Die Rolle des Dokumentarfilms

Zwei Tage diskutierten Teilnehmende auf einer Konferenz des FernUni-Instituts für Geschichte und Biographie über den Wert des Dokumentarfilms in historischem und aktuellem Bezug.


Der wissenschaftliche Wert des Dokumentarfilms als Quelle und Medium stand im Mittelpunkt einer zweitägigen Fachtagung, die das „Institut für Geschichte und Biographie“ unter Federführung Prof. Dr. Arthur Schlegelmilch in Zusammenarbeit mit dem Hamburger Soziologen Dr. Carsten Heinze organisiert hatte: „‘… wie es eigentlich (gewesen) ist‘ – der dokumentarische Film und die Wissenschaften“. Dabei spielten methodologische Überlegungen zum Handwerkszeug sowie Fallbeispiele, um die wissenschaftliche Auswertung von Filmmaterial zu demonstrieren, eine Rolle.

Ein Mann steht an einem Redepult, mehrere Personen sitzen an einem Tisch: Einblick in die Fachtagung des Instituts für Geschichte und Biographie über die Rolle des Dokumentarfilms in der Wissenschaft
Prof. Arthur Schlegelmilch (li.) freute sich, dass Wissenschaft und Filmbranche miteinander über die Rolle des Dokumentarfilms ins Gespräch kam.

Das Publikum

So entwickelten der Medienwissenschaftler Prof. Thomas Weber aus Hamburg und Carsten Heinze gleich zu Beginn Gedanken zu einer Theorie des Dokumentarfilms. Sie verwiesen auf die Bedeutung des Entstehungskontextes von Filmen und die Rolle des Zuschauers. Die Frage, wie man dessen Rolle in empirischer Perspektive gerecht werden könne, sorgte an beiden Tagen immer wieder für inspirierenden Diskussionsstoff. Aus historischer Perspektive, die zunächst von Arthur Schlegelmilch aufgegriffen wurde, drängte sich immer wieder die Frage nach der Authentizität zeitgeschichtlicher Filmdokumente auf.

Die Fallbeispiele demonstrierten die Fülle der dokumentarischen Formate und stellten die vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten heraus. Die Medienwissenschaftlerin Prof. Robin Curtis aus Düsseldorf stellte zwei biographische Filme zur Aufarbeitung der NS-Zeit gegenüber, die aufgrund ihres Identifikationspotenzials auf die Vereinnahmung der Zuschauenden hinweisen.

Der Filmhistoriker Kay Hoffman aus Stuttgart betonte, wie technische Entwicklungen erst bestimmte dokumentarische Methoden ermöglicht hätten. Abschließend erörterte der Filmwissenschaftler Dr. Christian Hißnauer sehr eindrücklich die Wechselwirkung zwischen politischen Diskursen und dokumentarischen Filmen.

Am Abend hielt Kay Hoffmann im Rahmen der „Lüdenscheider Gespräche“ noch einen unterhaltsamen Publikumsvortrag über die bedeutende „Stuttgarter Schule“ und illustrierte seine historischen Ausführungen erneut mit reichem Bildmaterial.

Vergangenheit und Zukunft

Auch der zweite Tag wurde mit Arbeit am „lebenden Objekt“ begonnen, als der anwesende Filmemacher Günter Jordan mit der Analyse eines seiner Dokumentarfilme aus der ehemaligen DDR konfrontiert wurde. Die Tagung sorgte nicht zuletzt an dieser Stelle dafür, dass sich Wissenschaft und Filmschaffende vernetzten.

Mit den Soziologen Prof. Frank Hillebrand und Dr. Franka Schäfer war die FernUniversität am zweiten Tag sehr gut vertreten. Insbesondere Hillebrand verknüpfte mit seinen Ausführungen zur Rolle des Woodstock-Dokumentarfilms für die Symbolkraft der E-Gitarre auf anregende Weise Unterhaltungskultur und Wissenschaft. Franka Schäfer schloss mit einer Filmanalyse zu den Yippie-Krawallen in Chicago 1968 an und stellte unter anderem die sichtbare Diskrepanz zwischen Rohmaterial und geschnittenem Film heraus.

Abschließend präsentierte die Frankfurter Filmemacherin Andrea Figl faszinierende Eindrücke sogenannter „Webdokus“. Dieses Format zukunftweisender dokumentarischer Filme wird im Internet veröffentlicht und weist starke interaktive Elemente auf.

Prof. Schlegelmilch zieht nach den zwei gehaltvollen Tagen eine positive Bilanz: „Es war eine der allzu seltenen Gelegenheiten, unterschiedliche Fächer und Filmschaffende miteinander ins Gespräch zu bringen und über neue Wege der Zusammenarbeit nachzudenken. Da zeichnen sich interessante und innovative Forschungsperspektiven ab.“

Anja Wetter | 14.06.2016