FernUni-Prüfung bei den Paralympics in Rio

Mathias Schulze (32) aus Leipzig tritt bei den Paralympics in Rio de Janeiro im Speerwurf an und schreibt dort während der Spiele eine Klausur im deutschen Generalkonsulat.


Mathias Schulze beim Speerwurf
Doppelbelastung in Rio für Speerwerfer Mathias Schulze: Paralympischer Wettkampf und FernUni-Klausur in Entwicklungspsychologie.

Zweimal am Tag Training für die Paralympics in Rio, ein Vollzeit-Job beim Sportamt der Stadt Leipzig und die Vorbereitung auf die Klausur in Entwicklungspsychologie im Bachelor-Studiengang Bildungswissenschaft: Die Tage von Mathias Schulze (32) aus Leipzig hätten zuletzt eigentlich mehr als 24 Stunden haben müssen. Der FernUni-Student (Bachelor Bildungswissenschaft), der ohne linke Hand auf die Welt kam, tritt bei den Paralympics in Rio im Speerwurf an und schreibt während der Spiele eine Klausur im deutschen Generalkonsulat in Rio de Janeiro. Vor dem Abflug nach Rio haben wir mit ihm gesprochen.

Herr Schulze, wie laufen die Vorbereitungen für Rio?

Schulze: Ich komme gerade vom Training. Jetzt sitze ich in der Bibliothek und lerne für meine schriftliche Prüfung an der FernUni. Ehrlich gesagt: Das hätte ich mir leichter vorgestellt. Rio steht unmittelbar bevor. Meine Tage sind unheimlich voll. Da ist es schwierig, Zeit zu finden und Training, Job und Studium in Einklang zu bringen.

Ihre Klausur in Entwicklungspsychologie schreiben Sie während der Paralympics im deutschen Generalkonsulat in Rio de Janeiro. Das hört sich stressig an.

Schulze: Es ist meine letzte schriftliche Prüfung, um in die Vertiefungsphase zu kommen. Ich hätte sonst ein Semester verloren und finde es unheimlich toll, dass ich die Klausur in Brasilien schreiben kann. Aufgrund der Zeitumstellung muss ich schon um 9 Uhr morgens im Generalkonsulat sein. Die Verkehrssituation in Rio soll sehr schwierig sein. Ich kann nicht genau abschätzen, wie lange ich vom olympischen Dorf bis zum Prüfungsort brauche. Ich werde auf jeden Fall alles geben, um pünktlich zu sein.

Das heißt, Ihre Materialien der FernUni fliegen mit nach Rio. Was packen Sie ein?

Schulze: Ich habe mich natürlich schon ein bisschen vorbereitet. Jetzt kommt noch der Feinschliff. Inzwischen habe ich alles rausgeschrieben und auf Tonbänder gesprochen. Die nehme ich auf jeden Fall mit und höre sie mir per Kopfhörer unter anderem im Flieger nach Brasilien an. Wenn man keine Lust hat zu lesen, ist das eine gute Alternative. Und das Draufsprechen ist für mich Vertiefung. Leider gehört beim Thema Entwicklungspsychologie auch viel Auswendiglernen dazu.

Die FernUni bei den Paralympics in Rio

Die Paralympics in Rio finden vom 7. bis 18. September statt. Mit dabei sind auch weitere FernUni-Studierende. Marina Mohnen (Master Bildung und Medien) startet im Rollstuhlbasketball. Frederike Koleiski (Bachelor Psychologie) tritt in der Leichtathletik im Diskuswerfen an. Tobias Pollap (Bachelor Wirtschaftswissenschaft) ist bei den Schwimm-Wettkämpfen dabei. Also Daumen drücken!

Leistungssport, Vollzeitjob und Fernstudium - wie schaffen Sie das?

Schulze: Das Studium fällt komplett in meine Freizeit. Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe. Ich finde, das ist ein passendes Sprichwort. Außerdem unterstützt mich die Stadt Leipzig sehr – ich habe dort eine Sportförderstelle in Vollzeit. Für Rio habe ich Sonderurlaub.

Nach der FernUni-Klausur ist vor dem Wettkampf. Sie sind 2012 in London bei den Paralympics Fünfter im Kugelstoßen geworden. Was erwarten Sie sich von Ihrem Wettkampf in Rio?

Schulze: In London war eine Medaille in Reichweite. Ich war angekommen in der Weltspitze im Kugelstoßen. Diese Disziplin wird in Rio leider nicht mehr angeboten. Ich bin daher zum Speerwurf gewechselt. Das wäre bei den nichtbehinderten Sportlern undenkbar. Auch für mich sah es vor zwei Jahren noch schlecht aus. Aber im vergangenen Jahr ist dann der Knoten geplatzt. Mit einer Weite von 52,60 Metern habe ich mich jetzt für Rio qualifiziert und bin unheimlich froh, dabei zu sein. Mein Ziel ist ein Platz unter den besten Acht. Wenn ich Fünfter werde, wäre ich bester Sachse in der Leichtathletik. Das hat mir ein befreundeter Olympionike mit Blick auf die Olympia-Ergebnisse auf den Weg gegeben.

Wieviel Zeit bleibt Ihnen denn in Rio noch, um das paralympische Flair zu genießen?

Schulze: Da ich meine Klausur direkt am Anfang schreibe, bleibt genug Zeit für die Vorbereitung auf meinen Wettkampf am 13. September. Aber auch, um in Stadien zu gehen und Freunde zu unterstützen. Wir sind ein tolles Team. Jeder steht für den anderen ein. Und ich freue mich natürlich auf die Eröffnungsfeier und die Begegnungen mit Sportlerinnen und Sportlern aus anderen Ländern und Sportarten.

Carolin Annemüller | 02.09.2016