Wege aus der Vergangenheit in die Zukunft

Die Machtpolitik vor Hunderten von Jahren hat in Südwestfalen scharfe Grenzen hinterlassen, die noch sichtbar sind. Der Blick zurück zeigt aber auch: Migration ist etwas völlig Normales.


Etwas für sie Merkwürdiges fällt Felicitas Schmieder immer wieder in Teilen von Nordrhein-Westfalen auf: Schilder, die es in anderen Regionen nicht oder viel seltener gibt – Hinweisschilder auf kirchlich getragene Krankenhäuser, auf einen „Evangelischen Friedhof“ oder auf einen „Katholischen Friedhof“. Das Land ist bis heute noch konfessionell geprägt. „Das ist mir aus anderen Regionen gar nicht bekannt, zumindest nicht in diesem Umfang“, betont Schmieder.

Portraitfoto von Professorin Felicitas Schmieder
Prof. Felicitas Schmieder

Ganz besonders im südwestfälischen Raum dokumentieren sich scharfe Grenzen innerhalb der Bevölkerung und in den Räumen. Sie sind nicht zuletzt Folgen machtpolitischer Zusammenhänge in Spätem Mittelalter und Früher Neuzeit: „Die Grafschaft Mark war ebenso wie das Herzogtum Westfalen und der reichen und mächtigen Reichsstadt Dortmund ein bedeutender Machtfaktor in dem Gebiet, das heute NRW ist. Was die Grafen von der Mark und andere Akteure damals taten, hat bis heute tiefe Spuren hinterlassen“, erläutert Prof. Dr. Felicitas Schmieder. Das kann man sogar noch an aktuellen Bevölkerungsstrukturen erkennen – hier Protestanten, da Katholiken.

Diesen Zusammenhängen spürt Felicitas Schmieder als Leiterin des Lehrgebiets „Geschichte und Gegenwart Alteuropas" an der FernUniversität in Hagen nach – und stellt Verbindungen zum Heute her. So kommt sie auch zu dem Schluss, dass die gegenwärtige „Flüchtlingskrise“ gar nicht so außergewöhnlich ist, wie dies allgemein gedacht wird. Beispielhaft macht sie das an der Machtpolitik der Grafen von der Mark deutlich.

Illustration
Stammwappen der Grafen von der Msrk um 1380 (by Le sieur de Bellenville, roi d'armes en Artois; Armorial Bellenville, 50v (Digitalisat), Public domain, via Wikimedia Commons)

Mächtige Fürsten im Hochmittelalter

Im Hochmittelalter (Mitte des 11. bis Mitte des 13. Jahrhunderts) zählten die Grafen von der Mark zu den mächtigsten und wichtigsten Fürsten im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Die Grafschaft Mark wurde Ende des 14. Jahrhunderts mit der Grafschaft Kleve verbunden und ging 1609 in den Vereinigten Herzogtümern Jülich Kleve Berg auf. 1666 fielen diese an den Kurfürsten und Markgrafen von Brandenburg, das 1701 das Königreich Preußen wurde. Das Gebiet der Grafschaft reichte nördlich der Ruhr von Gelsenkirchen und Essen aus über Teile von Dortmund bis etwa Soest (die damalige Reichsstadt Dortmund allerdings lag außerhalb). Südlich der Ruhr gehörten das heutige Hagen und Teile des Sauerlandes bis Gummersbach und Meinerzhagen zu ihr. Insgesamt erstreckte die 3.000 Quadratkilometer große Grafschaft sich T-förmig jeweils 75 Kilometer in west-östlicher und in nord-südlicher Richtung.

Eine Landkarte zeigt die Entwicklung der Grafschaft Mark im 12. bis 15. Jahrhundert
Die Entwicklung der Grafschaft Mark im 12. bis 15. Jahrhundert (Quelle: Grafik selbst erstellt im Juli 2004 von Bdk grob nach einer Vorlage aus dem Buch "Auf den Spuren der Grafen von der Mark" von E. Dossmann, 1983, Lizenz: GNU-FDL, Wikipedia Commons).

Eine wechselvolle konfliktreiche Geschichte verband die Grafen mit den Kölner Erzbischöfen, zu deren Kurfürstentum (Mitte des 10. Jahrhundert bis 1803) auch das Herzogtum Westfalen gehörte. Beide Parteien versuchten im Laufe der Jahrhunderte, ihre jeweiligen Herrschaftsgebiete auszuweiten. Eine Folge war, dass sie an vielen Stellen in das jeweils andere hineinragten. Wie Zähne. Felicitas Schmieder: „Die Grafschaften Kleve und Mark wurden im Zuge der Reformation protestantisch, die zum Kölner Erzstift gehörenden Gebiete im Rheinland, aber auch Teile des Sauerlandes, blieben streng katholisch. Die scharfe Trennung der Gebiete ist auch heute noch zu erkennen. Die Stadt Iserlohn etwa – die größtenteils zur Grafschaft Mark gehörte – ist evangelisch geprägt. Der Iserlohner Norden jedoch ist katholisch, denn er gehörte zu Köln.“ Die Historikerin weiter: „Es ist auch in der früheren Grafschaft Mark noch gar nicht so lange her, dass die Menschen aus einem Dorf nicht in den Nachbarort zum Tanzen gingen, sondern weiter, weil die unmittelbaren Nachbarn die ‚falsche‘ Konfession hatten und eine konfessionsüberschreitende Heirat nicht infrage kam.“

Wenn diese „Grenzen“ heute noch zu spüren sind: Wie tief müssen die konfessionellen und kulturellen Gräben damals wirklich gewesen sein?

Migration damals und heute

Die Hagener Historikerin zieht Rückschlüsse aus der Geschichte auf das, was heute aktuell ist: Angesichts der „Flüchtlingskrise“ sieht sie scharfe Abgrenzungen zwischen Menschen, die dem westlichen Kulturkreis angehören, und Migrantinnen und Migranten aus muslimischen Staaten: „In der Flüchtlingsdiskussion wird angeführt, die kulturelle Unterschiedlichkeit zwischen einheimischen und zugezogenen Menschen sei einzigartig. Das stimmt nicht. Wenn früher Protestanten in katholische Gebiete zogen und umgekehrt, war das ein riesiger Schritt in einen völlig anderen Kulturkreis, in dem sie eigentlich nicht willkommen waren. So wie heute viele Flüchtlinge.“

Dabei ist die Jahrhunderte lange Konkurrenz zwischen Kleve-Mark und dem Erzstift Köln nur ein Teil einer Entwicklung, die für Schmieder zu einer „hochinteressanten konfessionellen Mischkultur“ führte: „Abgesehen davon, dass Kleve-Mark viel früher als die Gebiete des rheinländischen Erzstiftes Teil des protestantisch geprägten Preußens wurde, kamen um 1900 im Zuge der Industrialisierung polnische Arbeitskräfte ins Ruhrgebiet. Viele von ihnen blieben sogar innerhalb des Katholizismus‘ lange Zeit eigene Gruppen, sogar mit eigenen Bereichen auf katholischen Friedhöfen.“

Was ist heute noch davon übrig? Die polnischen Migrantinnen und Migranten gehören zum Ruhrgebiet. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die westdeutschen Länder viele Flüchtlinge aus dem Osten auf, die zunächst ebenfalls zusammenlebten. Sie fühlen sich nicht mehr als Flüchtlinge und werden so auch nicht mehr gesehen. Die „Gastarbeiter“, die seit den 1960er Jahren kamen, sind großenteils vollständig integriert. Nicht nur ihre Esskultur hat Deutschland bereichert, sondern auch ihr oft mediterraner Lebensstil. Nicht zu vergessen: Teile des heutigen Deutschlands waren Jahrhunderte lang von den Römern besetzt, von denen viele hier blieben. Auch das beeinflusste die heutige Kultur.

Es gab also immer wieder Migrationswellen, die die früher ganz anders geprägte konfessionelle und kulturelle Mischlandschaft beeinflussten. Vor allem das Ruhrgebiet entwickelte sich zu einem Schmelztiegel nicht nur für Metall, sondern auch für Kulturen.

„Die Spuren von Migration sehen wir noch heute“, so Schmieder. „Sie verwischen aber mit der Zeit, die Gräben werden zugeschüttet. Auch die beiden christlichen Konfessionen, die sich früher spinnefeind waren, leben seit vielen Jahrzehnten ja friedlich miteinander.“

Fachtagung „Die Grafen von der Mark“

Mit den Spuren, die das gleichnamige Herrschergeschlecht im heutigen Nordrhein-Westfalen hinterlassen haben, befasste sich die Fachtagung „‚Die Grafen von der Mark‘ – Neue Forschungen zur Sozial-, Mentalitäts- und Kulturgeschichte“ an der FernUniversität in Hagen, die im Rahmen der „Gespräche zur Regionalgeschichte an Rhein und Ruhr 2016“ stattfand. Organisatoren waren Prof. Dr. Felicitas Schmieder, Lehrgebiet Geschichte und Gegenwart Alteuropas an der FernUniversität in Hagen, und Stefan Pätzold (Bochum), stellvertretender Leiter des Bochumer Zentrums für Stadtgeschichte. Sie konnten sich über die erstaunlich große Zahl von 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern freuen.

Die teilnehmenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler benachbarter Universitäten und Studierende, aber auch interessierte Bürgerinnen und Bürger erhielten Einblicke in damalige machtpolitische Zusammenhänge, die auch heute noch Auswirkungen haben. Die heutige Stadt Hagen – Standort der FernUniversität – liegt im Kerngebiet der Grafschaft.

Die Fachtagung fand im Rahmen des Hagener Forschungsdialogs der FernUniversität statt.

Gerd Dapprich | 11.07.2016