob die rote Linie eigentlich höher oder tiefer liegen müsste. Verglichen wurde auch die Wirkung hoher und niedriger Balken.

Verzerrter Eindruck

Die Ergebnisse zeigten, dass bei Balken- im Vergleich zu Punktdiagrammen der Mittelwert systematisch zu tief gesehen wird. „Es gibt Schwankungen nach oben und nach unten“, berichtet Gaschler, „aber sie heben sich nicht auf, sondern liegen deutlich unter dem Mittelwert“. Eine große Mehrheit der Teilnehmenden lag mit ihrer Einschätzung unter dem Mittelwert, um – je nach Messmethode – 10 bis 20 Prozent.

Bei der Einschätzung von Mittelwerten in Punktdiagrammen gab es keine Mittelwert-Verzerrung: „Die Schätzungen lagen hier genau richtig.“

Balkendiagramme können also einen verzerrten Eindruck des Mittelwerts vermitteln. Etwa wenn es um den Zuckergehalt in Lebensmitteln geht: „‚Wie viel ist denn nun enthalten?‘ und ‚Wie groß ist die Abweichung zum Durchschnitt?‘ kann anhand von Balkendiagrammen nicht genau beantwortet werden“, betont Gaschler. So können auch die immer beliebteren „Gesundheits“-Apps nur Trends und Schwankungen darstellen, aber keine konkreten Verbesserung oder Verschlechterung über ein Jahr.

Die Länge der Balken hatte keinen Einfluss auf die Fehleinschätzungen.

Die beiden Wissenschaftler kamen zu dem Fazit, dass Balkendiagramme trotz ihrer Defizite weiter genutzt werden sollten. Denn es kommt, verglichen mit Liniendiagrammen, zu weniger Interpretationsfehlern.

Erklärte Verzerrungen

Ein Einflussfaktor für die Abweichung dürfte sein, dass die Aufmerksamkeit besonders auf den Balken in der Mitte und an den Rändern liegt: „Der linke Balken liegt dicht an der vertikalen Achse – da ‚muss‘ man einfach hinschauen. Den rechten Balken sieht man zuletzt, er bleibt am besten im Gedächtnis. Die Bedeutung der mittleren Balken resultiert daraus, dass das Auge springt – von links zur Mitte und dann nach rechts, dazwischen liegende Balken werden ‚übersehen‘“, erläutert Gaschler. „Das wäre bei einer Tabelle allerdings ebenso.“

Das heißt aber auch, dass Präsentierende „ein bisschen tricksen“ können, indem sie besonders wichtige Daten entsprechend anordnen, soweit das möglich ist.

Eine große Rolle spielt bei der Wahrnehmung von Grafiken eine menschliche Eigenart: „Die Leute sehen im Wesentlichen das, was sie erwarten“, betont Prof. Robert Gaschler. Ende des 19. Jahrhunderts wollten sie Leben auf dem Mars entdecken – die Linien dort mussten also von Lebewesen gebaute Kanäle sein.

Wahrnehmungen entzerren

Im Hinblick auf die Wissenschaft kommen Gaschler und Godau zu dem Ergebnis, dass Datengrafiken interdisziplinär gestaltet werden sollten: Durch die Kombination von Geistes-, Sozial-, Naturwissenschaften und Gestaltungsdisziplinen bietet der Exzellenzcluster hierfür die optimale Grundlage. Letztendliches Ziel müsse es sein, genauso viel über die Wirkung von Datengrafiken zu wissen wie über die wissenschaftlichen Inhalte, die sie darstellen: „Damit unsere Schlüsse wieder auf bekannten Grundlagen basieren!“

Gerd Dapprich | 07.06.2016