Lauter kleine Erzählungen in der 12. Studienwoche

Nicht die großen Romane, sondern die Kurzgeschichten, die Witze und Anekdoten standen im wissenschaftlichen Fokus der Studienwoche Literaturwissenschaft an der FernUniversität in Hagen.


Ein Mann steht am Redepult: Prof. Michael Niehaus gab einen Überblick über die 12. Studienwoche Literaturwissenschaft.
Prof. Michael Niehaus gab einen Überblick über die 12. Studienwoche Literaturwissenschaft.

Es muss nicht immer der Jahrhundertroman, das große Epos sein. Erzählungen können ganz klein sein: eine kurze Zeitungsmeldung etwa oder eine Kurzgeschichte. Auch die Anekdote oder der Comicstrip zählen zu den Erzählformaten, die vom Umfang eher gering sind und meist Alltägliches aufgreifen. „Das Kleine hat Hochkonjunktur, nicht erst in unserer medialisierten Gegenwart. Für die Literatur stellt das Kleine seit jeher eine zentrale Kategorie dar“, stellt Davina Stiller aus dem Institut für Neuere Deutsche Literatur- und Medienwissenschaft fest. Gründe genug, die 12. Studienwoche Literaturwissenschaft an der FernUniversität in Hagen mit dem Fokus „Kleine Erzählungen“ auszurichten.

Mit sechs Ringvorlesungen und Seminaren sowie einem Abendvortrag und Übungen zum wissenschaftlichen Arbeiten hatte das Institut ein umfangreiches Angebot für seine Studierenden organisiert. „Die Studienwoche biete eine gute Gelegenheit, sich im gemeinsamen Diskurs intensiv mit Literatur auseinander zu setzen und andere Studierende kennenzulernen“, fasst Stiller zusammen. Zudem haben sie die Möglichkeit, auf dem Campus Lehrende zu treffen.

Erzählung vom Erfolg

In den Seminaren hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, sich intensiv mit unterschiedlichen Ansätzen zu „Kleinen Erzählungen“ auseinanderzusetzen. „Die Pointe“ etwa thematisierte, dass Erzählungen in der Literatur oder im Alltag häufig auf eine Pointe hinauslaufen. Dabei stellt die Pointe selbst keine Form dar, sondern muss in eine solche eingebunden sein: wie den Witz, die Anekdote und den Comicstrip.

Blick in einen Seminarraum: Adalberts Stifters „Bunte Steine“ standen im Mittelpunkt des Seminars von Prof. Uwe STeiner.
Adalberts Stifters „Bunte Steine“ standen im Mittelpunkt des Seminars von Prof. Uwe Steiner (li.).

Als „Miniaturen“, so lernten Seminarteilnehmende, werden Erzählungen bezeichnet, die etwas kurz porträtieren: historische Figuren, besondere Begebenheiten, ein Zeitalter oder auch eine Gegend. „Kleine Erzählformen in der Erfolgsratgeberliteratur“ drehte sich um Erzählen vom Erfolg in Anekdoten, Gleichnissen und biographischen Erinnerungen.

Wie ein roter Faden spannte sich die Ringvorlesung durch die Studienwoche. Die Professorinnen und Professoren des Instituts für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft sprachen in ihren Vorträgen darüber, wie etwa aus einer kleinen Erzählung ein moderner Mythos hervorgeht oder wie im Genre Briefroman die vielen, in den Briefen enthaltenen kleinen Stücke letztliche eine große Erzählung bilden.

Das Billett als Vorläufer von SMS und Twitter

Ein wissenschaftlicher Höhepunkt war der Abendvortrag von Prof. em. Dr. Günter Oesterle von der Justus-Liebig-Universität Gießen, der über „Das Billett“ referierte. Der Wissenschaftler thematisierte damit eine nur selten beachtete kleine Form: Das Billet, das „Briefgen“, den „Zedul“ oder das „Blättchen“ als ein Medium brieflicher Kommunikation aus dem versunkenen „tintenklecksenden Säkulum“, das zur Vorgeschichte von SMS und Twitter gehört.

Anja Wetter | 30.06.2016