Warum helfen Menschen den einen, den anderen aber nicht?

Warum helfen Menschen den einen, den anderen aber nicht gerne oder gar nicht? Die Diplom-Psychologin Dr. Katharina Lotz-Schmitt hat sich in ihrer Dissertation an der FernUniversität damit befasst.


„Es gibt viele Beispiele dafür, dass Menschen den Mitgliedern von ‚fremden‘ Gruppen helfen – genauso wie Beispiele für das Gegenteil“, erläutert Prof. Stefan Stürmer. „Das liegt nicht zuletzt an den Motiven, aus denen heraus Hilfe geleistet wird.“ Das können egoistische Beweggründe sein, aber auch empathische.

Bei Nachbarn die Blumen gießen, die Kinder von Verwandten hüten, Freunde ein paar Tage bei sich wohnen lassen: Für die meisten Menschen eine Selbstverständlichkeit. Dann sind da wieder Bilder von Urlauberinnen und Urlaubern, die Bootsflüchtlinge versorgen, von ehrenamtlich Tätigen in Notunterkünften, während andere gegen diese Menschen demonstrierten. Warum helfen Menschen den einen, den anderen aber nicht? Die Diplom-Psychologin Dr. Katharina Lotz-Schmitt hat sich in ihrer Dissertation „Dyadisches Fremdgruppenhelfen – Die Einflüsse interkultureller Unähnlichkeit und positiver Eigenschaften des Hilfeempfängers auf empathiegeleitetes Helfen“ an der FernUniversität in Hagen mit diesen Fragen befasst. Betreut wurde sie von Prof. Dr. Stefan Stürmer (Lehrgebiet Sozialpsychologie).

Empathie: die Fähigkeit und Bereitschaft, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen.

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Dr. Katharina Lotz-Schmitt sitzt an ihrem Schreibtisch und blickt in die Kamera
Dr. Katharina Lotz-Schmitt hat sich mit der Frage befasst,...

Nach dem aktuellen Forschungsstand wird empathiebasiertes Helfen umso unwahrscheinlicher, je weniger die Hilfsbedürftigen der eigenen Gruppe – also zum Beispiel dem eigenen Kulturkreis – anzugehören scheinen. Je größer also ihre interkulturelle Unähnlichkeit wahrgenommen wird. Katharina Lotz-Schmitt untersuchte, ob diese Hemmung empathiebasierten Helfens verringert werden kann, wenn positive individuelle Eigenschaften der hilfsbedürftigen Person wahrgenommen werden. Hierfür führte sie drei Studien durch, in denen interkulturelle Unähnlichkeit und individuelle Attraktivität verändert wurden, um die Effekte auf den Zusammenhang von Empathie und Hilfsbereitschaft zu untersuchen.

Bisherige Untersuchungen hatten gezeigt, dass Empathie einerseits zum Helfen innerhalb der eigenen Gruppe ebenso motiviert wie zur Hilfe für Mitglieder einer Gruppe, die der eigenen kulturell sehr ähnlich ist. Mitgliedern einer Fremdgruppe, die der eigenen interkulturell sehr unähnlich ist, wird ebenfalls geholfen – jedoch weniger aus Empathie. Vielmehr spielten dabei (egoistische) Prozesse eine Rolle, in denen eigener Nutzen und eigene Kosten gegeneinander abgewogen werden.

Die Ergebnisse von Lotz-Schmitt gehen in diese Richtung. Neu ist jedoch: Nimmt die potentielle Helferin bzw. der potentielle Helfer positive individuelle Eigenschaften der hilfsbedürftigen fremden Person war, ist dies dennoch ein Beweggrund für empathiebasiertes Helfen. Aus Empathie geholfen wird also trotz großer Unähnlichkeit, wenn das Fremdgruppenmitglied als angenehm, umgänglich und vertrauenswürdig wahrgenommen wird. Vertrauenswürdigkeit und Soziabilität – also menschliche Offenheit – können intergruppale Unähnlichkeit kompensieren: „Die Unterschiede zwischen ‚denen‘ und ‚uns‘ können aufgehoben werden. Offensichtlich haben wir gegenüber Fremdgruppenmitgliedern ebenfalls empathische Gefühle. Allerdings müssen die Hindernisse beseitigt werden, die verhindern, dass Empathie zum Helfen motiviert.“

Ein Senior zeigte einem jungen Menschen mit schwarzer Hautfarbe, wie mit einer Maschine ein Loch in eine Holzplatte gebohrt wird.
...warum Menschen freiwillig anderen Menschen helfen.

Katharina Lotz-Schmitt bezog auch die Erwartungen nach positiven Kontakten in ihre Untersuchungen ein: „Meine Fragen hiernach führten offensichtlich dazu, dass die Unterschiedlichkeit als weniger bedrohlich wahrgenommen wurde. Empathie und geringe Sorgen vor negativen Begegnungen erhöhen auch bei hoher Unähnlichkeit die Hilfsbereitschaft – gleich, ob die Person als angenehm, umgänglich und vertrauenswürdig dargestellt wurde oder nicht.“

Attraktivität macht egoistisch

Für Hilfsbedürftige aus einer ähnlichen Fremdgruppe zeigte sich hingegen, dass Empathie die Hilfsbereitschaft insbesondere dann positiv beeinflusst, wenn keine zusätzlichen Informationen über das Fremdgruppenmitglied angeboten wurden. Wurde es jedoch als sehr angenehm, zugänglich und vertrauenswürdig dargestellt, verringerte sich der Einfluss von Empathie auf Hilfsbereitschaft interessanterweise sogar. Dies lässt sich möglicherweise durch die Erwartung erklären, durch den Kontakt mit einem attraktiven und angenehmen Fremdgruppenmitglied selbst einen höheren Nutzen zu haben. Das Hilfeverhalten könnte stärker auf Egoismus als auf Empathie beruhen. Eine andere Erklärung wäre, dass eine solche Person als weniger hilfsbedürftig wirkt, was weniger empathiebasiertes Helfen auslöst. Dieses wiederum wird durch die positiven individuellen Eigenschaften Vertrauenswürdigkeit und Soziabilität erleichtert.

Wie können die Ergebnisse der Arbeit in der Praxis angewendet werden? Lotz-Schmitt: „Oft kommen die am stärksten notleidenden Menschen aus Bevölkerungsgruppen, die uns als sehr unähnlich erscheinen. Hilfe für sie findet zwar statt, sie scheint sich aber oft von der Hilfe für ‚unseresgleichen‘ zu unterscheiden.“ Soll einfach nur die Hilfsbereitschaft erhöht werden, reicht es vielleicht, Helfen als nützlich, profitabel oder wenig kostspielig erscheinen zu lassen, um eine (egoistische) Hilfemotivation zu fördern.

Soll es bei der Hilfe jedoch allein um das Wohl der notleidenden Person gehen, sollte Empathie ins Spiel gebracht werden. Vielversprechend ist es, einem potentiellen Helfer Informationen über spezifische Eigenschaften der hilfsbedürftigen Person bereitzustellen. Katharina Lotz-Schmitt: „Indem die Ähnlichkeit zwischen beiden erhöht wird, könnte die Unähnlichkeit auf intergruppaler Ebene kompensiert werden.“

Fehlen dafür die Informationen, können positive individuelle Eigenschaften betont werden: „Schätzt der Helfer sein Gegenüber durch Vertrauenswürdigkeit und Soziabilität positiv ein, können die Nachteile durch die unterschiedliche Gruppenzugehörigkeit überwunden werden.“

Die Studien zeigten allerdings auch, dass bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein müssen. Wird der persönliche Nutzen des Helfers betont, so scheint es nicht immer sinnvoll zu sein, die hilfsbedürftige Person als besonders angenehm, umgänglich und vertrauenswürdig darzustellen. Der Fokus auf egoistische Motive scheint die Wirkung von Empathie auf Hilfsbereitschaft zu schwächen, insbesondere, wenn positive individuelle Eigenschaften den erwarteten Nutzen zusätzlich erhöhen. Empathiegeleitetes Fremdgruppenhelfen ist möglicherweise stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen des Fremdgruppenmitglieds orientiert.

Allerdings ist Empathie nicht immer wünschenswert. Gerade in Berufs- und Arbeitsfeldern, in denen das Leid anderer zum Alltag gehört, ist ein Zuviel an Empathie hinderlich und kann die psychische Gesundheit der Akteure gefährden. Es gilt also abzuwägen, wann empathiebasiertes Helfen gefördert werden sollte oder wann eine emotionale Distanz zwischen Helfer und Hilfsbedürftigen sinnvoll ist.

Gerd Dapprich | 25.08.2016