Verhältnis zwischen Phänomenologie und Praxistheorie diskutiert

Die Fachtagung des DFG-geförderten Projekts „Praktische Körper“ am Lehrgebiet Philosophie III zeigte, wie forschungsintensiv Philosophie an der FernUniversität ist.


Schon seit ihren Anfängen vor rund 100 Jahren sucht die Phänomenologie die Auseinandersetzung und den Dialog mit anderen Disziplinen. Bedeutsam ist dabei vor allem ihr Einfluss auf die Sozialwissenschaften, der sich nicht zuletzt daraus begründet, dass sie sich von Beginn an als „Erfahrungswissenschaft“ verstand. In der gegenwärtigen Forschungslandschaft ist es insbesondere die Nähe von Phänomenologie und Praxistheorie sowie der Potenziale ihrer interdisziplinären Wechselwirkung, der die internationale Tagung „Phänomenologie und Praxistheorie – Eine Verhältnisbestimmung“ vom 5. bis 7. September gewidmet war, die von Prof. Dr. Thomas Bedorf, Selin Gerlek (M.A.) und Dennis Clausen (M.A.) vom Lehrgebiet Philosophie III, Praktische Philosophie: Technik, Geschichte, Gesellschaft organisiert wurde.

Der Dekan der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, Prof. Dr. Frank Hillebrandt, dankte ihnen ausdrücklich für das interessante Programm und die Einladung internationaler und renommierter Kolleginnen und Kollegen als Vortragende: „Sie haben damit eine sehr ansprechende Tagung organisiert, deren Programm anspruchsvolle Diskussionen erwarten lässt.“

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Die Teilnehmenden...

Mit seiner Prognose sollte Prof. Hillebrandt Recht behalten: Die 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschränkten sich nicht darauf, die jeweils eigene Position bloß darzulegen. „Vielmehr vernehmbar war eine Streitlust im Interesse des Gegenstandes, d. h. um das Verhältnis zwischen Phänomenologie und Praxistheorie zu bestimmen“, so Selin Gerlek. „Wir haben sehr viel gelernt, mit dem wir weiterarbeiten können.“

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... wurden von Selin Gerlek und Dennis Clausen (links) begrüßt und über den Tagungsablauf informiert, Prof. Thomas Bedorf führte in die Thematik ein.

Mit Blick auf die Wahl des Themas „Phänomenologie und Praxistheorie – Eine Verhältnisbestimmung“ wies Prof. Hillebrandt, selbst ein ausgewiesener Experte für Praxistheorie, darauf hin, dass diese sich rezent als ein zentrales Paradigma der Kultur- und Sozialwissenschaften zu etablieren beginne. Demgegenüber sei die Phänomenologie eine weit verzweigte Fachrichtung und seit spätestens den 1950er Jahren wichtiger und fruchtbarer Ausgangspunkt für kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung in verschiedenen Disziplinen etabliert. Möglicherweise vermag, so Hillebrandt, die Verhältnisbestimmung von Praxistheorien mit so etablierten Richtungen der Geisteswissenschaften wie der Phänomenologie ein weiteres Indiz dafür zu liefern, dass die Praxistheorie zu einer ernst zu nehmenden Denk- und Forschungsrichtung geworden ist. Ähnlich wie die Phänomenologie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeige sie vielversprechende neue Ansatzpunkte des Denkens und Forschens auf.

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Den Eröffnungsvortrag hielt Volker Schumann.

Zwar nimmt die frühe Phänomenologie ihren Ausgangspunkt bei der Analyse von Bewusstseinsleistungen, während die Praxistheorie sich darauf festgelegt hat, dass alles zu Erkennende nur materiell zugänglich sei. Doch erweist sich die spätere Phänomenologie, die die Körperlichkeit der Subjekte in den Vordergrund rückt, als anschlussfähig an die Praxistheorie. Aufgrund dieser gemeinsamen Orientierung an der Materialität lebensweltlicher Praktiken wundert es nicht, dass sich denn auch die Frage nach der Materialität und Körperlichkeit der Praxis als ein wesentlicher Diskussionsstrang während der Tagung herausstellte.

Die Tagung ist Teil eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts zum Problemfeld der Körperlichkeit von Praktiken, das Thomas Bedorf und Selin Gerlek für das Institut für Philosophie der FernUniversität eingeworben haben. Hillebrandt: „Dies zeigt, dass die Philosophie hier in Hagen sehr forschungsintensiv ist.“

Weitere Informationen zum Forschungsprojekt: http://www.fernuni-hagen.de/philosophie/lg3/dfg_projekt_praktische_koerper.shtml

Gerd Dapprich | 21.09.2016