Der Dschihad – eine Erfindung Kaiser Wilhelms II.?

Der Historiker Prof. Dr. Jürgen G. Nagel befasst sich mit den aufrührerischen Aktivitäten des Deutschen Reichs im Nahen und Mittleren Osten während des Ersten Weltkriegs.


Ein Mann steht am Redepult. Prof. Jürgen G. Nagel referiert über die ,orientalistische' Seite des Weltkrieg-Gedenkens 2014.
Prof. Jürgen G. Nagel referiert über die ,orientalistische' Seite des Weltkrieg-Gedenkens 2014.

Als Historiker schüttelt Prof. Dr. Jürgen G. Nagel den Kopf über Erklärungsansätze, die die Wurzeln des modernen Dschihads in die Zeit des deutschen Kaiserreiches zurückführen wollen und eine Verbindung zum Geschehen im 1. Weltkrieg ziehen.

Der Leiter des Lehrgebiets „Geschichte Europas in der Welt“ am Historischen Institut der Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften befasst sich mit den Aktivitäten des Deutschen Reichs im Nahen und Mittleren Osten während des Ersten Weltkriegs sowie deren Wiederentdeckung um den 100. Jahrestag des Kriegsbeginns.

Diplomatischer Dienst

Die Idee schien bestechend: Muslime in Afrika und Asien anzustacheln, einen Aufstand gegen die unterdrückenden Besatzungsmächte zu entfesseln und so die Entente-Mächte England, Frankreich und Russland zu schwächen. Daraus rechneten sich die Achsenmächte Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich einen Kriegsvorteil aus.

Wilhelm II. wollte die ,muslimischen Massen' mobilisieren und spannte seinen Diplomaten Max von Oppenheim ein. Ein ausgewiesener Kenner des Orients, der Arabisch sprach und gute Kontakte zu den Beduinen pflegte.

Er zog durch Syrien, Palästina, bereiste die Halbinsel Sinai und Nordwestarabien und suchte in Sultan-Kalif Mehmed V. einen (vermeintlich) einflussreichen Verbündeten. Von Oppenheim versorgte die islamische Welt mit Propagandamaterial – unter anderem mit comichaften Hetzblättern, die auch Analphabeten verstanden. Dazu hatte von Oppenheim sogenannte Nachrichtensäle im Osmanischen Reich eingerichtet. „Ihr Einfluss ist kaum messbar“, sagt Nagel.

Vier Personen stehen nebeneinander: Prof. Nagel mit seiner Frau Dr. Christine Kracht, Dekan Prof. Frank Hillebrandt und Rektorin Prof. Ada Pellert
Prof. Nagel mit seiner Frau Dr. Christine Kracht, Dekan Prof. Frank Hillebrandt und Rektorin Prof. Ada Pellert

Muslimische Kriegsgefangene wurden in Deutschland bevorzugt behandelt, um sie für sich zu gewinnen. Im „Halbmondlager“ in Wünsdorf bei Berlin entstand die erste Moschee auf deutschem Boden.

,Dschihad made in Germany'

Die Rechnung ging allerdings nicht auf. Von Oppenheim verklärte die Muslime zu „stolzen Wüstenkriegern“, so Jürgen G. Nagel. „Das hatte keine Relevanz in der damaligen politischen Situation.“ Der deutsche Dschihad erstickte im Keim. „Es gab keine Aufstände muslimischer Gruppen“, so der Fernuni-Historiker. „Der ,Dschihad made in Germany' ist an seinen romantisierten Vorstellungen gescheitert. Es gab nicht die homogene Gruppe von edlen, wilden Rittern des Orient, die Oppenheim plakativ zeichnete.“

Stattdessen sei die islamische Welt um 1914 stark fragmentiert gewesen – durch Aufstände und Erneuerungsbewegungen. „Muslime dachten damals nicht ständig an Dschihad – eher an einen arabischen Nationalstaat.“

Keine Kontinuität

Diese schon damals konstruierten Konzepte eines Heiligen Krieges auf heute zu übertragen, scheitert. „Der Islam ist eben keine einheitliche Kultur, der Dschihad nicht ihr essenzieller Bestandteil und der Kalif war nicht als d a s Oberhaupt anerkannt“, sagt Nagel. Daher sei es nicht legitim, eine Linie vom 1. Weltkrieg bis heute zu ziehen. „Das ist nicht belastungsfähig.“

Doch Nagel bleibt nicht hier stehen: „Was lehrt uns das?“ Der Wissenschaftler formuliert es als Appell: „Wir müssen kritischer und differenzierter mit dem Dschihad-Begriff umgehen. Es gibt eine Vielfalt und Varianten, die stets in Abhängigkeit der historischen Situation und Glaubensrichtung zu sehen sind.“ Der verschiedenen Erscheinungsformen des Dschihads können über Epochen und regionale Unterschiede interpretiert werden.

Terrorinstrument

So eben auch als Propagandaformel zur Unterfütterung panislamischer Rhetorik oder in seiner extrem-radikalen Ausprägung als globales Terrorinstrument zur Destabilisierung. Hier schlägt Nagel den Bogen zum IS, Islamischer Staat. „Der IS will einen Nationalstaat ausrufen, das macht seine ,Attraktivität' aus und fällt aktuell auf fruchtbaren Boden.“ Heute gebe es quasi viele, kleine Kalifate mit begrenzter Reichweitem, aber globalen Auswirkungen.

Anja Wetter | 01.12.2016