Kreativ grübeln – besser schlafen

Immer mehr Berufstätige nehmen ihre Arbeit gedanklich mit nach Hause. Was sie in der Woche nicht geschafft haben, vermiest ihnen das Wochenende. Doch es gibt Abhilfe, weiß Dr. Oliver Weigelt.


Endlich Wochenende. Ausspannen, den Hobbys nachgehen, gut schlafen… Oder auch nicht: Immer mehr Berufstätige nehmen ihre Arbeit – zumindest gedanklich – mit nach Hause. Besonders Aufgaben, die sie nicht geschafft haben, vermiesen ihnen das Wochenende. Vor allem nachts, denn wer zuhause wegen der Arbeit, die „liegengeblieben“ ist, voller Sorgen grübelt, schläft schlechter. Wer jedoch kreativ nachdenkt und Lösungen findet, kann sogar profitieren. Das hat eine dreimonatige gemeinsame Studie von Psychologinnen und Psychologen der Universität Trier und der FernUniversität in Hagen ergeben. Von der Hagener Hochschule arbeitete Dr. Oliver Weigelt, Arbeitsstelle Arbeits- und Organisationspsychologie, mit. Und 59 berufstätige FernUni-Studierende als Teilnehmende an der Studie.

Portraitfoto von Doktor Oliver Weigelt
Dr. Oliver Weigelt

„Wir wollten Berufstätige über längere Zeit wiederholt zu ihrer Arbeitswoche und zu ihrer Erholung am Wochenende befragen“, erläutert Dr. Weigelt. „Bisher ist die ‚beste Zeit der Woche‘ von der Erholungsforschung nur wenig beachtet worden.“ Dieses Vorhaben ließ sich Dank des virtuellen Labors und der teilnehmenden Psychologie-Studierenden der FernUni sehr gut umsetzen: 59 Psychologie-Studierende der FernUniversität führten dafür drei Monate lang Tagebuch zu ihren beruflich bedingten „Grübelgewohnheiten“. Viele von ihnen interessierten sich selbst für das Thema.

Freitagnachmittags füllte sie Online-Fragebögen aus, machten Angaben zu ihrem Arbeitsstress in der Woche, erlebtem Zeitdruck und unerledigten Aufgaben. Montags noch vor Arbeitsbeginn gaben sie an, wie gut sie geschlafen und ob und wie sie gegrübelt hatten: sorgenvoll oder problemlösend. Die Studie verlangte ihnen also einiges ab. „Dennoch haben uns einige rückgemeldet, dass sie ihnen die Teilnahme etwas gebracht hat“, erläutert Weigelt.

FernUni-Studierende im Bachelorstudiengang Psychologie sind angehalten, im Rahmen des Curriculums an psychologischen Studien teilzunehmen. Sie können so Einblicke in die Forschung nehmen, selbst aber auch einen Beitrag zu Forschungsvorhaben der psychologischen Lehrgebiete leisten. Die Befragungsdaten werden in der Regel in Abschlussarbeiten oder Forschungsvorhaben der Wissenschaftlichen Mitarbeitenden ausgewertet.

Eine interessante Erkenntnis ist, dass weniger die beruflichen Stressfaktoren wie etwa Zeitdruck die Schlafqualität kurzfristig beeinträchtigen. Vielmehr sorgen am Wochenende insbesondere unerledigte Aufgaben für Sorgen, für Grübeln und für Schlafprobleme. Bei diesem sorgenvollen Grübeln kommen immer wieder negative Gedanken über die Arbeit auf, nach Lösungen wird jedoch nicht gesucht.

Ebenso wie sorgenvolles Grübeln wird auch lösungsorientiertes durch unerledigte Aufgaben ausgelöst. Bei ihm wird aber kreativ über die Probleme nachgedacht. Das kann die Schlafqualität sogar verbessern. Allerdings ist dieser positive Effekt weniger stark ausgeprägt als der negative.

Dauerhafter Zeitdruck mindert Schlafqualität

Zeitdruck in der Arbeitswoche beeinflusst die Schlafqualität nicht unbedingt kurzfristig und schon am anschließenden Wochenende. Besteht jedoch langfristig dauerhaft hoher Zeitdruck schlägt sich dies auch in schlechterem Schlaf nieder. Ebenso wirkt sich das Gesamtlevel unerledigter Aufgaben über diesen Zeitraum aus. Teilnehmende, die über die drei Monate hinweg am häufigsten über unerledigte Aufgaben berichteten, schliefen schlechter. Und zwar unabhängig von den unerledigten Aufgaben der jeweiligen Woche. „Unsere Analyse zeigt also, dass der Schlaf nachhaltig beeinflusst wird, wenn immer mehr Stressfaktoren zusammenkommen“, fügt Weigelt hinzu.

Die Studie ist Teil einer umfangreichen Forschungskooperation, bei der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der FernUniversität und der Universität Trier das Zusammenspiel von Arbeit und Freizeit erforschen. Weigelt: „Für uns ergeben sich aus unserer Studie neue Fragen, die wir in Folgestudien aufgreifen werden.“

Eine Frau liegt entspannt auf einem Tuch im Gras und hat ein Buch aufgeschlagen auf ihr Gesicht gelegt.
Hoffentlich muss sie jetzt nicht sorgenvoll grübeln... (Foto: Thinkstock).

Abschalten von der Arbeit – aber wie?

Wie kann „Abschalten von der Arbeit“ in der Freizeit gefördert werden? Weigelt: „Aktuelle Studien zeigen, dass Beschäftigte konkrete Schritte formulieren und aufschreiben sollten, wie sie eine unerledigte Aufgabe konkret angehen oder lösen werden.“ Das einfache Rezept hilft besonders Menschen, die sich sehr stark mit ihrer Arbeit identifizieren.

Dass der Schlaf weniger stark durch unerledigte Aufgaben beeinträchtigt wurde, wenn die Teilnehmenden an ihrer Studie nicht nur sorgenvoll, sondern auch problemlösend grübelten, konnten auch Christine Syrek, Oliver Weigelt und die anderen beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler belegen: „Problemlösendes Grübeln erhöht die Chancen, entweder eine Lösung oder einen konkreten Plan zu entwickeln, um die noch ausstehenden Aufgaben zu bewältigen“, erläutert Weigelt. „Das subjektive Gefühl, die Aufgabe damit zunächst abhaken zu können, erleichtert das Abschalten. Das steht im Einklang mit Ergebnissen der Motivationsforschung. Es kann schon genügen, bereits am Freitag die Aufgaben für die kommende Woche zu planen.“

Wie lässt sich problemlösendes Grübeln fördern?

Weigelt vermutet auf wissenschaftlicher Grundlage: „Am Ende lässt dieses Abhaken belastender Aufgaben dann mehr Raum, um sich an Neues heranzuwagen – weniger aus Notwendigkeit, sondern mehr aus Neugier und Spaß an kniffligen oder kreativen Aufgaben.“ Diese Erfahrung, anspruchsvolle Aufgaben auch in ihrer Freizeit bewältigt zu haben, empfinden die meisten Personen als sehr positiv und bereichernd: „So starten sie erholter und vitaler in die neue Arbeitswoche.“

Weitere Ergebnisse Weigelts und seiner Kollegen legen den Schluss nahe, dass beispielsweise proaktives Verhalten – etwa Verbesserungen vorzuschlagen – Beschäftigten das Gefühl gibt, in der Woche viel bewegt oder erreicht zu haben. An der Studie teilnehmende Personen grübelten bei einer Vielzahl unerledigter Aufgaben nur dann mehr am Wochenende, wenn sie sich mit Verbesserungsvorschlägen eher zurückgehalten hatten. Engagierten sie sich dagegen stark abseits ihrer Kernaufgabe, waren unerledigte Aufgaben unproblematisch für das Wohlbefinden am Wochenende. „Dass man als Mitarbeiter das eine oder andere Ziel nicht bis zum Ende der Woche erreicht, lässt sich manchmal nicht vermeiden – gerade in Zeiten der Flexibilisierung und Entgrenzung von Arbeit. Die Ergebnisse der beiden Studien zeigen in meinen Augen aber eindeutig, dass es zahlreiche Möglichkeiten für Beschäftigte gibt, für sich selbst einen Ausgleich zu schaffen, wenn Aufgaben liegen bleiben. Wichtig sind sogar kleine Zwischenerfolge. Und das Gefühl voranzukommen.“

Weitere Informationen: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27101340

Gerd Dapprich | 27.10.2016