Rechtsquelle Wikipedia: Vom Ende der Ignoranz

Darf man sein eigenes Werk bei Wikipedia promoten? Diese Frage war der Auslöser, um die Tagung „Rechtsquelle Wikipedia“ in Hagen zu initiieren.


blick in das Plenum der Tagung
Auf großes Interesse weit über die Grenzen der FernUniversität hinaus stieß die interdisziplinäre Tagung zur umstrittenen Quelle Wikipedia.

Wikipedia

  • Wikipedia wurde laut Selbstauskunft im Januar 2001 als freies, kostenloses und vielsprachiges Online-Lexikon gegründet.
  • Heute ist Wikipedia das umfangreichste Lexikon der Welt und zählt zu den acht meistfrequentierten Internetseiten.

Darf man sein eigenes Werk bei Wikipedia promoten? Ein Streit unter Editoren über die Selbstdarstellung eines Hochschullehrers bei Wikipedia war der Auslöser für die intensive Beschäftigung mit der umstrittenen Wissensquelle Wikipedia. „Dass Wikipedia nun auch als Marktplatz in der Rechtswissenschaft genutzt wird, ist eine neue Dimension“, sagt Prof. Dr. Katharina Gräfin von Schlieffen, Leiterin des Lehrstuhls für Öffentliches Recht, juristische Rhetorik und Rechtsphilosophie an der FernUniversität in Hagen.

Mit ihrer Forschungsgruppe Rechtsrhetorik initiierte Prof. von Schlieffen daher die interdisziplinäre Tagung „Rechtsquelle Wikipedia“. Zwei Tage lang kamen Vertreterinnen und Vertreter der Wissenschaft, der juristischen Informationssysteme und von Online-Communities im Tagungshotel Arcadeon in Hagen zusammen, um Wikipedia als Wissens- und Rechtsquelle aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. „Bislang hat die Rechtswissenschaft dieses Phänomen mit all seinen Chancen und Risiken weitgehend ignoriert“, so Prof. von Schlieffen.

In der Rechtspraxis angekommen

Dabei ist Wikipedia längst in der Rechtspraxis angekommen: Gerichte setzen Fakten aus der Wikipedia als gerichtsbekannt voraus, sie entnehmen dort Definitionen und sogar Rechtsauffassungen. Jura-Studierende schöpfen aus der bequemen, kostenlosen Wissensquelle. Der Profi nutzt sie eher heimlich und findet dort Passagen, die ihm zu passenden Zitaten, Fachliteratur oder dem Einstieg in fremde Fachgebiete verhelfen.

„Jeder benutzt Wikipedia, aber keiner zitiert Wikipedia“, umschrieb Prof. Dr. Gabriele Zwiehoff, Dekanin der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, in ihrer Begrüßung den Status Quo. „Ignoranz hilft nicht weiter. Man sollte Wikipedia aufgeschlossen beobachten und reflektieren“, so die Botschaft der Dekanin. „Das Thema wird in Zukunft noch wichtiger.“

Blog, Video und Sammelband zur Tagung

Interessanter Forschungsgegenstand für die FernUni

Das sieht auch FernUni-Rektorin Prof. Dr. Ada Pellert so: „Wikipedia ist ein für die FernUniversität interessanter Forschungsgegenstand, weil es um Fragen der Arbeitsweise, Organisation und Qualitätssicherung orts- und zeitunabhängiger Formen der Wissensvermittlung geht.“

Das komplexe Thema wirft viele Fragen auf. Wie kann man Wikipedia verantwortungsvoll nutzen? Ist Wikipedia eine zitierfähige Quelle für wissenschaftliche Arbeiten? Wirken sich Recherchen und Belege mit Wikipedia auf den Inhalt rechtlicher Entscheidungen aus? Haben das Recherchieren und Belegen mit Wikipedia Auswirkungen auf das Recht? Welche Standards sind in der Qualitätssicherung verbindlich? Ist das Phänomen Wikipedia bezeichnend für eine allgemeinere Veränderung in der zunehmend virtuelleren Rechtswelt oder legt es lediglich alte, rechtskonstituierende Faktoren offen?

Über die Grenzen der unterschiedlichen Disziplinen hinweg bestand Konsens darüber, dass Wikipedia bei Laien und vielleicht auch bei Juristinnen und Juristen den Rechtswörterbüchern den Rang ablaufen wird – und zwar bei der begrifflichen Erstinformation, als Einstieg in die Literatur sowie zur Kartierung neuer Rechtsgebiete. Als Quelle für wissenschaftliche Arbeiten wird das Online-Lexikon unter Juristinnen und Juristen hingegen abgelehnt.

So wurde bei einer Podiumsdiskussion kontrovers die Frage der Autorität und der Manipulation bei Wikipedia aufgegriffen. Der Verlust individueller Autorschaft und damit die Zurechenbarkeit von Inhalten erscheinen als Problem. Die Ausgangsfrage, inwieweit Wikipedia Rechtsquelle sei, wurde differenziert beantwortet. Rein juristisch wollten die Teilnehmenden Wikipedia diesen Rang nicht zusprechen. Dagegen mochte niemand ausschließen, dass das Online-Lexikon tatsächlich Einfluss auf das Recht ausübt. Wikipedia sei eine Quelle für Alltagswissen und teilweise auch bereits ein anerkanntes Nachweisinstrument – was weitere Untersuchungen erfordert.

Auftakt für weitere Treffen

„Unsere Tagung war der Auftakt für weitere Treffen“, kündigt Prof. von Schlieffen deshalb an. Sie wird mit ihrer Forschungsgruppe Rechtsrhetorik die Wirkung von Wikipedia als Forschungsthema weiterverfolgen. Die Erkenntnisse werden auch in die Lehre der FernUniversität, etwa in das juristische Propädeutikum, einfließen. „Medienkompetenz bei Juristinnen und Juristen ist schon zu Beginn des Fernstudiums ein zentrales Anliegen“, so die Rechtswissenschaftlerin.

Carolin Annemüller | 15.03.2017