Die Erziehungswissenschaft im Bologna-Prozess

Die Reform hat eine Vielfalt an Studiengängen hervorgebracht. Was das über die zugehörigen Wissenschaftsdisziplinen aussagt, untersucht Prof. Cathleen Grunert von der FernUniversität.


Eine Frau steht am Redepult: „In der Erziehungswissenschaft gab es schon immer eine Debatte um den Kern des Faches“, sagt Prof. Cathleen Grunert.
„In der Erziehungswissenschaft gab es schon immer eine Debatte um den Kern des Faches“, sagt Prof. Cathleen Grunert.

Die Bologna-Reform hat in der deutschen Hochschullandschaft innerhalb weniger Jahre eine Vielfalt an Bachelor- und Masterstudiengängen hervorgebracht. Dabei stellt sich die Frage, was diese Veränderungen in den Studiengängen auch über die zugehörigen Wissenschaftsdisziplinen und deren Entwicklung aussagen.

In dem Forschungsprojekt „Erziehungswissenschaft im Bologna-Prozess – Strategien und leitende Orientierungen bei der Reform der Hauptfachstudiengänge“, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, untersucht Prof. Dr. Cathleen Grunert, Leiterin des Lehrgebiets Allgemeine Bildungswissenschaft an der FernUniversität in Hagen, diese Fragen primär für die Erziehungswissenschaft.

Tradierte Grundsatzdebatte

Erziehungswissenschaft, Pädagogik oder Bildungswissenschaft? Bereits an der grundlegenden Bezeichnung scheiden sich die wissenschaftlichen Geister. Das hat allerdings Tradition. „In der Erziehungswissenschaft gab es schon immer eine Debatte um die eigene Identität, um den Kern des Faches“, beschreibt Cathleen Grunert ihr Forschungsprojekt, das sie gemeinsam mit ihrer Wissenschaftlichen Mitarbeiterin Katja Ludwig betreibt. Die Bildungsforscherin stellte es jetzt auch im Rahmen ihrer Antrittsvorlesung im Hagener Forschungsdialog an der FernUniversität vor. Dabei verglich sie die Situation in der Erziehungswissenschaft mit der in der Soziologie, um Besonderheiten und Gemeinsamkeiten der disziplinären Entwicklung im Spiegel der Studiengänge herausarbeiten zu können.

90 Fächertitel

In einem ersten quantitativen Schritt haben die beiden Wissenschaftlerinnen alle Hauptfachstudiengänge erfasst, die maßgeblich von der Erziehungswissenschaft und der Soziologie verantwortet werden. Bereits durch die quantitative Erhebung zeichnete sich in der Erziehungswissenschaft ein deutliches Bild ab: Bei 186 erziehungswissenschaftlichen Studiengängen finden sich 90 unterschiedliche Fächertitel, in der Soziologie erscheinen die Fachbezeichnungen einheitlicher und konzentrieren sich auf „Soziologie“ oder „Sozialwissenschaft(en)“.

Die inhaltliche Analyse der jeweiligen Modulhandbücher und Studienprogramme ergab zudem ein deutlich homogeneres Bild im Bereich der Soziologie im Vergleich zur Erziehungswissenschaft. Hier zeigt sich, dass die inhaltlichen Schwerpunkte äußerst heterogen sind und kaum ein gemeinsames Verständnis über die Kernbestandteile eines erziehungswissenschaftlichen Studiums zu existieren scheint.

​​​Hohe Spezialisierung

„Auch vor der Bologna-Reform gab es ein breiteres Spektrum an Schwerpunkten im Diplom-Studiengang Erziehungswissenschaft. Daraus haben sich im Zuge der Bologna-Reform dann eigene Studiengänge gebildet, die durch hohe Spezialisierung charakterisiert sind“, beschreibt Grunert die Erkenntnisse aus dem quantitativen Teil des Projektes. Derzeit befinden sich Cathleen Grunert und Katja Ludwig „mitten im Verstehensprozess“ der Mechanismen, die dafür gesorgt haben. Im qualitativen Teil des Projektes wurden dafür Gruppendiskussionen an verschiedenen Hochschulstandorten durchgeführt, die aktuell ausgewertet werden.

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„Durch Bologna wurde überhaupt die Möglichkeit geschaffen für Pluralität und Vielfalt in Studiengängen. Oder genauer: für noch mehr Pluralität und Vielfalt“, so Grunert. Durch Bologna sei die tradierte Debatte um Spezialisierung und Ausdifferenzierung in der Erziehungswissenschaft auch in Studiengängen sichtbar geworden. Bologna wirkte wie ein Katalysator. Nichtsdestotrotz: „Im Vergleich bleibt die Soziologie als Disziplin im Kanon der akademischen Ausbildungsgänge eher sichtbar – trotz der auch hier vorhandenen Ausdifferenzierung in immer mehr Bindestrich-Soziologien“, so Grunert.

Typologie der Studiengänge

Eine Rolle für die Heterogenität in der Erziehungswissenschaft spielen zudem die Bedingungen an den einzelnen Hochschulstandorten, unter denen die Bachelor- und Masterstudiengänge eingeführt wurden. „Wie ist die Personalsituation, welches erziehungswissenschaftliche Portfolio kann ich mit der Anzahl an Mitarbeitenden überhaupt realisieren? Welchen Einfluss nehmen Hochschulpolitik und Hochschulleitung?“, skizziert Grunert. Entscheidend ist auch, wie hoch die Reputation des Faches an der Hochschule ist und welchen Einfluss die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor Ort haben. „Hierzeigen sich durchaus differente Umgangsweisen mit den Anforderungen des Reformprozesses“, ergänzt Katja Ludwig.

Diese Erkenntnisse sollen in einer Typologie der leitenden Orientierungen bei der Reform der erziehungswissenschaftlichen Hauptfachstudiengänge münden. „Sie soll auf die unterschiedlichen Muster der Bearbeitung der Reformanforderungen in der Erziehungswissenschaft aufmerksam machen und zeigen, was sich darin auch für die disziplinäre Verfasstheit der Erziehungswissenschaft ausdrückt“, so Ludwig.

​Auswirkungen für Studierende

Fest steht: Die Dynamik ist da, es etabliert sich etwas Neues – „das ist eine normale Entwicklung für eine Wissenschaftsdisziplin“, so Grunert. Interessant sei die Frage nach verbindenden Elementen der unterschiedlich ausgerichteten Studiengänge. Denn vor allem für Studierende ist dies relevant. „Wer den Master an einer anderen Hochschule als den Bachelor machen möchte, bekommt unter Umständen Anschlussprobleme. Unterschiedliche Schwerpunkte bedeuten unterschiedliche Inhalte.“

Wie geht die Disziplin wiederum damit um: etwa, in dem Propädeutika angeboten werden? „Das ist eine spannende Frage“, sagt Grunert, die auch in den folgenden Auswertungen Berücksichtigung finden wird.

Anja Wetter | 02.12.2016